Man muss auch gönnen können von Ulrich Blum und Jens Merkl – erschienen bei Schmidt Spiele
Was mag ich wohl am liebsten an der "klein & fein"-Reihe aus dem Hause Schmidt Spiele? Ganz sicher nicht die kleinen schwarzen Filzstifte! Nein, es ist die Art und Weise wie der Großteil der Titelnamen funktioniert. NOCH MAL!, GANZ SCHÖN CLEVER, DOPPELT SO CLEVER – das sind alles schon echte Hinhörer. Ganz unabhängig von der spielerischen Qualität kann dabei MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN definitiv mithalten.
Thema... folgt der Tradition der Reihe: es ist keines vorhanden.
Gestaltung… stammt von Leon Schiffer und kommt mit einer Entscheidung daher, die gerne kontrovers diskutiert wird. Denn die einzelnen Karten haben von Haus aus kleine schwarze Flecken. Sie nehmen somit einen Zustand vorweg, der früher oder später ohnehin eintreten wird. Aber ist das nun clever oder eher das Gegenteil? Denn so sieht das Spiel von Anfang an schon gebraucht aus, was manch einer hässlich findet.
Ausstattung… Juhu, es gibt nicht mehr die kleinen nervigen schwarzen Filzstifte. Dafür gibt es jetzt kleine nervige Whiteboardmarker! Damit diese auch ein vernünftiges Medium zum Beschriften haben, sind die einzelnen quadratischen Karten beschichtet, so dass man auf diesen schreiben kann (kennen wir so ähnlich auch schon aus SILVER & GOLD). Die Karten sind dabei in Punkte-Karten und Bonus-Karten unterteilt. Im oberen Bereich der Karten befindet sich eine zu erfüllende Aufgabe, im unteren Bereich dahingegen der Bonus oder der Punktegenerator, der bei Erfüllung der Aufgabe aktiviert wird. Zusätzlich kommen die einzelnen Karten in verschiedenen Hintergrundfarben daher, die für viele Punkte-Karten wichtig sind.
Ach ja, Würfel dürfen bei einem Spiel der "klein & fein"-Reihe auch nicht fehlen. MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN bietet fünf normale W6-Würfel an, die in Farbe und Qualität an die Würfel von GANZ SCHÖN CLEVER erinnern – was bezüglich der Wertigkeit nicht unbedingt eine positive Assoziation ist.
Was allerdings fehlt, ist der typische Schreibblock, auf dem man normalerweise die Würfelergebnisse notiert. Doch dazu hat man nun die zu beschreibenden Karten zur Verfügung. Somit steht also fest, dass für MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN demnächst keine Ersatzblocks gekauft werden müssen.
Ablauf… nach und nach erstellt man sich mit den Karten eine eigene Auslage in einem 3*3‑Raster. Zu Beginn der Partie hat man davon schon drei Karten ausgesucht, im Spielverlauf holt man sich dann weitere Karte aus dem offenen Angebot. Dafür ist allerdings im eigenen Zug ein 3er- oder 4er-Pasch notwendig.
Alternativ dazu versucht man die eigenen Karten mit Werten zu füllen, wobei man natürlich bestehende Vorgaben erfüllen muss. Allerdings kommt nun der große Haken: man darf normalerweise die Karten als aktive Person nur dann beschriften, wenn man die restlichen freien Kästchen vollständig befüllen kann. Als passive Person, wenn man also nicht selbst am Zug ist, darf man dahingegen die Karten auch dann mit Werten versehen, wenn sie danach noch nicht vollständig ausgefüllt ist. So muss man sich demnach in den passiven Phasen die eigenen Karten zum Befüllen vorbereiten.
Doch so einfach ist das gar nicht. Es stellt sich nämlich die Frage: komme ich überhaupt in den passiven Phasen zum Zug? Die Antwort liefert der geniale Titel: nur wenn mir die aktive Person das auch gönnt! Denn der Ablauf ist folgender: bin ich am Zug, würfele ich mit allen fünf Würfel. Kann und will ich damit eine Karte aus der Mitte nehmen und / oder zusätzlich auch bestehende Karten erfüllen, dann höre ich auf und die Mitspielenden schauen in die Röhre. Will ich aber weitermachen, dann können die Mitspielenden am neuen Würfelwurf partizipieren, in dem sie einen dieser Werte für ihre Karten verwenden können. Nach maximal dreimaligen Würfeln endet aber der aktive Zug. Wenn ich dann meine Würfel nicht wirklich nutzen kann, dann erhalte ich ein kleines Trostpflaster in dem ich entweder zwei Würfel-Werte auf meine Karten eintragen kann oder vom verdeckten Nachziehstapel mein Glück versuche und mit einer neuen Karte eventuell mein Raster erweitere.
Das Spielende wird dann eingeleitet, wenn bei einem Mitspielenden das 3*3‑Raster vollständig ausliegt. Nach einer letzten Runde werden dann die Punkte-Karten ausgewertet, deren Vorgaben bis dahin vollständig erfüllt sind.
Das gefällt mir nicht so gut: Das Spielprinzip ist alles andere als trivial und in den Details recht sperrig. Selbst in geübteren Runden muss immer und immer wieder wiederholt werden, wann man denn nun Werte eintragen darf und wann nicht. Der unregelmäßige Ablauf macht MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN somit schwer zugänglich – was allerdings auch an der suboptimalen Anleitung liegt. Diese ist insgesamt schwer zu erfassen und dauernd bleiben Unklarheiten vorhanden. Es hat eine lange Zeit gebraucht, bis wir uns wirklich sicher fühlten, dass wir nun nach den richtigen Regeln spielen. In der Anleitung wäre somit vielleicht ein vollständig dokumentierter Spielzug eine echte Hilfe gewesen, um den Spielverlauf und die verschiedenen Möglichkeiten besser zu verstehen. Ebenfalls wäre es sicher kein Fehler gewesen, die kleine Übersicht am Ende der Anleitung allen Spielenden als separate Spielhilfe an die Hand zu geben (bspw. auf der Rückseite der Zählkarte, die während der Partie ohnehin keine Funktion hat).
Ein wenig hat man das Gefühl, dass MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN im Hauruck-Verfahren auf den Markt gebracht wurde. Denn bei der Erstauflage gibt es ein paar kleinere Probleme. Das Inlay mit der Würfelablage ist bspw. zu hoch, so dass der Pappstreifen für die Würfelauslage dieses beim Schließen der Box nach unten drückt. Dieser Pappstreifen wiederum ist nicht ausreichend lang dimensioniert. So kann man die Karten nicht passgenau an die entsprechenden Bereiche auslegen, was doof aussieht. Beides sind kleine Mängel, die sich definitiv nicht auf das eigentliche Spiel auswirken. Zusätzlich hat der Verlag angekündigt, dass diese Kleinigkeiten in den nachfolgenden Auflagen nachgebessert werden sollen. Was sich dabei aber leider wohl nicht ändern wird, ist die Qualität der Stifte. Diese ist fragwürdig. Schon nach kurzer Zeit haben zwei der vier Stifte nicht mehr vernünftig geschrieben und ich habe wieder auf meine Standardstifte zurückgegriffen, die ich mittlerweile für die meisten Spiele dieser Art benutze. Hier würde ich mir ganz allgemein in der Branche vernünftigere Stifte wünschen (positive Ausnahme sind die abwischbaren Stifte des Nürnberger-Spielkarten-Verlags).
Das Spiel selbst weiß zu gefallen – allerdings muss man sich natürlich mit dem immensen Glücksanteil abfinden. Dieser ergibt sich logischerweise durch das Würfeln an sich. Aber er wird verstärkt durch die Zufälligkeit, welche Karten wann in der Auslage erscheinen. Für manche Mitspielenden liegen dort die optimalen Karten aus, für andere passt nichts zusammen. So strategisch man bei der Zusammenstellung der eigenen Auslage vorgehen sollte, so sehr ist man von den wenigen zur Verfügung stehenden Karten abhängig. Das hat mich insbesondere im Solo-Spiel gestört, was mich aber auch durch den aufgesetzten Kampagnen-Modus nicht überzeugt hat. Das ist mir aber letztlich auch egal, da ich MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN ohnehin am liebsten zusammen mit Menschen spielen möchte.
Das gefällt mir gut: MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN spielt natürlich mit unseren niedersten Gefühlen. Hmm, eigentlich würde ich ja gerne noch mal würfeln. Aber dann stauben die anderen schon wieder ab! Nee, nee, ich höre dann doch mal auf... Von wegen geben ist seliger denn nehmen – hier wird nichts gegönnt! Aber auf Dauer wird man mit dieser Hartherzigkeit nicht weit kommen. Spätestens wenn die eigenen Karten vollgeschrieben sind und man einen 3er- oder 4er-Pasch für neue Karten benötigt, wird oftmals die Wurfwiederholung nötig – und endlich können die anderen Spielenden partizipieren. Die sind natürlich immer daran interessiert, dass neu gewürfelt wird, weswegen oftmals auch lautstark Ratschläge gegeben werden, was denn noch so alles im aktuellen Zug möglich wäre. Wie man es heutzutage von den meisten Roll-and-Write-Spielen gewohnt ist, gibt es auch bei MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN kaum Pausen.
Beim Zusammenstellen der eigenen Auslage lernt man übrigens schnell, dass man neue Karten nicht wahllos nehmen und anordnen sollte. Die Devise lautet: Augen auf bei der Kartenauswahl! Es ist schon spannend, dabei die eigenen Entwicklung zu beobachten. Irgendwann macht es klick und man erkennt, dass die Boni zwar schön sind, aber am Ende keine Punkte bringen. Dann macht es ein zweites mal klick und man realisiert, wie schwer die Punktekarten ohne die Boni zu erfüllen sind. Die Kunst ist es also, beide Kartentypen in Waage zu halten. Dabei werden ganz unterschiedliche Herangehensweise ermöglicht, so dass man auch immer das Gefühl hat, dass die Mitspielenden andere Wege gehen als man selbst beschreitet. Trotzdem sollte man die Anderen natürlich nie aus den Augen verlieren. Einerseits kann es sein, dass diese auf die gleichen Farben spielen wie man es selbst macht, andererseits kann man vielleicht auch zusätzliche Würfelversuche wagen, wenn die Mitspielenden durch fehlende freie Kästchen ohnehin kaum im eigenen Zug schnorren können.
Ich persönlich kann der grafischen Gestaltung übrigens einiges abgewinnen. Ich finde dieses "dreckige" Design clever, da die Karten früher oder später ohnehin schwarze Flecken aufweisen werden. Ich weiß, dass man das auch anders sehen kann. Aber im Endeffekt ist es Geschmackssache. Festhalten kann man aber, dass die Gestaltung gut funktioniert und die Farbfehlsichtigen in meinen Runden damit keine Probleme hatten.
Fazit: MAN MUSS AUCH GÖNNEN KÖNNEN macht es einem nicht leicht, ins Spiel zu kommen. Die Regeln sind kleinteilig und nicht wirklich intuitiv zu erfassen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird aber mit einem spannenden Roll-and-Write-Spiel belohnt, bei dem man endlich mal die eigenen Ziele selbst zusammen stellen kann. Jetzt müssen nur noch die Würfel richtig rollen – oder es müssen gönnerhafte Mitmenschen am Tisch sitzen.
| Titel | Man muss auch gönnen können |
| Autor | Ulrich Blum und Jens Merkl |
| Illustrationen | Leon Schiffer |
| Dauer | 30 bis 45 Minuten |
| Spieleranzahl | 1 bis 4 Spieler |
| Zielgruppe | würfelnde Kennerspieler |
| Verlag | Schmidt Spiele |
| Jahr | 2020 |
Ich bedanke mich bei Schmidt Spiele für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.















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