kritisch gespielt: Ganz schön clever

Ganz schön clever von Wolfgang Warsch – erschienen bei Schmidt Spiele

Ganz schön clever - Box

Foto: Schmidt Spiele

Schon öfters habe ich mich über die „Dicke Hosen“ bei der Titelwahl von Schmidt Spiele geäußert – und das durchaus lobend. Denn selbstbewusstes Auftreten schafft Aufmerksamkeit. Wichtig dabei ist aber, dass hinter der großen Klappe auch ein interessantes Spiel steckt. Bei NOCH MAL! hat das schon ganz gut geklappt. Aber natürlich stellt sich die Frage neu: ist GANZ SCHÖN CLEVER nun entsprechend clever oder nicht?

Thema… gibt es nicht, braucht es nicht und vermisst man auch nicht. Allerdings gibt es da schon diese Füchse…

Gestaltung… ist von Leon Schiffer und lehnt sich ziemlich an NOCH MAL! an. Kein all zu großes Wunder, schließlich war er dort ebenfalls für die Gestaltung zuständig. So wird auch bei GANZ SCHÖN CLEVER ein schwarzer Hintergrund mit kräftigen Farben kombiniert. Dazu noch ein paar Neon-Effekte auf der Box und schon sieht das Ganze richtig schön frisch aus.

Ganz schön clever - Silbertablett

so schön werden die Würfel für die Mitspieler präsentiert

Ausstattung… ja, es sind wieder diese unsäglichen kleinen Filzstifte in der Box. Hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen, ist wohl aber Teil des „klein & fein-Konzeptes“ von Schmidt Spiele. Auch die anderen typischen Komponenten dieser Reihe sind mit in der Box: ein Block und sechs verschieden farbige klassische W6-Würfel. Dabei ist der Block nun doppelseitig bedruckt, da die Rückseite des Blocks als Wertungshilfe benutzt werden kann. Und es gibt noch ein Silbertablett!

Ja, richtig gelesen. Allerdings ist das natürlich nicht aus echtem Silber, sondern lediglich das entsprechend gestaltete Papp-Inlay. Trotzdem ein netter Gag, denn dieses Silbertablett wird noch im Spiel benötigt.

Ablauf… ist nicht ganz so trivial, wie man es sich vielleicht bei dem Untertitel „klein & fein“ vorstellt. Ersteinmal muss man den Farbschock und die damit verbundene Überfrachtung an Informationen verdauen. Denn die Wertungen auf dem Block erschließen sich erst auf dem zweiten Blick. Dabei ist GANZ SCHÖN CLEVER nicht wirklich kompliziert.

Ganz schön clever - Szene

Welchen Würfel will ich für mich – und welche lasse ich meinen Mitspielern übrig?

Man würfelt mit allen Würfeln, sucht sich einen davon aus und macht ein entsprechendes Kreuz auf dem Block (mit möglichen Folgekreuzen). Alle Würfel, die eine kleinere Augenzahl zeigen, kommen nun auf das Silbertablett und stehen dem aktiven Spieler nicht mehr zur Verfügung. Dieser würfelt mit den verbleibenden Würfel erneut und folgt dem bekannten Procedere. Und darauf folgend sogar noch ein drittes Mal.

So hat sich der aktive Spieler meist drei Würfel ausgesucht und bei sich auf dem Block aktiviert. Die Mitspieler dürfen sich nun aus den restlichen Würfeln, die auf dem Silbertablett serviert werden, einen aussuchen und dessen Ergebnis bei sich auf dem Block aktivieren.

So weit, so einfach. Die vorhandene Komplexität ergibt sich nun aus den verschiedenen Aktionsmöglichkeiten bzw. Wertungen auf dem Block. Denn jede Würfelfarbe ist etwas anders zu handhaben und am Ende abzurechnen. Diese Unterschiede gilt es erst einmal zu vermitteln.

Hinzu kommen noch die vielen Boni, die im Laufe der Partie freigeschaltet werden. Ein Bonus ist dabei für die Endwertung wichtig: die Füchse. Denn nachdem für jede Farbe die entsprechenden Punkte eingetragen wurden, kann man nun für frei gespielte Füchse noch weitere Punkte erlangen. Dabei bringt jeder Fuchs so viele Punkte wie der Farbbereich mit den wenigsten Gesamtpunkten des jeweiligen Spielers.

Ganz schön clever - Block

die Möglichkeiten können einen schon ein wenig erschlagen

Das gefällt mir nicht so gut: Die einzelnen Aktionen und Wertungen sind zwar an für sich leicht verständlich, aber es fällt am Anfang schwer, einen Überblick zu bekommen. Ich kann mich noch an meinen Erstkontakt nach einem langen Messetag in Nürnberg erinnern. Da hatte ich dann nicht mehr richtig den Kopf frei für die ganzen Symbole und Ankreuzmöglichkeiten, so dass ich zur schnellen Meinung kam: nö, das ist nichts für mich, das macht die Würfelei doch nur unnötig kompliziert. Diese Ersteinschätzung war ein Fehler! Aber es zeigt, dass die Einstiegshürde nicht gerade gering ist. Auch auf manchem Spieletreff wurde vorzeitig abgewunken, weil man als vermeintlichen Absacker nichts mehr kompliziertes spielen will. Hier wird also aufgrund der Fülle der Möglichkeiten Komplexität mit Kompliziertheit gleich gesetzt. Allerdings ist dem nicht so, man muss nur den Einstieg finden. Allerdings kann diese Komplexität vor allem mit Neulingen zu langen Pausen führen. Wenn man sich noch nicht mit dem Spielblatt vertraut gemacht hat, dann kann es eben dauern, bis man die eigenen Möglichkeiten sieht. Will man dann noch alle Eventualitäten durchgehen, dann zieht es sich arg für die Mitspieler.

Was immer noch gar nicht geht sind die Filzstifte. Schon bei NOCH MAL! habe ich mich sehr über diese viel zu kleinen Dinger geärgert – und dieser Ärger geht bei GANZ SCHÖN CLEVER weiter. Ich bin einfach nicht fähig, solche kleinen Filzstifte unfallfrei zu benutzen. Nach einer Partie sieht man es jedenfalls meinen Fingern deutlich an, dass ich mich wieder mit den Stiften herum ärgern musste. Aufgrund der kräftigen Farbgebung bei der Gestaltung sind kleine Holzbleistifte auch nur bedingt zu empfehlen. Also werde ich wohl weiter mit den Filzstiften leben müssen.

Aber vielleicht gibt es bei entsprechendem Erfolg noch eine Deluxe-Variante. Potential wäre genug vorhanden. Die beiliegenden Holzwürfel sind nicht das obere Ende der Qualitäts-Fahnenstange und könnten gerne noch ein wenig wertiger sein. Am liebsten hätte ich so eine Ausstattung wie bspw. bei QWIXX – DAS DUEL oder WÜRFELLAND: abwischbare Spieltafeln mit vernünftigen Stiften, Filz im Deckel als Würfelhilfe – und dann natürlich mit einem echten Silbertablett!

Ganz schön clever - Detail

toller Auswahlmechanismus mit Silbertablett

Das gefällt mir gut: GANZ SCHÖN CLEVER fasziniert durch die vielen verschiedenen Möglichkeiten. Es gibt nicht den einen Weg, um am Ende viele Punkte zu haben, sondern es sind verschiedene Taktiken möglich. Diese werden natürlich maßgeblich von den geworfenen Würfelwerten vorgegeben. Aber auch dabei kann man nicht immer sagen: viel hilft viel. Durch den sehr cleveren Auswahlmechanismus wünscht man sich die hohen Werte erst beim dritten Wurf.

Diese Auswahlmechanismus ist ohnehin das Herzstück. Mit einer gewissen Spielerfahrung ist dabei nur bedingt entscheidend, was man selbst benötigt – man schaut auch intensiv, welche Vorlagen man den Mitspielern geben kann. Ähnlich wie bei NOCH MAL! wird nämlich deren Angebot aktiv von mir als Spieler bestimmt!

Durch dieses interaktive Element werden auch die Emotionen am Tisch verstärkt. Von Natur aus bibbert man vor jedem Würfelwurf mit. Nun ist man als inaktiver Spieler aber auch noch sehr auf die Auswahl gespannt. Da freut man sich schon über die niedrige gelbe 1, die man wunderbar bei sich ankreuzen kann – und dann entscheidet der miese Schuft von Mitspieler, dass er lieber noch einmal würfeln will. Nur weil es bei ihm nicht passt. Pffff, der soll sich mal nicht so anstellen!

Ganz schön clever - Wertung

ohne Füchse wird es nicht

So reizvoll auch die Solovariante ist, der eigentliche Kern von GANZ SCHÖN CLEVER ist das prickelnde Mehrpersonenspiel. Trotzdem kann ich auch die Solovariante empfehlen. Diese führt vor, was punktetechnisch so möglich sein kann. Dabei zeigt sich dann auch gut der Wert der Füchse. Diese sorgen nämlich sehr effektiv dafür, dass man halbwegs ausgeglichen spielen muss, um am Ende eine hohe Punktzahl zu erreichen. Es bringt bspw. nichts, die grüne Spalte voll zu haben, wenn man dafür kaum ein Kreuz in der orangenen Spalte aufweist.

Fazit: Nach meinen anfänglichen unbegründeten Berührungsängsten ist GANZ SCHÖN CLEVER mittlerweile sehr hoch in meiner Gunst angekommen. Man sollte bei der Bewertung nicht den Fehler machen, es mit einem QWIXX, QWINTO oder einem NOCH MAL! vergleichen zu wollen. Es spielt eher in der Komplexitätsliga wie IM WANDEL DER ZEITEN – DAS WÜRFELSPIEL – BRONZEZEIT bzw. NO SIESTA! – und muss sich vor diesen beiden guten Spielen nicht verstecken. Es zeigt sich also, dass Schmidt Spiele mit der Namensgebung wieder alles richtig gemacht hat: das Ding ist wirklich GANZ SCHÖN CLEVER!

Titel Ganz schön clever
Autor Wolfgang Warsch
Illustrationen Leon Schiffer
Dauer 30 Minuten
Spieleranzahl 1 bis 4 Spieler
Zielgruppe Roll-and-Write-Würfelfreunde
Verlag Schmidt Spiele
Jahr 2018

Die einzig wahren Füchse gibt es übrigens in diesem Musikvideo zu sehen:

Video-Symbol

Beginner – Füchse (feat. Samy Deluxe) [Symbol: ElisaRiva]

 

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