Speed-Dating: Lok'n'Roll, Chartae, Obsthain und Punktesalat

Speed-Dating: Lok'n'Roll, Chartae, Obsthain und Punktesalat

Hal­ten wir die Ein­lei­tung kurz, schließ­lich ist der Lock'n' ... äh ... Rock'n'Roll nicht durch 9‑Mi­nu­ten-Hym­nen berühmt gewor­den, son­dern durch kur­ze Songs, die das Publi­kum mit­ge­ris­sen haben. Des­we­gen schnell zu mei­nen Mei­nun­gen zu LOK'N'ROLL, CHARTAE, OBSTHAIN und PUNKTESALAT rol­len springen ...

Lok'n'Roll von Michiel de Wit (erschienen bei Board Game Circus)

Lok-n-roll - Cover
Foto: Board Game Circus

Gemein­sam bau­en wir in LOK'N'ROLL eine Gleis­stre­cke für die Loko­mo­ti­ve Emma. Dafür bedie­nen wir uns stan­dar­di­sier­ter Stre­cken­ab­schnit­te, die mit Wer­ten von 1 bis 4 daher kom­men. Die­se Wer­te geben an, wie vie­le Wür­fel man nach dem Wei­ter­bau der Stre­cke rol­len las­sen muss. Denn für jedes nun zu sehen­de Rad-Sym­bol muss man Emma in Fahrt­rich­tung wei­ter­zie­hen. Wür­de man dabei über die letz­te Kar­te hin­aus fah­ren, muss man für jeden nicht durch­führ­ba­ren Schritt vom ande­ren Ende der Stre­cke Kar­ten auf­neh­men und vor sich sta­peln – was man nor­ma­ler­wei­se aber ver­mei­den will, da dies Minus­punk­te sind. Aller­dings gibt es dabei die fei­ne Sache, dass sich auf­ein­an­der lie­gen­de Wer­te sofort negie­ren. Liegt somit bspw. auf mei­nem Straf­kar­ten­sta­pel eine Kar­te mit Wert 4 oben auf, dann neh­me ich doch sehr ger­ne eine Kar­te mit eben­falls einem 4er-Wert, da ich nun bei­de Kar­ten abwer­fen kann.

Wie man sich nun den­ken kann, ist LOK'N'ROLL ein klei­nes fei­nes Zocker­spiel. Mal will man ger­ne Kar­ten auf­neh­men, da die­se sich nahe­zu alle selbst auf­he­ben – und dann wür­felt man kein ein­zi­ges Rad. Umge­kehrt pas­siert es natür­lich auch, dass man ein Rad nach dem ande­ren wür­felt und dabei ver­zwei­fel. Aber LOK'N'ROLL ist nicht aus­schließ­lich ein Glücks­spiel. So kann man bei­spiels­wei­se plan­voll pas­sen oder auch mal eine Sack­gas­se bau­en, damit alle Mit­spie­len­den nach und nach Kar­ten neh­men müs­sen, bis wie­der freie Fahrt gewährt ist. Zusätz­lich gibt es noch zwei Kar­ten mit Son­der­fä­hig­kei­ten, die eben­falls Pep ins Spiel brin­gen. Doch natür­lich bleibt der Kern des Spiels glücks­be­tont. Pas­sen die nach­ge­zo­ge­nen Kar­ten nicht ins Kon­zept oder wür­felt man nur Blöd­sinn, dann darf man schon ein­mal über die Unge­rech­tig­keit der Welt klagen.

LOK'N'ROLL schürt somit in sei­nen 15 bis 20 Minu­ten Spiel­zeit Emo­tio­nen bei allen bis zu vier Mit­spie­len­den, ohne dabei jeman­den zu über­for­dern. Das ein­fa­che Spiel­prin­zip wird von allen schnell erfasst und es ist auch kein räum­li­ches Den­ken not­wen­dig. Somit ist es ein idea­les Fami­li­en­spiel, zumal das The­ma erfah­rungs­ge­mäß sehr gut von allen ange­nom­men. Hin­zu kom­men die hüb­schen Illus­tra­tio­nen von Misha Jova­no­vic, die eine deut­li­che Auf­wer­tung gegen­über der ursprüng­li­chen Gestal­tung dar­stel­len. Um es kurz zu machen: LOK'N'ROLL lockt!

Ach ja, wem aktu­ell Mit­spie­len­de feh­len, kann sich auch an den bei­den Solo-Modi erfreu­en. Dabei simu­liert man einer­seits einen Geg­ner oder ver­sucht einen High­score zu kna­cken. Aller­dings ist das eher eine Not als eine Tugend. Das Spiel lebt von sei­nen Emo­tio­nen, von sei­nen Trash-Talk-Mög­lich­kei­ten. Die Solo-Her­aus­for­de­rung hat mich jeden­falls nicht voll­stän­dig abgeholt.


Chartae von Reiner Knizia (erschienen bei Board Game Circus)

Chartae - Box
Foto: Board Game Circus

CHARTAE kommt zwar eben­falls in einer klei­ner Schach­tel daher, ist aber ein ganz ande­res Kali­ber. Die Regeln sind zwar ähn­lich über­schau­bar wie bei LOK'N'ROLL, aber CHARTAE bie­tet ein ganz ande­res Spiel­ge­fühl – was wohl auch dar­an liegt, dass es ein rei­nes 2‑Per­so­nen-Spiel ist. Dem­nach geht es deut­lich tak­tisch gepräg­ter zur Sache.

In CHARTAE baut man gemein­sam an einer 3×3 Fel­der umfas­sen­den Land­schaft. Die­se zeigt am Ende in der Sum­me zu glei­chen Tei­len Was­ser und Land, wobei jede Par­tei genau für einen Land­schafts­typ zustän­dig ist. Ziel ist es, rela­tiv gro­ße zusam­men­hän­gen­de Flä­chen die­ser Land­schaf­ten zu bil­den (oder eben zu ver­hin­dern). Denn am Ende zählt man die Anzahl der dabei betei­lig­ten Plätt­chen und wer davon die meis­ten vor­wei­sen kann, hat die­ses klei­ne tak­ti­sche Duell gewonnen. 

Dabei ist der Mecha­nis­mus ganz ein­fach. Ent­we­der ein neu­es Plätt­chen nach­zie­hen und anle­gen, oder aber ein bestehen­den Plätt­chen um 90° im Uhr­zei­ge­sinn dre­hen. Aller­dings darf nie­mals zwei­mal hin­ter­ein­an­der gedreht wer­den. Das Spiel endet nach etwa 5 bis 10 Minu­ten, wenn alle 9 Plätt­chen lie­gen – und dann folgt meist eine Revan­che. Zumin­dest dann, wenn man sol­che Duel­le mag und man sei­ne Nie­der­la­ge unge­sche­hen machen will.

So ganz warm wer­de ich aller­dings nicht mit CHARTAE. Mir ist das Gebo­te­ne fast schon ein wenig zu kurz bzw. die Ein­fluss-Mög­lich­kei­ten sind zu gering. Man kann schlecht Fal­len auf­stel­len, man hat nie das Gefühl, an die Wand gedrückt zu sein und sich nur mit einem genia­len Kniff noch dar­aus erret­ten zu kön­nen. CHARTAE redu­ziert das tak­ti­sche Duell so sehr, dass es mir fast schon zu belie­big ist. Dabei gefällt mir das grund­sätz­li­che Prin­zip und die Illus­tra­tio­nen von Miche­le Mor sind abso­lut beein­dru­ckend! Aber im End­ef­fekt ist es mir zu wenig Fleisch und ich wer­de in Zukunft wohl eher wei­ter­hin zu BUTTON UP! oder OKIYA greifen.


Obsthain von Mark Tuck (erschienen bei Board Game Circus)

Obsthain - Box
Foto: Board Game Circus

In einer noch klei­ne­rer Schach­tel kommt übri­gens OBSTHAIN daher. Das ist aber nur kon­se­quent, denn schließ­lich ist das ein rei­nes Solo-Spiel und passt damit pro­blem­los in jedes Rei­se­ge­päck oder sogar auch in die Jacken­ta­sche. 18 Kar­ten, 15 Wür­fel und zwei Holz­wür­mer kom­men im prak­ti­schen Schu­ber daher. Von den 18 Kar­ten benö­tigt man aller­dings nur die Hälf­te – wobei meist die rest­li­chen neun Kar­ten direkt für eine Fol­ge­par­tie genutzt wer­den. Die Kar­ten zei­gen drei ver­schie­de­ne Baum­ar­ten (lila Pflau­men, gel­be Bir­nen und rote Äpfel) und in den glei­chen Far­ben kom­men auch die Wür­fel daher. Von den Kar­ten hat man immer zwei zur Aus­wahl und puz­zelt die­se nun im Spiel­ver­lauf übereinander.

Ziel ist es, durch das geschick­te Über­la­gern von glei­chen Bäu­men Sieg­punkt-Früch­te zu gene­rie­ren. Denn immer wenn bspw. ein gel­ber Baum auf einem ande­ren gel­ben Baum zu lie­gen kommt, darf man dort einen Wür­fel able­gen – mit der Wür­fel­sei­te nach oben, die eine Frucht zeigt. Soll­te im Spiel­ver­lauf auf die­sem Baum erneut eine pas­sen­de Kar­te abge­legt wer­den, dann wird der Wür­fel auf­gele­velt. Dabei ste­hen dann die Sieg­punkt-Stu­fen 3, 6 und 10 zur Ver­fü­gung. Zwei­mal pro Par­tie darf man Fehl­far­ben über­ein­an­der legen, was mit den Wür­mern mar­kiert wird und am Spie­len­de ein Punkt­ab­zug von 3 Punk­ten bedeutet. 

Somit ist OBSTHAIN eine soli­tä­re Puz­zle-Auf­ga­be. Wie schaf­fe ich es, durch das geschick­te Über­la­gern der Bäu­me so vie­le Punk­te wie mög­lich zu gene­rie­ren? Dadurch, dass immer nur die Hälf­te der Kar­ten zur Ver­fü­gung steht, weiß man dum­mer­wei­se auch nicht, wel­che noch kom­men kön­nen. Also spe­ku­liert man auf die­se oder jene Situa­ti­on. Dabei kann man dann unver­schäm­tes Glück oder auch Pech haben. Das ist aller­dings nur von Rele­vanz, wenn man wirk­lich der Mei­nung ist, einen High­score kna­cken zu müs­sen. Mir reicht es meist, mich 10 Minu­ten mit einer her­aus­for­dern­den Denkauf­ga­be zu beschäf­ti­gen. Mir macht dabei das Tüf­teln als sol­ches aus­rei­chend Spaß, so dass ich mir bis­her nicht die Mühe gemacht habe, mei­ne erreich­ten Punkt­zah­len festzuhalten.

Theo­re­tisch lässt sich OBSTHAIN auch gegen­ein­an­der spie­len. Dafür benö­ti­gen aller­dings alle ein eige­nes Exem­plar. Weil die Kar­ten durch­num­me­riert sind, kann dann ein Spiel­lei­ter immer die Num­mern der aktu­el­len Kar­ten durch­ge­ben und alle müs­sen nun aus der glei­chen Aus­gangs­si­tua­ti­on das Bes­te machen (das Prin­zip kennt man bspw. aus KARUBA). Die­ses Mehr­per­so­nen­spiel habe ich aller­dings nicht aus­pro­biert – auch, weil ich das als nicht erstre­bens­wert emp­fin­de. Ich will in mei­nem Tem­po Kar­ten aus­pro­bie­ren und Plä­ne schmie­den kön­nen. Dabei kann ich mich ent­span­nen und des­we­gen brau­che ich für sol­che Sachen kei­nen Wettbewerb. 

OBSTHAIN macht das, was es tun will, nahe­zu per­fekt. Es ist viel­leicht etwas weni­ger anspruchs­voll als PALM ISLAND, aber dafür dau­ert es auch nicht so lan­ge und benö­tigt weni­ger Hand­akro­ba­tik. Somit ist OBSTHAIN eine klei­ne Kno­be­lei, die aber auf­grund des stim­mi­gen The­mas und der schö­nen Gestal­tung voll­auf zu über­zeu­gen weiß. Nichts für einen lan­gen ein­sa­men Abend, aber wenn man auf die ange­kün­dig­te Grup­pe war­tet, kann man sich nun auch etwas sinn­vol­ler beschäf­ti­gen, als gelang­weilt auf dem Smart­pho­ne her­um zu daddeln.


Punktesalat von Molly Johnson, Robert Melvin und Shawn Stankewich (erschienen bei Pegasus Spiele)

Punktesalat - Box
Foto: Pega­sus Spiele

Wenn ich schon bei Obst (= fast Gemü­se) und Punk­ten bin, dann lohnt sich noch ein Schwenk zu PUNKTESALAT. Wenn fast gleich­na­mi­ger Obst­sa­lat genau­so gut in der Fami­lie ankom­men wür­de wie PUNKTESALAT, dann wäre die 1A Ernäh­rung für die Kin­der gesi­chert. Denn bei uns gab es eine Pha­se, in der andau­ernd PUNKTESALAT auf den Tisch gefor­dert wurde. 

Bei PUNKTESALAT lie­gen immer 6 Gemü­se­kar­ten und 3 Punk­te­kar­ten offen in einer Aus­la­ge, aus der man sich dann bedient. Ent­we­der legt man zwei Gemü­se­kar­ten zu sich, oder aber man nimmt sich eine Punk­te­kar­te für die fina­le Wer­tung im Set Collec­tion Style. Die­se Punk­te­kar­te kann man par­ti­ell übri­gens durch das auf der Rück­sei­te abge­bil­de­te Gemü­se erset­zen. Mehr Mecha­nik ist gar nicht vorhanden. 

Somit ist PUNKTESALAT schnell gelernt und auch ent­spre­chend schnell gespielt. Der Reiz ent­steht dar­in, dass alle Punk­te­kar­te mehr oder weni­ger ein­zig­ar­tig sind. Viel cha­rak­te­ris­ti­scher ist aber das Dilem­ma, dass genom­me­ne Gemü­se­kar­ten sofort durch die bis­her aus­lie­gen­den Punk­te­kar­ten ersetzt wer­den. Da spe­ku­liert man auf eine Punk­te­kar­te, für die aktu­ell schon pas­sen­des Gemü­se aus­liegt. Neh­me ich nun die Punk­te­kar­te, dann hat sich aber wahr­schein­lich die Aus­la­ge ver­än­dert, wenn ich wie­der an der Rei­he bin. Neh­me ich aller­dings Gemü­se­kar­ten, ist es sehr wahr­schein­lich, dass mei­ne anvi­sier­te Punk­te­kar­te als Aus­tausch für genom­me­nes Gemü­se her­hal­ten muss. Somit gibt es schon den ein oder ande­ren Inter­es­sens­kon­flikt und das Timing wird wich­tig. Im End­ef­fekt geht man aber haupt­säch­lich Wet­ten für die Zukunft ein. Aller­dings sind die­se Wet­ten offen, so dass alle mei­ne Mit­spie­len­den dann wis­sen, dass ich z.B. Toma­ten sam­me­le. Drei­mal darf man raten, wel­che Kar­ten mir dann nicht mehr gegönnt werden!

PUNKTESALAT ist sicher­lich nicht das inno­va­tivs­te Spiel des Jah­res, weiß aller­dings durch sei­nen schnel­len Zugang und der gewis­sen Leich­tig­keit zu über­zeu­gen. Ein wenig ner­vig ist das Aus­sor­tie­ren von Kar­ten in klei­ne­ren Run­den. Dafür kann man PUNKTESALAT aber auch mit 6 Per­so­nen spie­len. Das ist in Covid-19-Zei­ten viel­leicht nicht der größ­te Plus­punkt, aber es wird ja hof­fent­lich auch wie­der Zei­ten geben, in den Enkel mit ihren Groß­el­tern zusam­men ein Spiel auf den Tisch brin­gen wol­len – und bei PUNKTESALAT wür­de ich mich nicht weg­schlei­chen, son­dern wäre ger­ne mit dabei.


Hin­weis: für die Bespre­chung wur­den von den Ver­la­gen teil­wei­se Rezen­si­ons­ex­em­pla­re zur Ver­fü­gung gestellt

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