Ende der Todesanzeige: Er ist nicht tot. Er hat seine Lebensweise geändert.
Mit diesem Aphoristiker, namens Stanislaw Lec, bin ich erst durch das Lesen eines anderen hoch interessanten Buches in Berührung gekommen. Marcel Reich-Ranicki beschreibt in seiner Biographie "Mein Leben", seine Begegnungen mit Lec und hatte dabei die Güte, zwei-drei seiner Aphorismen in das Buch mit aufzunehmen. Diese fand ich alle so treffend, dass ich mir kurz darauf das Gesamtwerk Lecs kaufte - ich habe es nicht bereut!
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Wer in der Schublade keinen
Platz hat, der sorge für einen Sarg. Viele, die ihrer Zeit vorausgeeilt waren, mußten auf sie in sehr unbequemen Unterkünften warten. Aus einer Reihe von Nullen macht man leicht eine Kette. Das schwächste Glied einer Kette ist ihr stärkstes. An ihm reißt die Kette. Die Uhr schlägt. Alle. Düstere Fenster sind oft ein klarer Beweis. Wie übt man das Gedächtnis, um vergessen zu lernen? Das Paragraphenzeichen allein sieht aus wie ein Folterwerkzeug. So mancher Bumerang kommt nicht zurück. Er wählt die Freiheit. Erzählt nicht von euren Träumen. Vielleicht kommen die Freudianer an die Macht! Ohne die Kenntnis der fremden Sprache wirst du niemals das Schweigen des Ausländers verstehen können. Schade, daß man ins Paradies mit einem Leichenwagen fährt! Ein Hahn besingt sogar den Morgen, an dem er in den Suppentopf wandert. Im Anfang war das Wort - am Ende die Phrase. Man kann das "Lied der Freiheit" nicht auf dem Instrument der Gewalt spielen. Ob Fische, die durch die Maschen eines Netzes hindurchfallen, an Minderwertigkeitkomplexen leiden? Etwas ist faul im Staate Dänemark! Oh, wie riesengroß ist Dänemark. Es bedarf große Geduld, um sie zu lernen. Den Blick in die Welt kann man mit einer Zeitung versperren. Charaktere sind unzerbrechlich - aber dehnbar. Wer seinen Kopf verlor, dem tut er oftmals weh. Hat ein des Rechnens unkundiger Mensch, wenn er ein vierblättriges Kleeblatt gefunden hat, kein Recht, glücklich zu sein? Man kann auch ein Virtuose des falschen Spiels sein. Wegweiser stehen auf der Stelle. "Wir werden ihn nur ein bißchen mit dem Finger drohen", sagte er und legte diesen an den Abzug. Am leichtesten verirrt man sich in einem Wald, wenn er gefällt ist. Wir haben es verlernt, Grabmäler von Denkmälern zu unterscheiden. Auch zum Zögern muß man sich entschließen. Die Welt zu bevölkern ist leicht. Sie zu entvölkern ist leicht. Also, was ist schwer? Manchmal muß man verstummen, um gehört zu werden. Geh nicht ausgetretene Pfade - du wirst ausrutschen. "Aus einem Kreuz könnte man zwei Galgen machen" - sagte geringschätzig der Fachmann. Scheiterhaufen erleuchten nicht die Finsternis. Marionetten lassen sich sehr leicht in Gehenkte verwandeln. Die Stricke sind schon da. Wenn alles stimmen soll, muß etwas nicht stimmen. Auch uns nennt man im Westen den Osten, und im Osten den Westen. Niemals kann die Welt jenen vergeben, die nichts verschuldet haben. Ich stimme mit der Mathematik nicht überein. Ich meine, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist. Seien wir diskret. Fragen wir die Toten nicht, ob sie gelebt haben. |
Stanislaw Lec wurde 1909 in Lemberg geboren und ging dann in Wien zur Schule. Nach der Besetzung Polens wurde er ins Konzentrationslager gebracht, wo ihm kurz vor seiner Hinrichtung die Flucht gelang. Er tauchte bei polnischen Partisanen unter und überlebte so den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg trat Lec in den diplomatischen Dienst Polens und lebte bis 1950 als Presseattaché in Wien. Nach einer kurzen Zeit in Israel kehrte er 1952 nach Warschau zurück, wo er am 7.5.1966 verstarb.