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kritisch gespielt: Mille Fiori

Mille Fiori von Reiner Knizia – erschienen bei Schmidt Spiele

Mille Fiori - Box
Bild: Schmidt Spiele

MILLE FIORI ist ein tol­ler Titel. Das klingt nach Ita­li­en, nach Leich­tig­keit, nach Lebens­freu­de. Des­we­gen war ich inter­es­siert, was das denn nun auf deutsch heißt. Da ich kein Ita­lie­nisch beherr­sche, muss­te ich dafür ein Über­set­zungs­tool her­an zie­hen – und war ein wenig über­rascht. Tau­send Blu­men klingt immer noch toll, aber was hat das mit dem Spiel zu tun?

The­ma... selbst in der Beschrei­bung des Ver­la­ges tau­chen kei­ne Blu­men auf: 

Wer­det Teil der Geschich­te, fer­tigt Glas­wa­ren, betreibt Han­del und sichert euch die Unter­stüt­zung der Bewoh­ner der Lagu­ne. Erlernt die Geheim­nis­se der Glas­her­stel­lung
und fin­det mit einer gelun­ge­nen Mischung aus Stra­te­gie und Tak­tik euren eige­nen Weg, der berühm­tes­te Glas­her­stel­ler der Lagu­ne zu werden.

Geschickt wird hier die Stadt Vene­dig nicht beschrie­ben, auch wenn die­se wohl alle vor Augen haben. Aber im End­ef­fekt ist es auch ziem­lich egal, wie der Titel und das The­ma lau­tet, denn bei­de haben ledig­lich unter­stüt­zen­de Funk­ti­on, um die abs­trak­ten Ker­ne des Spiels bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. Ob das bei der Cover-Gestal­tung und dem doch eher etwas schnar­chi­gen The­ma im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes gelingt, wage ich ein wenig zu bezweifeln.

Mille Fiori - Handwerker
Glas­blä­ser bei der Arbeit

Illus­tra­tio­nen... wur­den gemein­sam erstellt von Mari­na Gon­zá­lez und Ste­phan Lorenz – zwei Namen, die man noch nicht all zu oft mit Brett­spie­len in Ver­bin­dung gebracht hat. Die Gestal­tung des Spiel­plans hal­te ich für sehr gelun­gen, die Kar­ten sind etwas zu sehr mit Infor­ma­tio­nen über­frach­tet. Trotz­dem gefällt mir der fri­sche Gesamteindruck.

Mille Fiori - Übersicht
bun­te Hau­fen und ein dicker Bat­zen Karten

Aus­stat­tung… ist geprägt von trans­pa­ren­ten Kunst­stoff-Rau­ten in den vier Spiel­far­ben. Auch der Zähl­stein und die per­sön­li­chen Schif­fe kom­men in die­sem far­ben­fro­hen Mate­ri­al daher. Ansons­ten sind noch eine gan­ze Men­ge Kar­ten im Spiel. Die­se Kar­ten zei­gen über ihre Far­be den Ein­satz­be­reich auf dem Spiel­plan an. Dar­über hin­aus wer­den Sym­bo­le gezeigt, die unter­schied­li­che Funk­tio­nen haben, sowie die Funk­ti­ons­wei­se der damit aus­ge­lös­ten Wer­tung. Da alle Kar­ten auch dazu benutzt wer­den kön­nen, dass eige­ne Schiff zu fah­ren, ist auch noch zusätz­li­che die eige­ne Bewe­gungs­wei­te auf den Kar­ten abgebildet.

Mille Fiori - Karten
sechs unter­schied­li­che Karten-Typen

Ablauf… nach­dem je nach teil­neh­men­der Per­so­nen­an­zahl eine bestimm­te Anzahl von Kar­ten offen aus­ge­legt wur­den, erhal­ten alle Mit­spie­len­den ver­deckt fünf Kar­ten auf die Hand. Dann erfolgt klas­si­sches Kar­ten-Draf­ting. Alle suchen sich eine Kar­te aus und geben den Rest wei­ter. Dann wer­den abwech­selnd die Kar­ten aus­ge­spielt und die Aus­wahl beginnt von neu­em. Das macht man so lan­ge, bis man nur noch eine Kar­te zum Wei­ter­ge­ben übrig hät­te. Die­se reicht man aber nicht wei­ter, son­dern legt sie zu den aus­lie­gen­den Kar­ten, wo sie am Ende der Run­de eben­falls auf­ge­deckt ins Ange­bot kommen.

Die aus­ge­spiel­ten Kar­ten sor­gen dafür, dass man nun eine eige­ne Rau­te in den pas­sen­den Spiel­be­reich ablegt. Dafür erhält man Punk­te, die ent­spre­chend des Ein­satz­or­tes unter­schied­li­che bestimmt wer­den. Zusätz­lich kann man somit Ket­ten­zü­ge frei­schal­ten. Dann darf man sofort eine Kar­te aus der offe­nen Aus­la­ge wäh­len und die­se zusätz­lich nutzen.

Die Par­tie endet, wenn kei­ne Kar­ten mehr ver­teilt wer­den kön­nen oder die letz­te Rau­te aus dem per­sön­li­chen Vor­rat auf­ge­braucht wurde.

Als Vari­an­te für ein etwas tak­ti­sche­res Spiel kann man auf das gleich­zei­ti­ge Aus­wäh­len der Kar­ten ver­zich­ten. Statt­des­sen wählt man nun die eige­ne Kar­te erst dann aus, wenn man auch mit dem Aus­spie­len an der Rei­he wäre. Das för­dert ein plan­vol­le­res Spiel, die Spiel­zeit erhöht sich aber auch beträchtlich.

Mille Fiori - Spielplan
der Spiel­plan ist kei­ne Spie­le­hil­fe – die Kar­ten nur bedingt

Das gefällt mir nicht so gut: Von der Auf­ma­chung und Spiel­tie­fe aus­ge­hend, wür­de ich MILLE FIORI eigent­lich in das Fami­li­en­spiel-Seg­ment ein­ord­nen – gäbe es da nicht die vie­len unter­schied­li­chen Wer­tungs­re­geln bei den ein­zel­nen Ein­setz­or­ten. Die Anlei­tung drö­selt die­se sehr gut und anschau­lich auf. Aller­dings habe ich fest­stel­len müs­sen, dass sich doch vie­le Mit­spie­len­de am Anfang auf­grund der Optio­nen über­for­dert füh­len. Was fehlt, sind Erklä­run­gen auf dem Spiel­plan oder eine über­sicht­li­che Spiel­hil­fe, die nicht nur mit Sym­bo­len, son­dern auch mit einem erklä­ren­den Text arbei­tet. Auf den Kar­ten wird eine sol­che Erklä­rung ver­sucht, doch meist wird die dort ange­wand­te Sym­bol-Spra­che nicht als selbst­er­klä­rend wahr­ge­nom­men. So ist man die ers­ten Run­den als Erklär­bar dau­ernd damit beschäf­tigt, die klein­tei­li­gen Ein­satz- und Wer­tungs­re­geln zu erklä­ren. Denn dabei fehlt ein wenig der rote Faden. Mal sind die Sym­bo­le auf den Kar­ten bin­dend, mal nur ein Punk­te­ver­stär­ker. Mal sind die Mit­spie­len­den an der Wer­tung betei­ligt, mal wer­de nur ich mit Punk­ten belohnt. Aus die­sem Grund ord­ne ich MILLE FIORI mitt­ler­wei­le als Ken­ner­spiel ein, da der Ein­stieg doch etwas holp­rig sein kann.

Neben einer erklä­ren­den Spiel­hil­fe fehlt auch ein Mar­ker, der anzeigt, dass man schon ein­mal die Sieg­punkt­leis­te umrun­det hat. Denn ein­mal dreht man eigent­lich immer eine Run­de und auch die 200er-Mar­ke ist alles ande­re als unrea­lis­tisch. Zwi­schen­zeit­lich sind die Abstän­de der Zähl­fi­gu­ren groß, so dass man sich auch schlecht an den ande­ren ori­en­tie­ren kann. Da man außer­dem auch stän­dig Punk­te abträgt und schon dabei leicht den Über­blick ver­liert, über­näh­me ein sol­cher 100er-Mar­ker eine wich­ti­ge Auf­ga­be. Bei Board­Ga­me­Geek gibt es dafür schon die ers­ten Vor­la­gen zum down­loa­den. Und wenn ihr schon im Inter­net unter­wegs seid, dann schaut sicher­heits­hal­ber noch­mals bei Schmidt Spie­le nach der aktu­el­len Anlei­tung nach. Die ers­te Auf­la­ge hat­te lei­der noch klei­ne Feh­ler im Druck­werk, die aber zumin­dest online beho­ben wur­den (Hin­weis: die alte Regel sah u.a. noch vor, dass man zusätz­lich zu den End­kar­ten wei­te­re Kar­ten in die Aus­la­ge legt).

Mille Fiori - Markt
zu zweit wäre am Markt zu wenig los

Zu zweit ist MILLE FIORI zwar spiel­bar, aber es fehlt in mei­nen Augen die Wür­ze. Man­che Spiel-Ele­men­te ent­wi­ckeln ihren Reiz erst dar­in, dass Gebie­te umkämpft sind oder ein Mit­punk­ten ermög­licht wird. In 2er-Par­tien wird aber meist sehr unab­hän­gig von­ein­an­der gespielt und man bos­selt zu sehr am eige­nen Bereich her­um. Das funk­tio­niert, ist aber eher lang­wei­lig. Im 3er-Spiel gin­gen uns dahin­ge­gen zu früh die Kar­ten aus der offe­nen Aus­la­ge aus, da die­se in der Kon­stel­la­ti­on am Anfang nur mit vier Kar­ten bestückt wird. Aber zumin­dest ist auf dem Spiel­plan schon etwas los. 

Am reiz­volls­ten fin­de ich somit MILLE FIORI in der vol­len Beset­zung. Dann sind Action und Emo­tio­nen ange­sagt. Eine grö­ße­re Kon­kur­renz bedeu­tet aber auch, dass nicht alle Plä­ne auf­ge­hen. Man ist somit noch mehr von der aktu­el­len Kar­ten­hand aber auch von den Vor­la­gen der Mit­spie­len­den abhän­gig. Das wird sehr unter­schied­lich wahr­ge­nom­men. Mir gefällt die­se Unplan­bar­keit. Natür­lich flu­che ich laut­hals, wenn mei­ne Akti­on durch eine ande­re Rau­te nicht mehr ganz so gewinn­brin­gend ist wie vor­her erhofft. Aber sol­che Emo­tio­nen will ich schließ­lich auch beim Spie­len erle­ben. Man­che Mit­spie­len­de wol­len aber lie­ber tak­ti­scher spie­len. Für die­se bie­tet sich dann die oben erwäh­ne Vari­an­te an. Dabei ist man immer noch vom begrenz­ten Kar­ten­an­ge­bot abhän­gig, aber man agiert deut­lich geziel­ter. Der Preis ist eine signi­fi­kant erhöh­te Spiel­zeit – und etwas weni­ger Emotionen.

Mille Fiori - Adel
so ein rein gezeck­ter grü­ner Stein kann schon ärger­lich sein

Das gefällt mir gut: MILLE FIORI fühlt sich sehr beloh­nend an. Egal was man macht, man erhält immer Punk­te. Die Kunst liegt natür­lich dar­in, die ein­zel­nen Aktio­nen effi­zi­ent zu nut­zen und sich nicht mit ein paar Punk­te-Krüm­meln zufrie­den zu geben. Dabei kommt es mal wie­der auch zu Ket­ten­zü­gen. Die­se erleb­ten wir in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit haupt­säch­lich in Roll-and-Wri­te-Spie­len (GANZ SCHÖN CLEVER oder auch RAJAS OF THE GANGES – THE DICE CHARMERS), mitt­ler­wei­le sind die­se aber auch in den grö­ße­ren Spie­len ange­kom­men, wie es uns Autor Rei­ner Kni­zia bei­spiels­wei­se schon in WITCHSTONE vor­ge­führt hat. Nach­voll­zieh­bar, ist es doch unge­mein befrie­di­gend, wenn man so sei­nen Zug kunst­voll ver­län­gert und somit auf der Punk­te­leis­te davon eilt.

Neben die­sem erfül­len­den Spiel­ge­fühl ist die Schnel­lig­keit der gro­ße Trumpf von MILLE FIORI. Wie man es beim Draf­ting gewohnt ist, gibt es kaum lan­gen Leer­lauf und alle sind am Spiel betei­ligt – und sei es auch nur durch flu­chen­de Kom­men­ta­re, war­um aus­ge­rech­net die­ses Feld nun von mei­ner Vor­der­frau besetzt wur­de. Dabei darf man den tak­ti­schen Anteil aber nicht unter­schät­zen. Denn die Mit­spie­len­den kön­nen am Ende der Run­de nur das aus­spie­len, was ich ihnen gege­ben habe. Wie immer muss man also genau abwä­gen zwi­schen dem eige­nen und dem frem­den Nutzen.

Natur­ge­mäß ist die Per­son im Vor­teil, die zuerst die Run­de begin­nen darf. Schließ­lich sind nur dann die bestehen­den Optio­nen unver­än­dert, wenn man an der Rei­he ist. Im 4‑Per­so­nen-Spiel ist die begin­nen­de Per­son zwei­mal in die­ser beson­de­ren Posi­ti­on. Das klingt im ers­ten Moment unfair. Aller­dings ist die­ser Vor­teil in der ers­ten Run­de kaum von Belang, womit es nur rich­tig ist, dass man die­sen noch ein zwei­tes Mal erhält. Im 3- und vor allem 2‑Per­so­nen-Spiel ist das weni­ger von Belang, weil dann die Par­tien meist dadurch enden, dass die eige­nen Rau­ten auf­ge­braucht werden.

Mille Fiori - Hafen
Besof­fe­ner Kapi­tän? Das grü­ne Schiff fährt rück­wärts aus dem Hafen raus...

Nor­ma­ler­wei­se bin ich kein gro­ßer Freund von Plas­tik­ma­te­ri­al in Spie­len. Aber die trans­pa­ren­ten Rau­ten sind nicht nur ein Hin­gu­cker, son­dern auch prak­tisch, weil man dadurch die abge­deck­ten Fel­der noch erken­nen kann. Wahr­schein­lich war man sich auch erst über die­ses Mate­ri­al einig und hat dann dar­aus das Glas­blä­ser-The­ma ent­wi­ckelt, womit zumin­dest ansatz­wei­se eine Ver­knüp­fung stattfindet. 

Die Anlei­tung emp­fin­de ich übri­gens als sehr gut geschrie­ben. Sie bie­tet genü­gend Raum und ist klar struk­tu­riert. Die farb­li­chen Zuord­nung des Spiel­plans fin­den sich auch in der Anlei­tung wie­der und für jeden Bereich ist genau eine Sei­te reser­viert, so dass man bei Fra­gen sehr schnell fün­dig wird. Dadurch tre­ten viel­leicht auch Wie­der­ho­lun­gen auf, trotz­dem fühlt man sich gut an die Hand genommen.

Fazit: MILLE FIORI kommt von außen etwas sprö­de daher. Auch der Ein­stieg ist durch die klein­tei­li­gen Regeln nicht ganz so ein­fach, wie man es viel­leicht durch The­ma und Aus­se­hen erwar­ten wür­de. Hat man die Regeln aber ver­in­ner­licht, ist man sehr flott unter­wegs. Da sich das Spiel­ge­fühl auf­grund der Punk­te­ex­plo­si­on sehr beloh­nend anfühlt, wür­de ich MILLE FIORI als Feel-Good-Spiel bezeich­nen. Es macht nicht wirk­lich etwas neu, aber das was es will, macht es gut und konsequent.

TitelMil­le Fiori
AutorRei­ner Knizia
Illus­tra­tio­nenSte­phan Lorenz und Mari­na González
Dau­er45 bis 75 Minuten 
Per­so­nen­an­zahl2 bis 4 Personen
Ziel­grup­pedraf­ten­de Kennerspielspielrunden
Ver­lagSchmidt-Spie­le
Jahr2021
Hin­weisfür die Bespre­chung wur­de vom Ver­lag ein
Rezen­si­ons­ex­em­plar zur Ver­fü­gung gestellt

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