kritisch gespielt: Decktective: Blutrote Rosen

Decktective: Blutrote Rosen von Martino Chiacchiera und Silvano Sorrentino – erschienen bei Abacusspiele

Decktective - Blutrote Rosen - Cover
Foto: Aba­cus­spie­le

Glück­li­cher­wei­se schaue ich immer weni­ger Fern­se­hen. Das liegt einer­seits an die­sem Blog, ande­rer­seits aber auch an dem immer ein­tö­ni­ge­ren Pro­gramm. Wahr­schein­lich haben sich dar­über die Leu­te auch schon vor 20 Jah­ren beschwert, aber trotz­dem macht sich bei mir dies­be­züg­lich eine gewis­se Müdig­keit bemerk­bar. Außer­dem war­um soll­te ich den x‑ten Kri­mi sehen, wenn ich die­sen auch selbst spie­le­risch erle­ben kann. Bspw. mit der neu­en DECK­TEC­TIVE-Rei­he. BLUTROTE ROSEN hät­te aller­dings auch der Titel einer typi­schen Schmon­zet­te sein kön­nen.

The­ma... auch wenn die Häu­ser Tudor und York auf­ein­an­der tref­fen, muss es nicht gleich um die Rosen­krie­ge gehen. Oder doch? Zumin­dest liegt Graf Fer­di­nand Tudor eines Mor­gens leb­los neben einem blu­ti­gen Rosen­busch. Was ist pas­siert? Wer ist der Mör­der? Und wo ist der Gärt­ner, wenn man einen ver­nünf­ti­gen Ver­däch­ti­gen braucht?

Illus­tra­tio­nen… sind von Alber­to Besi und sind an für sich schon halb­wegs hübsch anzu­schau­en. Aller­dings ent­spre­chen sie so über­haupt nicht mei­nen his­to­ri­schen Vor­stel­lun­gen. Auch ent­steht zu kei­ner Zeit das gewis­se Flair, wel­ches man vom doch recht beein­dru­cken­den Cover erwar­ten könn­te.

Decktective - Inhalt
das DECK im Namen hat schon sei­nen Sinn

Aus­stat­tung… wie man es schon von den DECK­SCAPE-Spie­len kennt, lie­gen in der Box 50 groß­for­ma­ti­ge und dicke Kar­ten. Dabei ist der Kar­ten­sta­pel durch­num­me­riert, so dass man eine fes­te Abfol­ge spielt. Ein paar der Kar­ten wer­den übri­gens dazu benutzt, einen klei­nen 3D-Tat­ort auf­zu­bau­en. Mit Kar­ten kann man ja so viel machen...

Anfangs wun­dert man sich übri­gens auch noch über 7 Plas­tik-Büro­klam­mern. Aber die­se erle­di­gen am Ende recht pfif­fig das Über­prü­fen der Ant­wor­ten, so dass man kei­ne wei­te­ren Hilfs­mit­tel wie Stift und Papier benö­tigt.

Decktective - 3D
mehr zu sehen, als man anfangs erwar­tet

Ablauf… nach­dem man in den Fall ein­ge­führt wur­de, kom­men nun nach und nach Hin­weis­kar­ten auf die Hand der Mit­spie­len­den. Dann muss jeder für sich ent­schei­den, ob man ein­zel­ne Hin­wei­se offen aus­spielt oder still­schwei­gend abwirft. Anders als bspw. beim SHERLOCK-Sys­tem wird man aber nicht für unnütz aus­ge­spiel­te Kar­ten bestraft. Aller­dings kann man man­che Hin­wei­se erst dann aus­spie­len, wenn eine bestimm­te Anzahl an Kar­ten abge­wor­fen wur­de. So ist man also doch gezwun­gen, sich Gedan­ken dar­über zu machen, wel­cher Hin­weis wei­ter­hilft und wel­cher nicht.

Sind auf die­se Art und Wei­se alle Hin­wei­se aus­ge­spielt, dann wer­den Fra­gen zum Tat­her­gang gestellt. Die­se beant­wor­tet man nach und nach und über­prüft schluss­end­lich, wie erfolg­reich man die­sen Fall gelöst hat (der natür­lich noch als Abschluss aus­führ­lich auf­ge­löst wird).

Decktective - Auswertung
ich fühl­te mich schon mehr her­aus­ge­for­dert

Das gefällt mir nicht so gut: Man muss mei­ner Mei­nung nach schon ziem­lich unbe­darft im Kri­mi-Seg­ment sein, wenn einem die Auf­lö­sung die­ses Fal­les Pro­ble­me berei­tet. Mir fehl­ten da voll­kom­men die über­ra­schen­den Vol­ten und fal­schen Fähr­ten. Im Prin­zip lag der Fall so deut­lich auf der Hand, dass es beim Spie­len haupt­säch­lich nur noch dar­um ging, die Details des Tat­her­gangs her­zu­lei­ten. Aller­dings wur­den die­se am Ende so gut wie gar nicht abge­fragt, so dass die fina­len Rät­sel das Niveau einer "1, 2 oder 3"-Sendung hat­ten. Kurz­um: ich fühl­te mich unter­for­dert.

Auf­grund der ähn­li­chen Mecha­nik wird man gera­de­zu gezwun­gen, BLUTROTE ROSEN mit den SHER­LOCK-Fäl­len zu ver­glei­chen. Die­sen Ver­gleich ver­liert BLUTROTE ROSEN deut­lich. Mög­li­cher­wei­se liegt das nur am wesent­lich anspruchs­lo­se­ren Fall, viel­leicht aber auch an der fest vor­ge­ge­be­nen Rei­hen­fol­ge der auf die Hand genom­me­nen Hin­wei­se. Denn dabei ist uns Spie­lern immer bewusst, dass ein bestimm­ter Pro­zent­satz nicht rele­vant für den Fall ist. Beim SHER­LOCK-Sys­tem dahin­ge­gen kom­men die Kar­ten zufäl­lig auf die Hand. Somit kann es also vor­kom­men, dass alle Infor­ma­tio­nen wich­tig für die Auf­lö­sung sind – oder eben nicht. Man weiß es nicht. Und aus die­ser Unkennt­nis ent­steht Span­nung. Bei BLUTROTE ROSEN fühlt man sich dahin­ge­gen zu sehr an die Hand genom­men. Das ist auch bei den fina­len Fra­gen so. Das SHER­LOCK-Sys­tem spielt dabei mit uns. Ger­ne kann dort auch die Ant­wort hei­ßen: die­ser Aspekt hat mit dem Fall nichts zu tun. Das ver­un­si­chert und man ist gezwun­gen, die eige­nen Theo­ri­en auf Herz und Nie­ren zu prü­fen. Bei BLUTROTE ROSEN waren die Fra­gen genau­so lieb­los wie die Kon­struk­ti­on des Fal­les. Mir fehl­te da Fines­se. Hin­zu kom­men noch die sprach­lich wenig ele­gan­ten Tex­te, die kaum Stim­mung auf­kom­men las­sen.

Neben den recht bana­len Tex­ten emp­fin­de auch die Illus­tra­tio­nen für unpas­send. Die Dar­stel­lun­gen der ein­zel­nen Cha­rak­te­re trie­fen nur vor Vor­ur­tei­len und pas­sen zudem über­haupt nicht in die durch die Spiel­ge­schich­te vor­ge­ge­be­ne his­to­ri­sche Ära. Das hat mich wirk­lich mas­siv beim Spie­len gestört, weil ich mich dadurch nicht ernst genom­men gefühlt habe (bzw. ich dem Illus­tra­tor vor­wer­fe, die Auf­ga­be nicht ernst genug genom­men zu haben).

Decktective - Antworten
Klam­mern zum Erfolg

Das gefällt mir gut: Der drei­di­men­sio­na­le Auf­bau des Tat­orts mit­hil­fe der Kar­ten ist gut gelun­gen. Außer­dem ist die­ser nicht nur Selbst­zweck, son­dern die­se Umge­bung wird tat­säch­lich in den Fall ein­ge­bun­den. Das ist geschickt gemacht und zeigt mög­li­che Poten­tia­le auf.

Eben­falls ist das Ant­wort-Sys­tem mit den Büro­klam­mern gut durch­dacht. Bei den klei­nen SHER­LOCK-Fäl­len hat­te ich ein­mal das Pro­blem, dass wir nichts zu schrei­ben mit dabei hat­ten. Die­ses Mal­heur wäre nun bei BLUTROTE ROSEN gar nicht auf­ge­fal­len.

Einen wei­te­ren Vor­teil möch­te ich nicht uner­wähnt las­sen. Auch bei der DECK­TEC­TIVE-Rei­he muss nichts zer­stört oder dau­er­haft ver­än­dert wer­den. Somit kann man nach einer Par­tie ande­ren Men­schen eine Freu­de berei­ten und das Spiel wei­ter­ge­ben. Dafür muss man am Ende ledig­lich alle Kar­ten wie­der in die rich­ti­ge Rei­hen­fol­ge brin­gen und schon kann eine zwei­te Grup­pe den Kri­mi­nal­fall noch­mals lösen.

Fazit: Lei­der nutzt BLUTROTE ROSEN nicht sein zur Ver­fü­gung ste­hen­den Poten­zi­al aus. So gut die Mecha­nis­men und das Mate­ri­al auch sind, sol­che Spie­le leben von der Güte der Geschich­te und deren Prä­sen­ta­ti­on. Bei­de Aspek­te sind bei BLUTROTE ROSEN zu flach und ein­falls­los. Ich kann nur hof­fen, dass sich die Macher der DECK­TEC­TIVE-Rei­he noch­mals genau­er die SHER­LOCK-Fäl­le anse­hen, wenn sie die­se Serie fort­set­zen wol­len. Denn vom Kri­mi-Alt­meis­ter kön­nen sie noch eini­ges ler­nen.

 

Titel Deck­tec­tive: Blut­ro­te Rosen
Autor Mar­ti­no Chi­ac­chie­ra & Sil­va­no Sor­ren­ti­no
Illus­tra­tio­nen Albe­ro Bon­tem­pi
Dau­er 30 bis 45 Minu­ten
Spie­le­ran­zahl 1 bis 6 Spie­ler
Ziel­grup­pe kri­mi­no­lo­gi­sche Fami­li­en­spie­ler
Ver­lag Aba­cus­spie­le
Jahr 2019

Ich bedan­ke mich bei Aba­cus­spie­le für die Bereit­stel­lung eines Rezen­si­ons­ex­em­plars. Ich bin mir sicher, dass durch die­se Bereit­stel­lung mei­ne Mei­nung nicht beein­flusst wur­de. Die Bespre­chung spie­gelt mei­ne gemach­te Erfah­rung wider.

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