kritisch gespielt: Catan – Aufstieg der Inka

Catan – Aufstieg der Inka von Benjamin und Klaus Teuber erschienen im KOSMOS Verlag

Catan - Aufstieg der Inka - Box

Foto: KOSMOS Verlag

Wahrscheinlich wurde über kein modernes Spiel mehr geschrieben als über (DIE SIEDLER VON) CATAN. „Klassiker“, „Initialzündung des modernen Brettspiels“, „unverwüstlicher Bestseller“ und noch viel mehr Lobeshymnen hat man schon über das Spiel ergehen lassen. Selbst der Wortwitz mit dem Vornamen Inka wurde schon oft genug benutzt. Kein Wunder also, dass mir keine geistreiche Einleitung zu CATAN – AUFSTIEG DER INKA einfällt. Außerdem stellt sich die Frage: wer liest überhaupt Einleitungen? Dabei wäre das doch der perfekte Rahmen, um darüber den in der letzten Zeit häufig geforderten Rahmen zu anderen Bereichen der Kultur zu öffnen. So aber auch hier: Totenstille!

Thema… wie uns dankenswerterweise der beiliegende Almanach zum Spiel ausführlich erklärt, spielen wir den Aufstieg und Fall verschiedene Stämme indogener Völker in Südamerika nach. Wir erleben dabei, wie Siedlungen und Städte gegründet werden – allerdings auch, wie diese wieder verfallen und vom naheliegenden Urwald überwuchert werden. Und tatsächlich, manchmal blitzt dieses Thema sogar durch. Die Frage, ob marodierende Räuberbanden dabei wirklich auf Alpakas ritten, sei mal lieber nicht gestellt.

Catan - Aufstieg der Inka - Güter

Statt Schafe nun Alpakas, statt Getreide nun Süßkartoffeln – nur Räuber gibt es überall

Illustrationen… sind von Claus Stephan und Martin Hoffmann und haben mich voll überzeugt. Schon das Cover ist toll komponiert und zitiert geistreich das ikonischen Cover des Ursprungs. Aber auch die weiteren Spiel-Elemente sind stimmig illustriert. So wird bspw. die bekannte Knotenschrift der Inka für die Gestaltung der Rückseiten der Entwicklungskarten aufgegriffen.

Catan - Aufstieg der Inka - Spielplan

ein Küstenstreifen will besiedelt werden

Ausstattung… folgt den aktuellen Ausgaben von CATAN. Holz hat dabei schon lange ausgedient, so dass weiterhin die Straßen, Siedlungen und Städte aus Plastik beiliegen. Auffällig sind dabei die neuen Urwald-Kränze, die man im Spielverlauf über Siedlungen bzw. Städte stülpen kann. Die prägnanten Hexfelder werden von einem Rahmen gehalten, der zugleich auch die Ausrichtung vorgibt. Neben bekannten Rohstoffen sind nun auch Handelsgüter im Angebot, so dass das Rohstoff-Angebot in der Vielfalt wächst. Für die entsprechenden Rohstoffkarten werden Kartenhalter angeboten, die aber trotzdem nicht verhindern, dass die Karten bei unglücklicher Lagerung durch die Box fliegen.

Neu sind auch die Spielertableaus („Stammestafeln“) mit kleinen Pappmarkern, die den jeweiligen Entwicklungsstand anzeigen (und somit eine Art verkappten Siegpunktanzeiger darstellen). Dahingegen vertraut ist das weitere Material: Würfel, Übersichten und Vorteilskarten für die längste Handelsstraße bzw. „Größte Kampfkunst“ (auch bekannt als „Rittermacht“).

Catan - Aufstieg der Inka - Detail

der Dschungel kommt!

Ablauf… da ich wohl berechtigterweise davon ausgehen kann, dass jeder Leser den Ablauf von CATAN kennt, gehe ich nachfolgend nur auf die Besonderheiten dieser vollwertigen Variante ein (neudeutsch: Stand-Alone-Version). Die gravierendste Änderung im Vergleich zum ursprünglichen CATAN ist sicherlich das Überwuchern von Gebäuden mit Dickicht. Wie muss man sich das vorstellen? Hat man als Spieler seine vierte Siedlung gebaut (bzw. drei Siedlungen und eine Stadt), dann werden sofort alle bestehenden Straßen des Spielers in den Vorrat zurückgelegt und die Gebäude mit dem Dickicht-Kranz überdeckt. Diese Gebäude ergeben zwar weiterhin Rohstoffe beim anfänglichen Würfeln, können aber im weiteren Spielverlauf auch wieder überbaut werden. Zusätzlich werden beim zweiten Generationswechsel überwucherte Gebäude vom Spielfeld geräumt. Die Gebäude (und deren Ertrag) sind demnach vergänglich. Damit man aber nicht nur überwucherte Gebäude besitzt, darf der Spieler bei einem Genartionenwechsel wieder eine neue Startsiedlung nach den bekannten Regeln setzen. Man könnte es so charakterisieren, dass man dreimal die Startphase einer CATAN-Partie nachspielt. Der Besitz der „längsten Handelsstraße“ ist dadurch übrigens auch vergänglich, da die eigenen Straßen recht bald wieder vom Spielplan verschwinden.

Catan - Aufstieg der Inka - Übersicht und Vorteilskarten

neue Tauschgeschäfte sind möglich

Eine weitere Neuerung sind die drei Handelsgüter Federn, Coca und Fisch, die man über den Ertragswurf am Anfang der Runde analog zu den bekannten Rohstoffen erhält. Diese haben nun die Besonderheit, dass man sie 2:1 gegen andere Karten tauschen kann (bzw. auch 3:2, wenn es alle drei unterschiedlichen Handelsgüter sind). Alle anderen Rohstoffe kann man durchgängig 3:1 tauschen.

Das Spielende wird erreicht, sobald der dritte Stamm drei Entwicklungsmarker erreicht hat. Insgesamt benötigt man also elf Entwicklungsmarker. Es werden somit also keine Siegpunkte verteilt. Auch nicht für die Vorteilskarten bzw. über geheim zu haltende Entwicklungskarten.

Das gefällt mir nicht so gut: CATAN – AUFSTIEG DER INKA ist nun einmal ein CATAN-Spiel. Was will ich damit sagen? Spielt man es ohne Hausregeln, dann ist man schon sehr den Würfeln ausgesetzt. Viermal hintereinander die 7? Kann locker passieren. Eine ganze Partie ohne eine gewürfelte 10? Immer mal wieder dabei. Diese Abhängigkeit von den Würfeln störte mich schon massiv am Original – und das bleibt auch so bei CATAN – AUFSTIEG DER INKA. Mir missfällt das Verhältnis „Anzahl der Würfe“ zur vorhandenen Spieltiefe. Ich habe nichts gegen einen hohen Glücksanteil und spiele auch sehr gerne Würfelspiele. Das sind dann aber Zockerspiele und nicht Spiele mit höherem strategischen Anspruch, bei dem fast alles davon abhängt, ob am Anfang eine halbwegs vernünftige Verteilung der Würfelwerte auftaucht oder nicht. Ja, das ist bestimmt schon mehrfach im Zusammenhang zu CATAN diskutiert worden und der Erfolg des Spiels zeigt, dass ich damit vielleicht einer Minderheit angehöre. Allerdings kenne ich auch keinen, der sich gegen folgende Hausregel wehrt: statt zwei Würfel werden in der Ertragsphase drei Würfel benutzt. Davon besitzen zwei die gleiche Farbe und einer ist andersfarbig. Der aktive Spieler muss sich dann für eine der beiden Kombination „farbig + andersfarbig“ entscheiden. Damit ist immer noch Glück im Spiel, aber man hat doch mehr Entscheidungsfreiheiten und fühlt sich nicht all zu sehr gespielt.

Nicht so ganz verstanden habe ich, warum bei CATAN – AUFSTIEG DER INKA auf elf anstatt auf zwölft Entwicklungspunkte gespielt wird. Für die ersten beiden Stammes-Phasen benötigt man vier Entwicklungsmarker, für die finale Phase aber nur noch drei. Dadurch fühlt sich eine Partie irgendwie abgeschnitten an. Man versucht eigentlich nur schnell zum zweiten Stammeswechsel zu kommen, weil dann sowieso recht zügig die beiden finale Entwicklungspunkte erlangt werden. In dieser Hinsicht hätte ich es schöner gefunden, wenn auch der dritten Stammes-Phase mehr Zeit gegeben werden würde. Noch besser wäre es, wenn das Spielende variabel wäre. Wenn bspw. über ein Ereigniskartenset auf einmal die Spanier einfallen würden. Das hätte aber den Charakter von CATAN wohl zu sehr verändert.

Catan - Aufstieg der Inka - Plastikteile

anders als auf dem Foto lassen sich die Gebäude auf dem Spielplan weniger gut unterscheiden

Mit den Plastikteilen für die Siedlungen und Städte bin ich ebenfalls nicht ganz glücklich. Das liegt nicht daran, dass ich aus Nostalgie den Holzteilen hinterher trauern würde. Nein, damit habe ich mich mittlerweile abgefunden. Aber ich finde die vorliegenden Formen schlicht nicht eindeutig genug. Man erfasst nicht auf dem ersten Blick, ob das Gebäude eine Siedlung oder eine Stadt ist. Zusätzlich hätte ich die durch die Formen dargestellten Gebäude eher ins europäische Mittelalter denn nach Südamerika verortet.

Zu guter Letzt darf man eine Partie CATAN – AUFSTIEG DER INKA nicht mit Menschen spielen, die ein Problem damit haben, dass bereits gebautes wieder von anderen Mitspielern zerstört werden kann. Solche haben mit CATAN – AUFSTIEG DER INKA einfach keinen Spaß. Wer diese Art der Konfrontation nicht mag, der sollte lieber beim Original bleiben (auch wenn dort der Räuber im Spiel ist). Ich habe damit kein Problem damit, aber eine Partie mit solchen Mitspielern kann für alle eine Qual werden.

Das gefällt mir gut: Mir gefällt dahingegen dieses dynamische Element mit den vergänglichen Gebäuden sehr gut. Denn nun ist es nicht nur wichtig, die Start-Siedlungen clever zu setzen, sondern man sollte auch schon einen Plan für die ganze Partie haben. Welche Siedlungen sind am Anfang wichtig, welche eher zum Ende einer Partie? Will ich mit dem Strom schwimmen oder lieber ein Rohstoff-Monopol erreichen?

Catan - Aufstieg der Inka - Stammestafel

es lebe die Vergänglichkeit

Dabei muss man natürlich flexibel auf die Mitspieler reagieren. Manchmal kann es sinnvoller sein, sich mit der eigenen Entwicklung etwas Zeit zu lassen und darauf zu warten, dass die gegnerischen Gebäude überwuchert werden. Allerdings gilt es immer zu beachten, dass die Mitspieler ebenfalls wie Aasgeier darauf warten, die eigenen Siedlungsplätze für sich zu beanspruchen. Somit ist eine Partie CATAN – AUFSTIEG DER INKA im ständigen Wandel. Schwamm man am Anfang im Holz, so kann es passieren, dass man dieses am Ende teuer ertauschen muss. Durch die wechselnden Siedlungsplätze ergeben sich auch innerhalb einer Partie neue Allianzen. Wurde der rechte Mitspieler anfangs aufgrund gemeinsamer Rohstoff-Interessen vom Räuber verschont, kann sich dies innerhalb einer Partie doch deutlich ändern.

Sehr gut gefallen mir auch die Handelsgüter. Durch diese kann man nämlich besser indirekt handeln. Wollen mir die Mitspieler kein Lehm geben, dann vielleicht aber eine Feder – und über die komme ich doch noch an mein benötigtes Lehm. Die zusätzlichen Güter erhöhen damit die Bandbreite und somit auch die Motivation untereinander zu handeln.

Gefühlt (da ich das nicht mit Statistiken belegen kann) ist eine Partie CATAN – AUFSTIEG DER INKA spannender als das Original. Beim Original erlebte ich meist entweder einen Start-Ziel-Sieg oder man hatte das Gefühl, gleichauf zu sein, bis irgendjemand dann plötzlich aufgrund seiner Entwicklungskarten verkündete, dass das Spiel nun zu Ende sei.. Meine erlebten Partien CATAN – AUFSTIEG DER INKA waren meist recht knapper Natur. Spieler, die anfangs enteilten, wurden wieder eingefangen – auch weil diese nur noch suboptimale Plätze beim Aufbau des nächsten Stammes vorfanden. Durch die eindeutige Positionierung wer wo steht, ist auch jederzeit ersichtlich, wer aktuell führt. Das ist bei einem solch interaktiven Spiel wie CATAN auch wichtig für die Balance (damit klar ist, mit wem man eher handelt).

Weiterhin loben möchte ich das CATAN’sche Konzept der Regeltrennung in Losspielregel und Almanach. Das funktioniert weiterhin perfekt und macht vieles einfacher. Vor allem dann, wenn der Almanach auch dazu genutzt wird, sich etwas ausführlicher mit der Geschichte der indogenen Völker auseinander zu setzen. Das ist natürlich nur ein kurzer historischer Abriss, aber trotzdem ist das Konzept dahinter lobenswert.

Catan - Aufstieg der Inka - DetailII

wenn CATAN, dann das der Inka

Fazit: Wahrscheinlich las es sich recht deutlich aus den Zeilen heraus, dass ich mich selbst nicht unbedingt als CATAN-Fan bezeichnen würde. Zu viel Würfel-Frust habe ich damit erleben müssen. Diesen kann man definitiv auch bei CATAN – AUFSTIEG DER INKA erleben. Demnach würde ich weitere Partien nur mit der Würfel-Hausregeln oder dem Kartenset aus DIE SIEDLER VON NÜRNBERG spielen. Wenn ich mich aber mit diesem Rüstzeug in die CATAN’sche Welt begebe, dann wäre CATAN – AUFSTIEG DER INKA einer meiner ersten Anlaufpunkte. Denn im Vergleich zum Original finde ich diese eigenständige Version wesentlich dynamischer und damit auch spannender.

Titel Catan – Aufstieg der Inka
Autor Benjamin und Klaus Teuber
Illustrationen Claus Stephan und Martin Hoffmann
Dauer 90 Minuten
Spieleranzahl 3 bis 4 Spieler
Zielgruppe neugierige Siedler-Fans
Verlag KOSMOS
Jahr 2018

Ich bedanke mich bei KOSMOS für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.

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