Bücher der Zeit von Filip Głowacz – erschienen bei Giant Roc
Wenn zwei meiner liebsten analogen Beschäftigungsformen eine Fusion eingehen, dann kann ich das nicht ignorieren. Denn spätestens als ich erste Bilder von BÜCHER DER ZEIT gesehen habe, war der unbedingte Reiz des Ausprobierens vorhanden – selbst wenn ich im realen Leben gerne große Bögen um Aktenordner mache.
Thema... ist eher speziell und kommt ein wenig um die Ecke. Als Bücherfans wollen wir die Menschheitsgeschichte aufschreiben. Allerdings sind wir dabei ziemlich faul. Denn es reicht uns aus, lediglich schon geschriebene Seiten neu in unsere Bücher anzuordnen. Klarer Fall für VroniPlag, würde ich meinen. Aber wen interessiert das am Ende schon schon, wenn wir damit die meisten Vermächtnispunkte gesammelt haben und unsere Enzyklopädie sich wie geschnitten Brot verkauft.
Illustrationen… sind von Zbigniew Umgelter und Aleksander Zawada, den Hausillustratoren von Board&Dice (dem Verlag, in dem BÜCHER DER ZEIT ursprünglich erschienen ist). Dabei treffen sie mit ihren Arbeiten wieder gut den Geist des Spiels und bieten auch einige schöne Details.
Ausstattung… ist üppig. So üppig, dass ich immer Probleme habe, am Ende einer Partie alles wieder in die Box zu bekommen, ohne dass der Deckel noch absteht. Dabei erweisen sich die titelgebenden Bücher als größtes Problem. Denn das sind gar keine Bücher, sondern eigentlich Mini-Aktenordner mit deren typischen Schnappverschluss. Diese "Bücher" sind somit ziemlich unhandlich beim Verstauen ist. Während des Spiel erfüllen sie aber formvollendet ihren Zweck, können wir doch damit problemlos unsere Werke erweitern.
Dazu gibt es eine Unmenge an vorgelochten Karten in den drei Farben, die auch unser drei Bücher haben. Außerdem gibt es noch ein neutrales braunes Buch. Das ist die Chronik, die vor allem als Rundenzähler dient. Ansonsten sind in der Box noch eine Menge an Pappplättchen sowie ein zentraler Spielplan. Dieser ist jedoch bloß ein Platzhalter für drei Leisten, die mit den farbigen Büchern korrespondieren, sowie die Siegpunktanzeige.

Ablauf… 16 Runden lang blättern wir Seite für Seite in der Chronik. Dabei können wir einen dort abgebildeten Bonus nutzen sowie zusätzlich eine eigene Aktion ausführen. Dafür stehen uns verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. So können wir uns Karten aus der offenen Auslage aussuchen, um diese in eine Zwischenablage zu legen. Oder aber wir heften solch zwischengelagerte Karten in unsere Bücher, wofür wir aber die entsprechenden Material-Kosten übernehmen müssen. Wir können aber auch in unseren Büchern lesen: intensiv in einem Buch, in dem wir die komplette Doppelseite ausführen, oder aber flüchtig in allen Büchern, um dann aber nur die Sofortboni zu nutzen. Egal in welcher Art wir lesen, wir blättern dann jeweils eine Seite weiter. Kommen wir dadurch ans Ende des Buches, schlagen wir es wieder neu auf Seite 1 auf. Wir können aber auch vorher schon als Aktion ein Buch neu starten, womit wir wieder manche Sofortboni aktivieren können.

Bei der Bestückung der einzelnen Bücher sollten wir uns übrigens genau überlegen, welche Seiten wir dort einordnen. Denn für jedes Buch können wir sogenannteMeilensteine aktivieren. Diese geben vor, welche Seiten-Symbole wir sammeln sollen, um dafür am Ende Punkte zu erhalten. Zusätzlich befinden sich auf dem zentralen Plan Leisten, auf denen wir unsere Marker nach oben schieben können, um – Überraschung – wieder Boni oder Punkte frei zu schalten.
Das gefällt mir nicht so gut: So ungewohnt das Thema und so hoch der Aufforderungscharakter der Mini-Aktenordner ist: Das eigentliche Spiel bietet wenig Neues. Wir versuchen unsere Aktionen zu optimieren, um dann am Ende über hochwertige Sets viele Punkte zu erreichen. Ganz oft tauschen wir dabei Ressourcen in andere, nur am damit dann neue Seiten in unsere Bücher einbauen zu können.
Insgesamt fehlt mir dabei ein wenig der Deckbau-Aspekt, den ich mir eigentlich von der Mechanik erhofft hatte. Durch die Art der Wertung sind wir bestrebt, so viele Seiten wie möglich in unsere Bücher abzulegen. Denn einerseits ergeben somit die Meilensteine mehr Punkte und andererseits erhalten wir am Ende aller Leisten ebenfalls Punkte für viele Seiten in der entsprechenden Farbe. Dabei ist dann häufig die mögliche Aktion der Seite gar nicht mehr so wichtig, Hauptsache das Symbol passt zu den Meilensteinen. Und an die dafür notwendigen Ressourcen komme ich schon irgendwie.
Somit ist das Ziel trotz der vielen möglichen Aktionen immer klar umrissen. Wir sind nun alle bestrebt, maximal effizient zu sein. Womit in größeren Runden die Gefahr der Analyse-Paralyse droht. In 4er-Runden überschreiten wir regelmäßig die angegebene Spielzeit von 45 bis 60 Minuten etwa um das Doppelte – und dabei sind selten große Grübler anwesend. Aber es will schon einiges geplant werden, was schlicht Zeit zum Nachdenken benötigt. Aufgrund neuer Angebote in der Auslage und der wechselhaften Chronik kann ich auch nur bedingt im Voraus planen. Solange ich selbst am tüfteln bin, stören mich die Wartezeiten nicht. Im 4‑Personenspiel schaue ich aber größtenteils den anderen beim Denken zu, was selten interessant ist. Aus diesem Grund würde ich in BÜCHER DER ZEIT in Zukunft nur noch maximal zu dritt spielen, am besten gefällt es mir als 2‑Personen-Spiel. Dementsprechend überrascht es nicht, dass dem Spiel noch eine ausführliche Solo-Kampagne beiliegt. Ohnehin ist BÜCHER DER ZEIT ein weiterer Vertreter der weit verbreiteten Multi-Player-Solitär-Spiele – was ich wertfrei verstanden wissen will.
Mit der Symbol-Sprache bin ich übrigens nur bedingt zufrieden. Nicht immer erschließt sich mir diese auf dem ersten Blick. Dankenswerterweise werden uns aber Spielhilfen an die Hand gegeben, die diesen Namen auch verdienen. Bleibt nur das Problem, wo ich denn all das Material vernünftig auf dem Tisch anordnen soll. All zu klein sollte die Spielfläche jedenfalls nicht sein.
Das gefällt mir gut: Als bekennender Würfelschubser und Buchliebhaber gefällt mir die gestellte Aufgabe. In den 16 zur Verfügung stehenden Runden versuche ich meine Werke zu optimieren, um so viele Meilensteine wie möglich zu erfüllen. Dabei hat das Spiel auch noch einen kleinen Kniff zu bieten. Ich kann den obersten Meilensteine entfernen, wofür ich mal wieder einen Bonus erhalte. Dadurch wird aber die Anforderung in diesem Bereich schwieriger. Riskiere ich dabei zu viel, kann ich am Ende leer ausgehen, weil ich zwar den vorherigen Meilenstein erfüllen konnte aber nicht mehr den aktuellen. Ich kann also selbst wählen, wie sehr ich auf den ein oder anderen Bereich zocken will.
Die drei Bücherfarben unterscheiden sich übrigens wohltuend voneinander. Setze ich mehr auf die grünen Karten, dann fühlt sich das Spiel etwas anders an, als wenn ich bspw. auf die gelben Karten spiele – zumal sich auch die farbigen Leisten voneinander unterscheiden. So kann ich durchaus unterschiedliche Spielweisen forcieren.
Für Abwechslung sorgt übrigens auch die zufällig zusammengestellte Chronik, bei der auch nicht immer alle möglichen Seiten für eine Partie benutzt werden. Dieses verspielte Element hat ohnehin mein Herz gewonnen! Es ist ein schöner Einstieg in die aktuelle Runde, eine Seite darin umblättern zu dürfen. Sofort springt dann die Optimierungsmaschine in meinem Kopf an, um die dortigen Möglichkeiten perfekt in meinen kommenden Spielzug zu integrieren. Das kleine zusätzliche Podest für die Chronik ist natürlich völlig unnötig, sorgt aber für Atmosphäre.
Die Ausstattung von BÜCHER DER ZEIT ist ohnehin top. Die kleinen Akten-Ordner erfüllen perfekt ihren Zweck, auch wenn wir vorsichtig im Gebrauch sein sollten – all zu schnell sind mal die Fingerkuppen eingeklemmt. Aufgrund des unverbrauchten Themas und der unterstützenden Gestaltung haben wir dabei glücklicherweise auch nicht das Gefühl, in einer Amtsstube zu sitzen und Akten abzuarbeiten. Besonders gut gefällt mir, dass die vorgestellten Personen und Ereignisse am Ende der Anleitung mit einem passenden Info-Kasten gewürdigt werden. Dabei ist die redaktionelle Auswahl lobenswert, die einen all zu westlichen und männerdominierten Blick vermeidet.
Fazit: Wie auch beim kürzlich besprochenen AFTER US habe ich bei BÜCHER DER ZEIT das schale Gefühl, dass nicht alle Potenziale vollständig genutzt wurden. Statt auf eine clevere Seiten-Abfolgen in den Büchern setzen zu müssen, sind wir bestrebt, mit purer Masse erfolgreich zu sein. Gerne hätte ich noch etwas mehr mit der Idee eines selbst zusammengestellten Buches spielen wollen.
| Titel | Bücher der Zeit |
|---|---|
| Autor | Filip Głowacz |
| Illustrationen | Zbigniew Umgelter und Aleksander Zawada |
| Dauer | 30 Minuten pro Person |
| Personenanzahl | 1 bis 4 Personen |
| Zielgruppe | belesene Kennerspielrunden |
| Verlag | Giant Roc |
| Jahr | 2023 |
| Hinweis | Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars! |

















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