Da der Vielfraß (Gulo gulo), auch
Bärenmarder oder Järv genannt, selten ist und sein Revier
meist in unwirtschaftlichen Gegenden liegt, wusste man jarhundertelang
fast nichts über ihn. Demnach ist es nachvollziehbar, dass
man sich auch äußerst schwer tat, den Vielfraß
einer Gattung zuzuordnen. Er wurde deshalb z.B. im 18. Jahrhundert
vom schwedischen Systematiker Carl von Linné in seiner
ersten Ausgabe der "systeme naturae" (erschienen 1735)
ganz weggelassen. Das war bestimmt nicht wegen seiner Unbekanntheit
der Fall (die Schweden schätzen die Felle von Vielfraßen
sehr), sondern weil sich von Linné nicht sicher war, ob
der Vielfraß nun zu der Art der Hunde oder zu den Wieseln
gehörte.
In der heutigen Systematik ist der Vielfraß eine eigene
Gattung (Gulo) und gehört zu der Familie der Marder
und zur Unterfamilie der Wieselartigen. Es existieren zwei Unterarten:
der Europäische Vielfraß (Gulo gulo gulo) und
der Nordamerikanische Vielfraß (Gulo gulo luscus).
Durch
seinen schweren Körperbau und seine kurzen Beinen wirkt der
Vielfraß plump, schwerfällig und massig. Für einen
Marder wirkt er als zu groß, ist er doch mit eine Schulterhöhe
von 35-45 cm und eine Kopf-Rumpf-Länge von 70-105 cm größer
als ein Dachs. Der Vielfraß besitzt einen lang wallenden
und wasserabstoßenden Pelz, dessen Färbung nicht nur
stark regional, sondern auch individuell varriert. Das dichte
Fell ist meist dunkelbraun bis schwarz, mit hellen Streifen von
der Stirn über die Flanken bis zur Oberseite des Schwanzes.
Dieser ist kurz, dick und buschig, die Schwanzhaare sind dicht
und lang. Die Augen und Ohren des Vielfraßes sind klein
- im Gegenteil zu seinen kräftigen Pfoten. Diese verfügen
neben langen und teilweise rückziehbaren Krallen auch über
eine Spannhaut zwischen den Zehen. Mit seinen kräftigen Kiefer-
und Kaumuskeln kann der Vielfraß sogar dicke Knochen durchbeißen.
Die Männchen sind größer und schwerer als die
Weibchen.
Der Vielfraß besitzt einen ausgezeichneten Geruchssinn - selbst durch eine hohe Schneedecke kann er noch Aas wittern. Aufgrund dieser Sinneseigenschaft schnuppert der Vielfraß auf Nahrungssuche oft unter Steinen und umgestürzten Bäumen. Auch das Gehör ist sehr gut ausgebildet (und meldet sowohl Beute als auch Gefahr), während die Augen wohl hauptsächlich nur bei der Nahorientierung eine Rolle spielen. Als Laute sind Knurren, Kreischen und Fauchen bekannt.
Der
Vielfraß ist ein typisches Tier des Nordens mit weiter Verbreitung
von Skandinavien und Finnland bis in das nördliche Asien
sowie Nordamerika. Seinen bevorzugten Lebensraum findet er in
der nördlichen Nadelwaldregion und der Taiga. Zwar seltener,
aber nichtsdestotrotz hält er sich auch in der baumlosen
Tundra sowie in Fels- und Moorgebieten und in Gebirgsmassiven
bis zu einer Höhe von 4000 m auf. Lange Zeit galt der Vielfraß
als herumvagabundierendes, äußert gefräßiges
und agressives Tier ohne festen Wohnsitz. Erst ziemlich spät
wurde erkannt, dass der Vielfraß langzeitig feste Reviere
bewohnt. Das Revier eines weiblichen Alttieres umfasst dabei ein
Gebiet von 50 bis 350 km². Dieses Revier bewohnt sie von
April bis September alleine mit dem Nachwuchs. Männliche
Territorien umfassen 600 bis 2000 km² und überschneiden
sich somit mit den Revieren von drei bis vier Fähen. Diese
recht großen Reviere (einzelne Tiere wandern über 250
km) werden auf bestimmten Wegen durchstreift, durch Duftmarken
(bestehend aus Urin, Kot oder Duftsekreten von der Abdominal-
oder Vebtraldrüse) markiert und mutig gegen Geschlechtsgenossen
verteidigt.
Vielfraße sind meist Einzelgänger und sowohl des nachts auch als bei Tag aktiv, werden aber eher als nachtaktiv angesehen. Sie gelten als ausdauernde Läufer, da sie in ihrem kennzeichnenden trottenden Trab bis zu 70 km ohne Unterbrechung zurücklegen können - allerdings sieht diese Gangart äußerst plump aus und ist durch ihr Poltern nicht zum Anschleichen geeignet. Vielfraße können gut springen und klettern, sie erklimmen aber Bäume nur selten (etwa um Vorräte zu verstecken oder wenn sie in Bedrängnis geraten). Trotz seines Talents zum Springen, nutz der Vielfraß dieses niemals, um von Baum zu Baum zu springen. Die Bäume verlässt er in Marderart mit dem Kopf voran. Der Vielfraß kann auch gut schwimmen, doch tut er dies nicht gerne, nicht ausdauernd und taucht den Kopf dabei nicht unter. Zum Säubern wälzt er sich gerne und ausgiebig auf feuchter Unterlage, im Moor und in Schnee.
Wie
schon angedeutet, bewegt sich der Vielfraß im Sommer mit
großem Krach durch das Gelände. Dadurch werden größere
und gesunde Beutetiere rechtzeitig auf ihn aufmerksam. In dieser
Zeit ernährt er sich somit hauptsächlich von den Eiern
bodenbrütender Vögel, Wespenlarven, Insekten, pflanzlicher
Kost (vor allem Beeren), Kleinsäugern (besonders Lemmingen),
Reptilien, jungen Rentieren und Schaafen sowie natürlich
von Aas. Im Winter sieht das ganz anders aus, da er dann den meisten
Tieren überlegen ist. Denn nun ist er nicht nur leiser, sondern
auch schneller. Dank seiner großen Füße (sie
tragen nur ein Auflagegewicht von 27-35 g/cm²) sinkt er nicht
im Schnee ein und erbeutet deshalb selbst größere Tier
wie Rentiere, Hirsche und auch Elche, die ihm im Sommer und auch
auf verkrusteter Schneedecke problemlos entkommen könnten.
Diese größeren Tiere springt er an, verbeißt
sich im Nacken, verkrallt sich an ihnen und reitet auf diese Weise
oft mehrere 100 m weit, bis das Wild fällt. Weitere Beute
findet er in Schneehasen und -hühnern (die er durch einen
Nackenbiss tötet), oder aber er jagt anderen Raubsäugern
(wie z.B. Luchsen, Füchsen und Baummardern) die Beute ab.
Von der getöteten Beute reißt er große Stücke
ab und schleppt diese häufig mehrere Kilometer weit in bekannte
oder neue Vorratskammern. Diese Vorratskammern können Felsspalten
oder auch Bäume sein. Zur Not vergräbt er aber auch
seine Beute in weiche Böden, in die er eine Grube gräbt
und diese dann sorgfältig abdeckt. Erst später frißt
er dann am Tötungsplatz. Niemals jedoch, wie oft berichtet
wird, markiert er seine Beute mit Harn, um so andere Aasfresser
von seiner Beute fernzuhalten. Die tägliche Nahrungsmenge
sollte bis zu 850 g betragen.
Seine Lager legt der Vielfraß oft mehrfach an, diese dann in Felshöhlen, unter Wurzelstöcken von Bäumen sowie im dichten Geäst. Selbst im Winter, in dem er keinen Winterschlaf hält, besitzt er keinen ständigen Zufluchtsort.
Die Paarungszeit beginnt regional unterschiedlich von April bis August. Während dieser Zeit leben Männchen und Weibchen kurz zusammen. Die verzögerte Einpflanzung des Eies bewirkt eine Tragzeit von acht bis neun Monaten (sie schließt eine Periode verzögerter Embryonenentwicklung ein). Nach dieser Zeit werden somit von Februar bis April meist zwei bis drei, selten vier, blinde Junge in Verstecken im Wald geboren. Die Neugeborenen haben bei einer Geburtsmasse zwischen 70 und 85 g bereits ein Fell und sind neben ihrer Blindheit auch noch taub und zahnlos. Die Augen öffnen sich nach etwa 30 Tagen. Bis etwa zehn Wochen nach der Geburt werden sie gesäugt und bleiben bis Anfang Mai in der Höhle - es sei denn, die Familie muss vorher umziehen. Dies kann dann nötig werden, wenn der Bau direkt zerstört wurde, Schmelzwasser den Bau unbrauchbar machte oder auch als Vorkehrung gegen die Verfolgung durch den Menschen (durch die vielen Spuren ist ein Bau leicht erkennbar). Da oft neben dem Wurfbau Fährten des Männchens beobachtet wurde, ist eine Beteiligung an der Fütterung der Jungen nicht auszuschließen. Die Jungen bleiben lange in mütterlicher Obhut und da sie erst mit ca. einem Jahr selbstständig sind, schlagen sie im ersten Lebnswinter noch keine Beute. Erst im zweiten Lebenjahr können sie sich selbstständig ernähren. Die männlichen Jungen werden dann von der Mutter verjagt, während einige weiblichen Jungtiere für immer bei der Mutter bleiben. Vielfraße werden nach zwei Jahren geschlechtsreif, doch wird die Vermehrung durch die verfügbare Nahrungsmenge reguliert. Weibchen gebähren nur dann jährlich, wenn genügend Beute zur Verfügung steht, was bedeutet, dass in der der Regel die Fähen nur alle zwei bis drei Jahre gebähren. Das Höchstalter liegt bei 15 bis 18 Jahren, als natürliche Feinde sind Wölfe im Rudel, für Jungtiere Bär, Luchs, Rot- und Polarfuchs und der Adler zu nennen.
Auch der
Mensch ist seit jeher ein großer Feind des Vielfraßes,
macht dieser sich doch ganz gerne bei diesem unbeliebt. Einerseits
dringt er in Blockhütten ein und entwendet Vorräte,
andererseits stiehlt er Köder aus Fallen und verschleppt
letztere auch noch unauffindbar. Rentier- und Viehzüchter
kann er erheblich schädigen, weshalb er von jeher bei sämtlichen
Ureinwohnern seines Verbreitungsgebiets einen schlechten Ruf als
böses Tier und Unglücksbringer hat. In freier Wildbahn
mag er wild und aggressiv erscheinen, als Jungtier in menschlicher
Obhut aufgezogen, wird er hingegen sehr zahm und anhänglich.
Das Verbreitungsgebiet und der Bestand des Vielfraßes sind
in den letzten 100 Jahren zurückgegangen. Auch wenn der Vielfraß
noch nicht vom Aussterben bedroht ist, als gefährdete Art
ist er trotzdem anzusehen. Glücklicherweise wird er nur noch
selten wegen seines Pelzes geschossen, welcher dann ungefähr
einen Wert von 200 $ hat.
Im Vergleich zum 16. und 17. Jahrhundert ist dies recht billig - früher waren
seine Pelze wesentlich wertvoller und eine begehrte Handelsware
in nordischen Ländern. So nahm z.B. die sibirische Stadt
Turinsk den Vielfraß als Symbol für den städtischen
Handel in ihr Wappen auf.