kritisch gespielt: Villainous

Villainous von Prospero Hall – erschienen bei Wonder Forge (Ravensburger)

Villainous - Box
Foto: Ravens­bur­ger

Mei­ne Eng­lisch­kennt­nis­se sind zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht die bes­ten. Aus die­sem Grund habe ich eini­ge Zeit gebraucht, bis mir den Titel VILLAINOUS halb­wegs flüs­sig über die Lip­pen ging. Eine Zeit lang habe ich es ledig­lich "das Dis­ney-Spiel" genannt. Da ich damit aber bei den Mit­spie­lern fal­sche Erwar­tun­gen geweckt habe, muss­te ich mir das wie­der abge­wöh­nen. Denn unter "Dis­ney-Spiel" hat­ten vie­le die Befürch­tung, eine unleid­li­che Lizenz-Ver­wursch­te­lung spie­len zu müs­sen – und das ist VILLAINOUS defi­ni­tiv nicht. Schon die muti­ge Gestal­tung des Covers macht deut­lich, dass hier doch ein ande­rer Geist herrscht.

The­ma... ist in der vor­lie­gen­den Art nicht unbe­dingt bei einem Dis­ney-Pro­dukt zu erwar­ten. Denn bei VILLAINOUS wird der größ­te Böse­wicht aller Zei­ten gesucht. Wel­cher Schur­ke ist noch schur­ki­scher als die ande­ren Schur­ken? Zur Aus­wahl ste­hen die bekann­tes­ten Unhol­de aus dem Dis­ney-Uni­ver­sum: Male­fiz, Käpt'n Hook, die Herz­kö­ni­gin und noch wei­te­re bekann­te Unsym­pa­then war­ten auf uns. Der wit­zi­ge Unter­ti­tel "Böse Mie­ne zum guten Spiel" bringt das The­ma jeden­falls sehr gut auf den Punkt. Wobei das Spiel durch­aus böse sein kann.

Detail Dschafar
alte Bekann­te grü­ßen uns

Illus­tra­tio­nen… sind haupt­säch­lich aus den ent­spre­chen­den Zei­chen­trick­fil­men ent­lie­hen. Dabei wer­den natür­lich eini­ge Sen­ti­men­ta­li­tä­ten geweckt. So waren mei­ne ers­ten drei Kino­fil­me jeweils Dis­ney-Fil­me – und da haben sich eini­ge Bil­der in mei­nem Kopf fest­ge­setzt. Aber unab­hän­gig davon ist auch die Gra­fik um die ein­zel­nen Film­sze­nen her­um gut gelun­gen. Die ein­zel­nen Kar­ten-Orna­men­te grei­fen wun­der­bar The­men des Fil­mes auf und die Sym­bo­le sind auch recht schnell ver­in­ner­licht. Über allem thront aber das beein­dru­cken­de Cover.

Aus­stat­tung… besteht haupt­säch­lich aus Kar­ten. Jeder der sechs Böse­wich­ter hat ein eige­nes Kar­ten­set, was aus Böse­wicht-Kar­ten sowie aus Schick­sal-Kar­ten besteht. Für jeden Cha­rak­ter gibt es neben den volu­mi­nö­sen Spiel­fi­gu­ren auch eine Spie­ler­ta­fel sowie ein klei­nes Hand­buch. In die­sem wer­den die Beson­der­hei­ten der ein­zel­nen Böse­wich­ter erklärt sowie auch tak­ti­sche Tipps gege­ben. Schluss­end­lich steht noch ein klei­ner Plas­tik­kes­sel zur Ver­fü­gung, in dem die Macht­chips aus Pap­pe gesam­melt wer­den kön­nen.

Villainous - Spielfiguren
beein­dru­cken­de Spiel­fi­gu­ren

Ablauf… VILLAINOUS ist ein asym­me­tri­sches Spiel, da jeder Cha­rak­ter ein eige­nes Ziel ver­folgt. Dafür bewegt sich die Spiel­fi­gur auf der eige­nen Spie­ler­ta­fel von Ort zu Ort (wobei ein Ste­hen­blei­ben nicht erlaubt ist). Auf die­sen Orten bestehen dann Akti­ons­mög­lich­kei­ten, die man aus­füh­ren kann. Die­se Aktio­nen sind recht ein­fach und schnell ver­in­ner­licht (Kar­ten aus­spie­len, Macht­chips neh­men usw.). Außer­dem gibt es für alle Spie­ler auch noch eine Spiel­hil­fe, auf der die Akti­ons­mög­lich­kei­ten auf­ge­führt wer­den.

Start Käpt'n Hook
Käpt'n Hook ist bereit zum Start

Aller­dings gibt es da ein paar Beson­der­hei­ten. Wer sich die Orte genau­er ansieht, der erkennt, dass jeweils zwei Akti­ons­sym­bo­le oben und unten abge­bil­det sind. Im Lau­fe der Par­tie kann es näm­lich pas­sie­ren, dass die lie­ben Mit­spie­ler die obe­ren Sym­bo­le durch die soge­nann­ten Schick­sals­kar­ten abde­cken. Somit wird die eige­ne Aus­wahl deut­lich ver­rin­gert. Auf die­sen Schick­sals­kar­ten sind sin­ni­ger­wei­se die eigent­li­chen Hel­den des Films abge­bil­det – schließ­lich bekämp­fen die­se den Böse­wicht. Auch sind man­che Orte anfangs noch gesperrt und müs­sen erst im Ver­lauf der Par­tie frei­ge­schal­tet wer­den.

Spielhilfe
die gute Spiel­hil­fe lässt kei­ne Fra­gen offen

Das gefällt mir nicht so gut: VILLAINOUS ist extrem glücks­ab­hän­gig. Wenn die Kar­ten­ver­tei­lung ungüns­tig ist, dann kann man von Anfang an kaum eine Chan­ce auf den Sieg haben. Bspw. lau­tet das Ziel von Käpt'n Hook, Peter Pan auf der Jol­ly Rogers im Duell zu besie­gen. Das ist natür­lich wun­der­bar the­ma­tisch, wird aber dann zur Qual, wenn Peter Pan ein­fach nicht aus dem Schick­sals­kar­ten-Sta­pel auf­tau­chen will. Im Gegen­satz dazu gewinnt Prinz John, wenn er 20 Macht­chips ange­sam­melt hat – was eigent­lich nur eine Fra­ge der Zeit ist. Also lie­ber Prinz John spie­len? Nicht unbe­dingt, denn natür­lich kann es auch anders her­um lau­fen. Peter Pan erscheint als ers­ter Held und schon hat Käpt'n Hook einen rie­si­gen Vor­teil, den Prinz John kaum auf­ho­len kann. Wer sich dar­an nicht stört: wun­der­bar. Ich habe damit aber ein Pro­blem.

Spielzug Dschafar
end­lich ist die Wun­der­lam­pe auf­ge­taucht

Zusätz­lich ist die­ser Schick­sal­kar­ten-Sta­pel eine komi­sche Sache. Natür­lich soll er aus­glei­chend wir­ken. Der Spie­ler, der in Füh­rung liegt, soll durch sei­ne Mit­spie­ler Knüp­pel zwi­schen die Bei­ne gewor­fen bekom­men. Aber hier fängt das Pro­blem an: wer ist über­haupt der füh­ren­de Spie­ler? Nicht alle Spiel­zie­le sind so schön ein­deu­tig wie bei Prinz John. Um das wirk­lich halb­wegs ver­nünf­tig ein­schät­zen zu kön­nen, muss man schon recht genau alle teil­neh­men­den Cha­rak­te­re ken­nen – und am bes­ten auch ihre Kar­ten­decks. Ein Umstand, der nicht unbe­dingt deckungs­gleich mit der anvi­sier­ten Ziel­grup­pe des unbe­darf­ten Fami­li­en­spie­lers über­ein­stimmt. Mei­ner Erfah­run­gen nach sind vor allem Ein­stei­ger erst ein­mal damit beschäf­tigt, einen Über­blick über die eige­nen Kar­ten zu bekom­men. Da steht teil­wei­se schon so viel Text drauf, dass man sich gar nicht mit den Kar­ten der Mit­spie­ler beschäf­ti­gen will. Auch sind die Hand­bü­cher zwar einer­seits eine fei­ne Sache, aber ande­rer­seits müss­te jeder Spie­ler vor Beginn erst ein­mal alle Hand­bü­cher der Mit­spie­ler lesen, um einen Über­blick über die Mög­lich­kei­ten und Zie­le zu bekom­men. Das ist aller­dings alles ande­re als Ein­stei­ger freund­lich.

Handbuch
das Hand­buch ist eigent­lich ein Pflicht­text für alle Mit­spie­ler

Ganz prak­tisch stört mich noch, dass man die Kar­ten schlecht auf­fä­chern kann. Auf­grund der Stär­ke­wer­te am unte­ren Ende der Kar­te, muss man eigent­lich von unten nach oben die Kar­ten able­gen – was aber in der Pra­xis so natür­lich nicht pas­siert.

Zu guter Letzt ist mir der Spiel­ab­lauf etwas zu mono­ton. Denn eigent­lich mach man immer das Glei­che: Man bewegt sei­ne Figur auf einen Ort und führt dort zwei bis vier Aktio­nen durch, die sich auch recht ähn­lich sind. Wenn bestimm­te Orte auch noch von Hel­den ver­ein­nahmt sind, redu­ziert sich die Wahl eines sinn­vol­len Ortes zusätz­lich. Das ist mir auf Dau­er etwas zu wenig. Hat der Anfangs­reiz nach­ge­las­sen, alle Cha­rak­te­re min­des­tens ein­mal gespielt zu haben, ist der Wie­der­spiel­reiz bei mir nicht sehr aus­ge­prägt gewe­sen.

Das gefällt mir gut: die Gestal­tung von VILLAINOUS ist eine Wucht! Schon als ich die ers­ten Fotos des ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nals sah, war ich ange­fixt. Da sind einer­seits die vie­len Aus­schnit­te aus den Fil­men, die Erin­ne­run­gen her­vor rufen. Ande­rer­seits aber auch die wer­ti­gen Spiel­fi­gu­ren, die fern­ab vom mög­li­chen Kitsch sind (man hät­te auch lust­los bemal­te Plas­tik­fi­gu­ren der Cha­rak­te­re benut­zen kön­nen). Die gan­ze Auf­ma­chung macht deut­lich, dass VILLAINOUS kein Kin­der­spiel ist und auch kei­ne hin­ge­klatsch­te Ver­wer­tung eines Lizenz­the­mas. Hier wur­de viel Lie­be ins Detail gesteckt!

Bösewichter
die Beson­der­hei­ten der ein­zel­nen Fil­me wer­den gut wie­der­ge­ge­ben

Denn das Autoren­team von Pros­pe­ro Hall hat sich vie­le Gedan­ken gemacht, wie man ein­zel­nen Hand­lungs­strän­ge der Fil­me sinn­voll nach­spie­len kann. Schon die unter­schied­li­chen Spiel­zie­le spre­chen für sich, aber auch auf den Kar­ten sind vie­le Anspie­lun­gen ent­hal­ten. Nicht ohne Grund wur­de Robin Hood bei mir zum Mit­ar­bei­ter des Monats gekürt. Die ein­zel­nen Böse­wich­te spie­len sich auch hin­rei­chend anders, so dass man einer­seits ger­ne alle aus­pro­bie­ren will, aber ande­rer­seits auch sei­nen per­sön­li­chen Lieb­ling fin­den kann.

Die edle Aus­stat­tung und die not­wen­di­ge Tie­fe, um sich in die ein­zel­nen Cha­rak­te­re ein­ar­bei­ten zu kön­nen, wider­spre­chen etwas dem eigent­li­chen Spiel­prin­zip. Denn idea­ler­wei­se soll­te VILLAINOUS schnell her­un­ter gespielt wer­den. Wer es schafft, ohne stra­te­gi­sches oder tak­ti­sches Anspruchs­den­ken an das Spiel her­an­zu­ge­hen, der wird an VILLAINOUS auch sei­nen Spaß haben. Dann kann man wun­der­bar den Mit­spie­lern fies einen Hel­den aufs Auge drü­cken – muss aber auch stark sein und Bös­ar­tig­kei­ten der Mit­spie­ler aus­hal­ten.

Fazit: Lei­der hat mich VILLAINOUS aus spie­le­ri­scher Sicht nicht über­zeugt. Wahr­schein­lich bin ich doch kein so gro­ßer Fan der Dis­ney-Fil­me, als dass ich über die Schwä­chen hin­weg sehen kann, nur um mei­nen fil­mi­schen Kind­heits­be­glei­tern nahe zu sein. Wer aber um des Spie­len wil­lens spielt und kei­ne Pro­ble­me mit der Unaus­ge­gli­chen­heit beim Set-Up hat, der wird mit einer hoch­wer­ti­gen Lizenz­um­set­zung belohnt. Ich grei­fe aller­dings lie­ber zu ande­ren Spie­len.

 

Titel Vil­lain­ous
Autor Pros­pe­ro Hall
Illus­tra­tio­nen ?
Dau­er 20 Minu­ten pro Spie­ler
Spie­le­ran­zahl 2 bis 6
Ziel­grup­pe Dis­ney begeis­ter­te Fami­li­en­spie­ler
Ver­lag Won­der For­ge (Toch­ter von Ravens­bur­ger)
Jahr 2019 (auf deutsch)

 

Ich bedan­ke mich bei Ravens­bur­ger für die Bereit­stel­lung eines Rezen­si­ons­ex­em­plars. Ich bin mir sicher, dass durch die­se Bereit­stel­lung mei­ne Mei­nung nicht beein­flusst wur­de. Die Bespre­chung spie­gelt mei­ne gemach­te Erfah­rung wider.

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