Ohanami von Steffen Benndorf – erschienen im Nürnberger-Spielkarten-Verlag
Nachdem ich schon im letzten Beitrag eine interessante Neu-Kombination eines Drafting-Spiels vorgestellt habe, mache ich mit OHANAMI gleich so weiter. Denn man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass THE GAME Pate für OHANAMI war. Wen diese Kombination zurecht verwundert, der sollte sich aber einmal den Namen des Autors genauer ansehen. Dann wird die Verbindung klar, oder?
Thema... mit meinem Beitrag bin ich allerdings etwas zu spät dran – zumindest was das Thema anbetrifft. Denn in OHANAMI geht es u.a. um die Schönheit der Kirschblüte, die zumindest bei unserem Nachbarn im Garten schon vergangen ist. Wir Spieler legen jedenfalls Gärten an und wollen diese in ein harmonisch Ganzes überführen. Aber mal ehrlich: am Ende legen wir bunte Zahlenwerte ab. Trotzdem hat das Thema seine Berechtigung, denn dadurch kommen die...

Illustrationen… von Christian Opperer richtig gut zur Geltung. Dabei überrascht etwas die Wahl des Illustrators, weil ansonsten eigentlich fast immer Oliver Freudenreich beim Nürnberger-Spielkarten-Verlag die Grafik zu verantworten hat. Nun darf also mal jemand anderes ran – und Christian Opperer hat seine Sache richtig gut gemacht! Die pastelligen Illustrationen von Steinen, Kirschblüten, Pflanzen und Wassermotiven passen jedenfalls perfekt zur ruhigen Atmosphäre von OHANAMI. Auch finde ich es toll, dass nicht bloß eine Kirschblüte illustriert wurde, sondern viele unterschiedliche Darstellungen zu sehen sind.
Ausstattung… zur Abwechslung sind mal wieder 120 Karten am Start. Diese sind durchnummeriert und kommen in vier unterschiedlichen Farben (bzw. Kategorien) daher. Für das Spielende liegt außerdem noch ein Wertungsblock bei.
Ablauf… wie schon in der Einleitung geschrieben, wird bei OHANAMI gedraftet. Über 3 Runden erhält jeder Spieler anfangs 10 Karten. Davon sucht sich jeder 2 Karten aus, legt diese in seine Auslage und gibt den Rest weiter. Das macht man so lange, bis keine Karten mehr weitergegeben werden können.
Bei dieser überschaubaren Spielmechanik liegt der Clou des Spiels zwangsläufig in der Bildung der Auslage bzw. in deren Wertung. In der Auslage kann man bis zu drei Kartenreihen bilden. Allerdings kann man diese Reihen immer nur an ihren Enden fortsetzen. Liegen in einer Reihe also schon die Kartenwerte 38, 41, 49 und 56, dann kann man zwar die 36 und die 62 noch anlegen, die 47 wäre aber nicht mehr möglich.
Jeweils am Ende der drei Durchgänge findet eine Zwischenwertung statt. Nach der ersten Runde werden nur die blauen Karten in der eigenen Auslage mit je 3 Pluspunkten gut geschrieben. Nach der zweiten Runde wieder die blauen, nun aber auch noch die grünen Karten mit 4 Punkten. Nach der letzten Runde kommen zu den bekannten Werten noch die grauen Karten mit jeweils 7 Punkten hinzu. Schlussendlich bekommt man auch noch für die pinken Karten Punkte gemäß der Gaußschen Summenformel. Diese Punkte alle zusammen addiert ergeben dann das Endergebnis.
Das gefällt mir nicht so gut: Die zu treffenden Entscheidungen sind doch recht trivialer Natur. Aufgrund des cleveren Wertungssystems will man natürlich in der ersten Runde nur blaue Karten auslegen, dann grüne Karten und letztlich graue Karten. Oder man spezialisiert sich von Anfang an auf die pinken Karten und sammelt vornehmlich diese. Das ist offensichtlich und soll durch die speziellen Ablegeregeln spannend gemacht werden. Denn wie bei THE GAME fangen dabei die Zwänge an, wo man etwas am besten ablegt. Oder eher die Frage: nehme ich für diese blaue Karte einen so großen Sprung in Kauf? Allerdings zeigt sich mit ein wenig Erfahrung, dass dieser Druck doch gar nicht so stark ist, wie anfangs befürchtet – zumal man auch jeder Zeit Karten abwerfen kann, wenn sie nicht zu passen scheinen. Hier hätte ich mir also noch ein wenig mehr Beschränkungen erwünscht (bspw. in der Art, dass man erst in der zweiten Runde eine zweite Reihe in der Ablage bilden darf).
Ansonsten ist OHANAMI Drafting pur. Da liegt es in der Natur der Dinge, dass man im 2‑Personen-Spiel mehr Kontrolle über die Karten hat als im 4‑Personen-Spiel. Zu zweit kann ich schon mal darauf spekulieren, dass mein Gegenüber die oder die Karte nicht nehmen wird, so dass ich mir erst andere Karten sichern kann. Im Spiel zu viert ist das kaum möglich. Dafür kommen dort nun sicher alle Karten ins Spiel, was es ein wenig berechenbarer macht. Im 2‑Personen-Spiel sehen die Spieler lediglich die Hälfte der möglichen Kartenwerte und es ist viel schwerer abzuschätzen, ob Lücken in den Reihen sinnvoll sind oder nicht.
Bezüglich dieser sinnvollen Abschätzung ist mir die Verteilung der Farben auf den Karten nicht ganz klar. Dabei wäre es meiner Meinung nach hilfreich, wenn bspw. jede 10er-Karte eine pinke Karte ist (so in der Art der Hornochsen-Verteilung bei 6 NIMMMT!). Bei OHANAMI liegt vielleicht auch ein mathematisches System dahinter, ich habe das dann aber nicht verstanden (und zugegebenermaßen auch gar nicht erst gesucht). Zumindest ist es nicht offensichtlich und somit lässt sich schwer gezielt auf bestimmte Farben bzw. Werte spielen. Dabei wäre es für meine Entscheidungsfindung schon hilfreich, wenn ich wüsste, ob zwischen der 75 und 80 nur blaue Werte vorkommen oder vielleicht nur graue. [EDIT: Wahrscheinlich hätte ich mir doch mal die Mühe machen sollen, die Kartenverteilung zu analysieren. Dann wären mir wohl die Regeln, die Autor Steffen Benndorf dankenswerterweise im unten stehenden Kommentar erläutert, auch aufgefallen. Danke für den Hinweis!]
In der Summe fehlt mir ein wenig die Berechenbarkeit, welche Kartenwerte überhaupt im Spiel sind und wie diese sich verteilen. Damit fehlt etwas der besondere Reiz, den bspw. THE GAME gibt. Bei den Kartenwerten kann man noch Hausregeln versuchen (zu zweit spielt man nur die Kartenwerte 1 bis 60), aber durch die unklare Farbverteilung weiß ich nicht, ob eine solche Hausregel dann wirklich funktioniert.
Das gefällt mir gut: Wer sich allerdings frei macht von all zu hohem Ehrgeiz, der kann mit OHANAMI schöne Runden erleben. Dazu trägt dann auch das meditative Thema und die wunderschönen Illustrationen bei. OHANAMI ist dann so eine Art Wohlfühlspiel, bei dem das gemeinsame Spiel ohne Stress im Mittelpunkt steht. Die Taktiken sind zwar offensichtlich, aber trotzdem ist das Spiel aufgrund der zufälligen Kartenverteilung vielfältig genug, um nicht langweilig zu sein.
Wenn ich mich oben vielleicht ein wenig abfällig über den Draft-Mechanismus geäußert habe, dann muss ich das auf alle Fälle revidieren. Denn das Drafting verhindert all zu große Glücksausschläge bei der anfänglichen Kartenverteilung. So hat man nie das Gefühl, dass man vom Spiel gespielt wird. Es ist eher so, dass man dauernd das fordernde Gefühl hat, viele kleine Entscheidungen treffen zu müssen.
Dabei finde ich es toll, wie der Mechanismus aus THE GAME nun auf ganz andere Art und Weise angewandt wird. Statt eines nervenaufreibenden kooperativen Spiels, hat man nun mit OHANAMI ein entspanntes kompetitives Spiel entwickelt. Aus einer grundsätzlichen Idee zwei sich völlig unterschiedlich anfühlende Spiele zu entwickeln, das ist auch eine Kunst.
Fazit: Selten hat ein abstraktes Kartenspiel ein passenderes Thema erhalten. Das leicht meditative Gärtnern in Japan zur Zeit der Kirschblüte trifft ziemlich genau die Stimmung in diesem ruhigen Kartenspiel ohne all zu große Höhen und Tiefen. Für entspannte Spieler genau das richtige. Ich mag es gerne aber etwas fordernder, weswegen ich wohl eher zu THE GAME greifen würde.

| Titel | Ohanami |
| Autor | Steffen Benndorf |
| Illustrationen | Christian Opperer |
| Dauer | ca. 20 Minuten |
| Spieleranzahl | 2 bis 4 |
| Zielgruppe | entspannte Familienspieler |
| Verlag | Nürnberger-Spielkarten-Verlag |
| Jahr | 2019 |
Ich bedanke mich beim Nürnberger-Spielkarten-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.













Das System der Kartenverteilung ist ganz einfach. Jede 7. Karte grau, jede 3. grün jede 2. blau und der Rest pink 😉
Ui, dass ist mir fast ein wenig peinlich. Jetzt, wo man diese Regeln weiß, ist es auch offensichtlich. In den Partien selbst ist mir das aber nicht aufgefallen. Gut, dass das jetzt auch geklärt ist!
Eins ist mir nicht einleuchtend: in der 1. und 3. Runde werden die Karten im Uhrezeigersinn weitergegeben, in der 2. Runde gegen den Uhrzeigersinn.
Wenn ich also meine Karten an meinen linken Nachbarn weitergebe, erhalte ich dieselben Karten in der 2. Runde doch zurück, um sie in der 3. Runde wieder meinem linken Nachbarn zu geben.
Das heißt, ich bekomme die Karten der anderen Mitspieler nie zu Gesicht.
Was soll das denn?
Ansonsten ein hübsches Spiel, obwohl man ja eigentlich keine Gärten sieht, da die Gartenelemente abgedeckt sind. Das hatte ich mir beim Kauf anders vorgestellt.
Viele Grüße,
Silvi
Hallo!
Ich glaube die Verwirrung kommt durch den Begriff “Runde”. Damit sind eigentlich die drei Spielabschnitte gemeint. Also in der ersten “Runde” werden die ersten 10 Karten gespielt, in der zweiten “Runde” die nächsten usw.
Was nicht mit “Runde” gemeint ist, ist die Kartenweitergabe während dieser Spielabschnitte. Also in der ersten “Runde” werden immer alle Karten nach links weitergegeben. Von den 10 Karten behält man 2 und gibt 8 Karten nach links weiter – dafür erhält man 8 Karten von rechts. Davon sucht man sich wieder 2 aus und gibt dann 6 nach links weiter (und bekommt 6 von rechts). Dann 4 Karten usw.
Die zweite “Runde” läuft fast genauso, nur dass die Karten nach rechts weitergegeben werden. Von den 10 Karten behält man wieder 2 und gibt 8 Karten nach rechts weiter – dafür erhält man 8 Karten von links. Und so weiter…
Die dritte “Runde” läuft wiederum wie die erste “Runde” – und dann ist das Spiel vorbei!
Du hast übrigens Recht. Die schönen Karten sieht man bei der Auslage leider nicht mehr, so dass kein Garten-Feeling aufkommt. Aber ansonsten wäre der notwendige Platz wohl zu uferlos geworden, wenn man die Karten nebeneinander ausspielt.
Viele Grüße,
Tobias