Befragt
man ein Lexikon zum Thema 'Runen', dann bekommt man meist die
Information, dass es sich dabei um germanische Schriftzeichen
handelt, die ursprünglich in Holz und später auch in
Stein, Elfenbein und ähnliche Materialien geschnitten und
geritzt wurden. Anfangs sollen sie fast nur für Inschriften
und dergleichen benutzt worden sein. Erst in der späteren
Zeit (und nur in Skandinavien) wurden Runen auch als eine Art
von Handschriften verwendet.
Durch die Ähnlichkeiten zur altgriechischen Schrift wird
vermutet, dass die Runen nach dem Muster südeuropäisch-nordalpiner
Alphabete in den Jahrhunderten v. Chr. entstanden sind. Anfangs
wurde ein Alphabet von 24 Zeichen entwickelt (gemeingermanische
Runen, nach den ersten sechs Buchstabenzeichen Futhark genannt),
später durch friesischen Einfluss und in England zu 28 Zeichen
erweitert (angelsächsische Runen). In Skandinavien kam es
durch Vereinfachung zu einer Verkürzung auf 16 Zeichen (skandinavische
Runen). Soweit die Lexika.
Wer aber schon einmal in einer Bücherei an einer Esoterik-Ecke vorbeigeschlendert ist, wird nun aufgrund dieser schlichten Nüchternheit ein wenig unzufrieden sein. Schließlich gibt es unzählige Bücher und Orakelanleitungen zum Thema Runen, so dass man schon gerne ein wenig mehr darüber wissen will.
Doch bleiben wir vorerst auf der wissenschaftlichen Basis:
"Rune" bedeutet 'geheim' oder 'verborgen'. Dies wird
z.B. offensichtlich, wenn man sich die Verwandtschaft zum deutschen
Wort "raunen" oder zum irischen "rún",
was so viel wie 'ein Geheimnis' bedeutet, deutlich macht.
Über die genaue Herkunft der Runen gibt es unterschiedliche
fachliche Meinungen und Diskussionen. So gibt es Fachleute, die
die Meinung vertreten, dass die Runen auf griechisch/lateinischen
Buchstaben beruhen. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Alphabeten,
ihre Ausrichtung und Form ist zu groß, um ignoriert zu werden.
Andererseits gibt es historische und auch archäologische
Funde, die einen Ursprung in Norditalien vermuten lassen. Dieser
Ursprung würde auch erklären, wieso die Runen dem lateinischen
Alphabet ähneln - beide Schriften haben ihre Grundlagen aus
dem Etrusikischen.
Auch über die Entstehungszeit gibt es verschiedene Theorien.
Setzt man die gemeinsame Entstehung aus dem Etruskischen voraus,
so würde die Entstehungszeit des "Futharks" (das
runische Alphabet) vor dem ersten Jahrhundert angesetzt werden
müssen. Aus liguisitischer und phonetischer Sicht ergibt
sich aber ein etwas früheres Datum: ca. 200 vor Christus.
Pre-runische Symbole (hällristningar) aus der Bronze Zeit
sind, in erster Linie in Schweden, als Steininschriften gefunden
worden. Einige dieser Symbole kann man ohne weiteres als spätere
Rune erkennen, während andere nur das Konzept oder die Idee
einer späteren Rune wiedergeben. Die genaue Bedeutung dieser
alten Zeichen ist uns nicht mehr bekannt, ebenso wenig wie ihr
Zweck. Man geht aber davon aus, dass sie als Orakelhilfe genutzt
wurden, weswegen Runen heutzutage eine magische Funktion zugeschrieben
wird.
Egal wo und wann die Runen entstanden, sie wurden auf alle Fälle in Nordeuropa vom 1. Jahrhundert bis weit ins Mittelalter hinein benutzt. Durch die Christianisierung setzte sich mehr und mehr die lateinische Schrift durch, die Runen verschwanden als allgemeines Schriftsystem. Die Bedeutung der Runen und ihre Formen blieben uns aber auf Inschriften (auf sogenannten Runensteinen) und Manuskripten erhalten.
Der Name "Futhark" ist ähnlich aufgebaut wie "Alphabet":
er besteht aus den ersten Buchstaben der Schriftreihe, die sich
erheblich von der lateinischen unterscheidet. Das Futhark bestand
ursprünglich aus 24 Zeichen, welche in drei Gruppen, sogenannte
Geschlechter, von jeweils acht Runen unterteilt wurden. Diese
24 Runen sind als das alte oder gemeingermanische Futhark bekannt (siehe folgende Abbildung).

Etwa im 5. Jahrhundert n. Chr. änderten sich die Runen, zu
erst in Friesland. Zu dieser Zeit fielen die Angelsachsen in Britannien
ein, womit zum ersten Mal Runen auf der Insel auftraten. Die Vermischung
der Sprachen fügte zwischen fünf und neun Runen ein,
damit das Alphabet die neuen Laute darstellen konnte. Dieses Alphabet
wird "Anglo-Saxon Futhark" genannt (siehe folgende Abbildung).

In Skandinavien blieb das ältere Futhark bis ins 8 Jahrhundert im Gebrauch (die Zeit der Eddas). Zu dieser Zeit änderte sich die Sprache auch hier und so wurden wiederum die Runen der Sprache angepasst, um die Laute darzustellen. Allerdings reduzierte das "Jüngere Futhark" die Runen von 24 auf 16, und einige Runen standen nun für mehrere Laute. Die Form der Runen wurde ebenso geändert und vereinfacht. Dieses Alphabet brachte mehrere, meistens länderspezifische, Variationen hervor.
In der Zeit, als die nordischen Völker die Schriftzeichen übernahmen und sie zu ihrem System umformten, gaben sie den Zeichen Namen, die sich auf Aspekte ihres täglichen Lebens bezogen. Dadurch transformierten sie die einfachen Piktogramme in ein magisches Alphabet, welches zur Magie und Wahrsagerei (Divination) benutzt werden konnte. Demnach hatten die Runen also noch eine andere Funktion, als ein bloßes Alphabet zum Schreiben. Eine der wesentlichen Charaktereigenschaften, die somit die Runen vom lateinischen Alphabet unterscheidet, ist die, dass jede Rune nicht nur einen phonetischen Wert hat, sondern auch eine Bedeutung. So steht die Rune Fehu nicht nur für den Laut F, sondern auch für das Wort "Vieh". Im übertragenen Sinne, und um die magische und divinatorische Beziehung deutlich zu machen, kann Fehu somit auch für Reichtum stehen.
Aus diesem Grund erleben die Runen mit dem heutigen Esoterik-Boom eine Wiederauferstehung. Leider nicht die erste, denn wurden Runen schon im Drittem Reich zu Propagandamitteln pervertiert. Erst knappe fünfzig Jahre vorher, gegen Ende des 19 Jahrhunderts, waren die Runen im Zuge der völkischen Bewegung wiederentdeckt und wissenschaftlich untersucht worden.
Eine sehr ergiebige Informationsquelle für mich war das Buch 'Raido: The Runic Journey' von Jennifer Smith. Daraus habe ich auch die Abbildungen der beiden Futharks entnommen.