Scotland Yard – Das Kartenspiel von Inka und Markus Brand erschienen bei Ravensburger

Normalerweise kann ich mir schnell eine Meinung von Spielen bilden. Die wird dann meist noch in die ein oder andere Richtung fein justiert, doch der Grundtenor ist meist recht schnell klar – weswegen ich mich auch traue, Ersteindrücke zu verfassen. Erstaunlicherweise funktionierte diese schnelle Meinungsbildung beim vorliegenden SCOTLAND YARD KARTENSPIEL überhaupt nicht. Zu unterschiedlich verliefen die einzelnen Partien und zu unterschiedlich waren auch die Meinungen der Mitspieler. Vielleicht liegt das auch daran, dass jeder etwas anderes von einem SCOTLAND YARD KARTENSPIEL erwartet hat.
Thema... wie auch im Grundspiel wird wieder ein Mister X durch London gejagt – wobei es dieses Mal auch jede andere Stadt sein könnte, da nun kein Stadtplan im Spiel ist (dabei habe mich bei meinen London-Besuchen im Kopf immer an dem Spielplan von SCOTLAND YARD orientiert). Zusätzlich ist nicht nur die Stadt nicht mehr ersichtlich, man weiß auch zu Beginn des Spiels nicht, welcher Mitspieler überhaupt Mister X ist.

Illustrationen... sind von Franz Vohwinkel mit Unterstützung von Torsten Wolber und BuckDesign. Die Grafik orientiert sich natürlich am Brettspiel, so dass hier ein wenig SCOTLAND YARD Feeling erzeugt wird. Die Symbolsprache ist stimmig und funktioniert gut. Insgesamt macht die Grafik auf mich einen positiven frischen Eindruck.
Ausstattung... besteht überraschenderweise aus Karten – etwas anderes erwartet? Der Großteil dieser Karten sind Ticketkarten, die sich wiederum in Taxi‑, Bus, U‑Bahn- und Black-Tickets unterteilen. Zusätzlich gibt es noch für die Ablage drei Aktionskarten sowie drei Lupenkarten für eine dieser Aktionen. Zu guter Letzt sind auch noch zwei Mister-X-Karten im Spiel. Eine ist davon Ersatz und sollte wirklich niemals ins eigentliche Spiel gelangen, denn sonst ist das Chaos perfekt.
Ablauf... zu Beginn wird sichergestellt, dass ein Mitspieler in seiner Starthand die Mister-X-Karte zugeordnet bekommt. Dies geschieht zufällig und geheim, so dass zu Spielbeginn nur eine Person die Identität von Mister X kennt. Ziel der Mitspieler als Detektive ist es, Mister X zu enttarnen und dann zu schnappen. Mister X versucht dahingegen, das Spiel dadurch zu gewinnen, dass die Mitspieler keine Tickets mehr auf der Hand haben oder keine mehr nachziehen können.

Am Anfang eines Zuges wird ein neues Ticket gezogen und dann eines aus der Hand unter die drei Aktionskarten ausgespielt. Das funktioniert ein wenig wie bei 6 NIMMT oder THE GAME, denn man muss dabei beachten, dass die Zahl des ausgespielten Tickets größer sein muss, als die Zahl des Tickets, auf das es gespielt wird – aber auch kleiner als die Zahl des Ticket rechts daneben! Kann oder will man das nicht, kann man auch dafür sorgen, dass die drei Tickets unter den Aktionskarten ausgetauscht werden. Hat man jedoch ein Ticket unter einer Aktionskarte ausgelegt, dann wird die Aktion ausgeführt – und ist das Ticket in der entsprechende Aktionsfarbe, dann bekommt man noch einen Bonus. Welche Aktionen stehen dabei zur Verfügung?
- "Ticket lösen" = weiteres Ticket nachziehen
- "Verhör" = Lupenkarten umdrehen. Sind alle drei umgedreht, darf man sich die Handkarten eines Mitspieler ansehen und verkündet dann, ob dieser Spieler Mister X ist oder nicht.
- "Fahndung" = zufällig eine Handkarte eines Mitspielers ziehen. Ist das dann die Mister-X-Karte, dann haben die Detektive gewonnen.
Ist Mister X schon bekannt, dann kann dieser auch die Black-Tickets nutzen, um bei diesen drei Aktionen Sonderaktionen auszuführen. Dabei verlieren die Detektive Tickets, Mister X zieht zusätzlich selbst Tickets oder aber er taucht unter. Das bedeutet, dass nun alle Spieler eine Karte verdeckt in der Mitte ablegen. Diese Karten werden neu gemischt und wieder verteilt. Hat Mister X hierfür nun seine Mister-X-Karte benutzt, kann es so zu einer Neubesetzung der Mister-X-Rolle kommen (muss es aber eben nicht). Mister X kann übrigens auch schon früher seine Black-Tickets für die Sonderaktionen nutzen. Allerdings hat er sich dann damit auch gleich enttarnt.

Das gefällt mir nicht so gut: Mit dem Spielgefühl des eigentlichen SCOTLAND YARD hat dieses Kartenspiel nichts am Hut. Die Grafiken sind gleich und auch die Sondertickets erkenne ich wieder, aber ansonsten habe ich eher das Gefühl, dass ich ein Art "SCHWARZER PETER extrem" spielen würde. Das ist am Anfang durchaus spannend und interessant, hat aber mit SCOTLAND YARD nun einmal überhaupt nichts zu tun. Hier wird nicht wirklich in der Gruppe geplant und diskutiert, hier werden keine Wahrscheinlichkeiten abgewogen, hier wird keiner eingekesselt, hier wird nicht geblufft und dann gebibbert. Nee, nee, zumindest ich habe grundsätzlich ein ganz anderes Spielgefühl erwartet. Aber war die Erwartung fair? Kann man wirklich ein Spiel, was maßgeblich von der Topologie eines Stadtplans lebt, überhaupt auf ein reines Kartenspiel reduzieren? Ich wüsste nicht wie. Allerdings muss man es auch gar nicht versuchen, sondern sollte dann das Kind beim richtigen Namen nennen.
Ein weiteres Problem habe ich mit der Spieleranzahl. Den größten Reiz hat das SCOTLAND YARD KARTENSPIEL mit fünf Mitspielern. Danach nimmt der Reiz deutlich ab. Zu viert würde ich es noch mitspielen, zu dritt nicht mehr. Natürlich funktioniert das Spiel mechanisch zu dritt, aber der Reiz es auch zu tun, ist bei mir nicht mehr vorhanden. Zu schnell ist Mister X enttarnt und es wird nur noch versucht, die richtige Karte aus dessen Hand zu ziehen. Die schöne Ungewissheit am Anfang, wer denn nun Mister X ist, hält im Spiel zu dritt leider viel zu kurz an.

Weiterhin gefällt mir nicht, dass für ein (semi-)kooperatives Spiel viel zu wenig gesprochen wird. Das Spiel ist zu kurz bzw. zu geradlinig, als dass man über Diskussionen irgendwelche Entscheidungen beeinflussen kann. Das was man machen sollte, liegt klar auf der Hand. Aufgrund der vielen Handkarten sollte eigentlich auch immer etwas vernünftiges gehen – spielen gegen den Trend ist sehr auffällig. Auch passt Diskutieren nicht wirklich zum Charakter des Spiels und dieses Element ist bspw. im TEMPEL DES SCHRECKENS viel besser umgesetzt. Und wie gesagt, es liegt vieles auf der Hand. So macht es bspw. natürlich immer am meisten Sinn, beim erfolgreichen "Verhör" den Mitspieler hinter sich zu befragen. Muss dieser sich als Mister X outen, dann haben die nachfolgenden Detektive schon Möglichkeiten gegen ihn vorzugehen, bevor dieser sich mit einem Black-Ticket vielleicht in eine bessere Position bringen kann.
Zu guter Letzt kann es passieren, dass eine Partie zu früh zufällig beendet wird – im Extremfall sogar, bevor überhaupt alle Mitspieler einmal am Zug waren. Das geschieht dadurch, dass beim frühen Ziehen aus der Hand gleich die Mister-X-Karte gezogen wird. Bis dahin hat sich aber der Spannungsbogen einer Partie noch gar nicht aufbauen können. Extrem schiefe Partien sind ärgerlich, werden aber recht schnell verkraftet, in dem man einfach noch einmal neu anfängt. Passiert es aber zufällig in Runde zwei oder drei, dann kann man die Mitspieler schlecht für eine weitere Partie motivieren und das Spiel ist durch den Raster gefallen.
Das gefällt mir gut: Diesen ganzen negativen Punkten zum Trotz kann man mit dem SCOTLAND YARD KARTENSPIEL großen Spaß haben. Ist der Ablauf optimal und nicht zufällig zu schnell vorbei, dann ist durchaus Spannung vorhanden – insbesondere dann, wenn es durch ein Black-Ticket zu einer Neubesetzung der Mister-X-Rolle kommt.
Fazit: Vielleicht bin ich bei dem Spiel an meinen Erwartungen gescheitert. Ich hatte gehofft, dass im SCOTLAND YARD KARTENSPIEL auch mehr von SCOTLAND YARD vorhanden ist. Gelegentliche wirklich tolle Partien lassen bei mir die Kritikpunkte nicht verstummen – es ist einfach zu unsicher, ob man eine optimale Partie erleben wird oder nicht. So wird im Zweifelsfall zu den besseren, weil sichereren Alternativen gegriffen. Ein gutes hat das SCOTLAND YARD KARTENSPIEL aber doch: man lernt den Wert des Originals wieder besser kennen.
| Titel | Scotland Yard – Das Kartenspiel |
| Autor | Inka und Markus Brand |
| Illustrationen | Franz Vohwinkel und Thorsten Wolber |
| Dauer | 1 bis 20 Minuten |
| Spieleranzahl | (3 bis) 5 Spieler |
| Zielgruppe | Familienspiel |
| Verlag | Ravensburger |
| Jahr | 2017 |
Ich bedanke mich bei Ravensburger für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.








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