Würden nicht so viele Zeichen gesetzt, könnte man sich leichter orientieren.
Aphorismen von Ernst R. Hauschka fielen mir immer wieder auf der letzten Seite des P.M.-Magazins auf. Und dann merkt man sich den Namen, recherchiert ein wenig und findet noch viel viel mehr Zitate, die es verdient haben, auch hier veröffentlicht zu werden:
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Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überläßt? Ohne Vorbehalte kann man nur mit jemandem diskutieren, wenn dieser von der Sache nichts versteht. Wer Phrasen drischt, wird Phrasen ernten. Ein schlummernder Argwohn wird erst dann gefährlich, wenn man ihn weckt. Das Leben ist wie eine Treppe: Wir wissen nie, ob es mit uns aufwärts oder abwärts geht. Katastrophen stören unseren Schlaf, aber sie rufen uns zur Besinnung. Der Verstand ist wie eine Fahrkarte: Sie hat nur dann einen Sinn, wenn sie benutzt wird. Das Aufschieben ist nur dann eine gute Sache, wenn es keine Termine gibt. Wir hoffen immer auf den nächsten Tag. Wahrscheinlich erhofft sich der nächste Tag einiges von uns. Verhandeln statt Krieg führen heißt Zugeständnisse machen statt getötet zu werden. Gegen das zunehmende Wissen der Menschen wäre nichts einzuwenden, wenn sie dadurch gescheiter würden. Das Lesen im Bett zeugt von völliger Hingabe an die Kunst: Man überläßt es dem Dichter, wann man einschläft. Wer einmal über's Ohr gehauen wurde, der hört beim nächsten Mal besser. Der Ärger ist als Gewitter, nicht als Dauerregen gedacht; er soll die Luft reinigen und nicht die Ernte verderben. Wer nichts zu sagen hat, der sollte lieber gut essen, anstatt zu reden. Die meisten Touristen sind wie junge Hunde: Sie beschnuppern alles und lernen nur wenig dazu. Die unangenehmsten Reichen sind die, die nicht einsehen wollen, wie arm sie sind. Versuchungen sind wie eine Stechmückenplage: Während wir eine erschlagen, sind tausend andere da. Die Ungerechtigkeit der Geschichte besteht darin, daß wir die gleichen Augen und Ohren haben wie unsere Vorfahren, obwohl wir weit mehr hören und sehen als sie. Die bescheidenen Menschen wären die berufenen Politiker, wenn sie nicht so bescheiden wären. Wenn man in seinen Gedanken versinkt, darf man sich nicht mit seichtem Wasser begnügen. Wenn ein Schuß kracht, fliegen die Sperlinge auf: so geht es den Bedenken, wenn ein Entschluß gefaßt wird. Manchmal kann man die Vergangenheit mit den Sinnen festhalten: Die eine riecht nach wohltuender Erinnerung, die andere stinkt zum Himmel. Mancher hält das Gewissen für ein Kleidungsstück, das man so lange bearbeitet, bis es passt. Man glaubt gar nicht, wieviel gedruckt wird, ohne daß es jemals gelesen wird. Genau die Kraft, die gefehlt hat, um einen Sieg zu erringen braucht man, um eine Niederlage zu verkraften. Manchmal erzielt man durch eine grobe Wahrheit mehr Achtung als durch eine fadenscheinige Ausrede. Der wahre Charakter eines Armen offenbart sich erst dann, wenn er reich geworden ist. An nichts gewöhnt man sich so schnell wie an das langsame Arbeiten. Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen. Bei sorgsamer Pflege kann aus einer kleinen Unzufriedenheit mit der Zeit eine stattliche Verdrossenheit werden. Der Hund erschnüffelt die Welt, der Mensch erdenkt sie sich. Die Technik erleichtert unser Leben, Bücher ermöglichen es. Ein guter Freund ist wie eine gute Medizin: Er lindert unsere Qualen, schenkt uns neue Kräfte und vermittelt uns das Gefühl, nicht krank, sondern gesund zu sein. Eine Bibliothek macht es möglich, daß einer den Marx sucht, den Schopenhauer findet und die Bibel entleiht. Erst wenn wir dunkelste Stunden überlebt haben, ahnen wir, was Auferstehung ist. Im Nachruft schrumpft der unausstehliche Dickschädel zu einer edlen Marmorbüste zusammen. Manche hübsche Weintraube eines Weisen lebt weiter als Rosine im Kopf eines Narren. Wer Ausdauer besitzt, ist fast schon am Ziel. Wer zu viele Verdachtsmomente gegen andere anhäuft, macht sich zunächst einmal selber verdächtig. Wir haben manchmal den Eindruck, man würde uns eine Frage stellen, aber es war eine Falle. Neid ist die Eifersucht darüber, daß sich Gott auch mit anderen Menschen außer uns beschäftigt. Wer im Geld schwimmt, hält einen Rettungsring für eine Zumutung. Schon mancher dumme Verlierer wurde der heimliche Sieger. Wenn ein freundlicher Mensch auch noch zuverlässig ist, dann haben wir es schon mit einem halben Engel zu tun. Auch Falten und Runzeln weichen zurück, wenn ein Lächeln sie überstrahlt. Ein abgewählter Politiker ist ebenso interessant wie ein alter Fahrplan. Erst nach dem Umfallen zeigt das Stehaufmännchen, was es kann. Für jeden Menschen auf der Welt geht einmal die Sonne auf - nur der Zeitpunkt ist verschieden. Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie ertragen kann. Um zu wissen, was ich wert bin, müsste ich wissen, wer mich wiegt. Man kann über alles streiten, denn streiten verpflichtet zu gar nichts. Farben sind die Töne der Stille. Das Schnüffeln ist eine Meisterleistung der Tiere; beim Menschen wirkt es ausgesprochen peinlich. Nicht wer Zeit hat, liest Bücher, sondern wer Lust hat, Bücher zu lesen, der liest, ob er viel Zeit hat oder wenig. Das wenigste, das man liest, kann man brauchen; aber das meiste, was man braucht, hat man gelesen. Viele Mißverständnisse entstehen dadurch, daß ein Dank nicht ausgesprochen wird, sondern nur empfunden. Natürlich scheint die Sonne über Gerechte und Ungerechte. Nur - die Gerechten erachten es als Geschenk, die Ungerechten halten es für selbstverständlich. Je weniger der Mensch weiß, desto rascher und sicherer und endgültiger fällt er seine Urteile. |
Ernst R. Hauschka kam als Vertriebener 1946 nach Regensburg und studierte hier und in München Philosophie, Pädagogik, Theologie und Zeitungswissenschaft. Im Jahr 1957 wurde er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Doktor der Philosophie promoviert. Von 1956 bis 1988 war er im Höheren Bibliotheksdienst in Bayern tätig. Heute lebt er als Leitender Bibliotheksdirektor a.D. in Regensburg. Seit 1965 hat er 31 Bücher verfaßt, davon 17 Aphorismenbände. Zahlreiche seiner Aphorismen wurden in Kalendern, Zeitschriften und Sammelwerken veröffentlicht. Ernst R. Hauschka ist ordentliches Mitglied der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste in München und Träger zahlreicher literarischer Auszeichnungen und Preise.