Erlebnisbericht zu Pandemic Legacy Season 1 von Matt Leacock und Rob Daviau – erschienen bei Z Man Games
Achtung, dieser Text enthält Spoiler zum Spiel PANDEMIC LEGACY Season 1
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, so eine Art PANDEMIC LEGACY Tagebuch zu schreiben. Die ersten zwei-drei Monate war ich auch fleißig am dokumentieren, aber irgendwann kam der Bruch. Ich war leider nicht konsequent genug und konnte dann die folgenden Partien nicht mehr auf dem anfänglichen Niveau rekonstruieren. Vielleicht hätte ich das immer direkt im Anschluss machen sollen. Aber ich wollte lieber erst die ganze Partie durchspielen, damit ich dann besser den Blick für das Ganze hätte. So wie es aussieht, macht Alexander Winnefeld von verspielte-rezensionen.de es besser: direkt nach der Partie werden seine Erfahrungen beschrieben. Wer also an einer kompletten Partie teilhaben will, dem empfehle ich das Lesen dieses Tagebuchs.
Wie lief es bei uns? Leider etwas zäh. Das lag aber weniger am Spiel, sondern mehr an uns. Gewöhnlich treffen wir uns alle zwei Wochen und wir hatten uns vorgenommen, dabei immer zwei Partien zu spielen. Im Endeffekt kam es anders und wir haben fast ein komplettes Jahr für das Durchspielen von PANDEMIC LEGACY benötigt. Immer hat mal jemand gefehlt oder wir schafften nur eine Partie. Das war deswegen problematisch, da wir gerade am Ende des Pandemie-Jahres immer mindestens eine halbe Stunde brauchten, um uns wieder in den Regeln zurecht zu finden. Beginnt PANDEMIC LEGACY ganz klassisch, so endet es doch mit einem Vielfachen an Optionen und Möglichkeiten!
Anfangsphase: Bei uns brach das mutierte COdA-403a-Virus in Asien aus (Stadt Null war Manila, wie sich später herausstellte). So richtig konnten wir zu dem Zeitpunkt nicht einschätzen, ob das nun gut oder schlecht war. Einerseits lässt sich Manila und auch Asien gut erreichen, andererseits kann genau das auch zum Problem werden, da sich das Virus schnell verbreiten kann. Zumal wir recht schnell erfahren mussten, dass es kein Gegenmittel gegen COdA-403a gibt und es nun gilt, infizierte Städte unter Quarantäne zu stellen. Deswegen waren wir auch sehr erfreut, dass nun mit der Quarantäne-Spezialistin ein neuer Charakter zur Verfügung stand. Da neue Charaktere Beziehungen zu bestehenden eingehen können, haben wir auch sofort im Februar einen Tausch vorgenommen. Denn Beziehungen sind gut und verhelfen zu weiteren Sonderfähigkeiten! Starteten wir noch im Januar klassisch mit Sanitäter, Logistiker, Forscherin und Wissenschaftlerin, wurde letztere im Februar gegen die Quarantäne-Spezialistin ausgetauscht.
Die ersten beiden Monate verliefen recht einfach. Probleme bereitete uns nur Chicago mit zwei schnellen Ausbrüchen. Wir hatten aber geflachst, dass aufgrund der damaligen (und leider immer noch aktuellen) politischen Lage in den USA dort ohnehin keiner hin möchte. Noch fanden wir es ganz amüsant, dort die ersten Aufkleber anzubringen. Erste Narben bekamen wir bei einem überraschenden Ausbruch in Madrid. Dort trafen sich drei Charaktere zum Wissen teilen als eine Epidemiekarte Madrid ins Spiel brachte – dummerweise lag dort schon ein Seuchenwürfel durch einen Ausbruch in London in der Runde davor (und dabei wir hatten doch durch unser Treffen in Madrid endlich die richtige Anzahl an blauen Stadtkarten zusammen – es fehlt nur noch das Forschungslabor). Somit mussten wir uns früh mit der Verwundbarkeit unserer Teammitglieder auseinander setzen.

Wir waren also recht früh im Legacy-Modus angekommen. Wir haben uns eifrig Namen für unsere Charaktere ausgedacht, wir haben Karten zerrissen, Aufkleber geklebt und Texte aufgerubbelt. Eine erste kleine Story-Überraschung gab es, als wir auf einmal kleine grüne Zombies ("erloschene Gestalten") aus einer Box befreit mussten. Ein größerer Schock war aber, als wir später keine Straßensperren in der Spieleschachtel fanden. Wie sich dann aber herausstellte, war es ein Fehlalarm. Denn diese waren nur auf dem Boden gefallen und im Eifer des Gefechtes hatten wir diese am Abend nicht gefunden. Apropos Straßensperren: unsere Strategie war es, dass wir Asien versuchten komplett vom Rest der Welt abzuriegeln, so dass keine erloschenen Gestalten den Rest der Erde unsicher machen konnten. Das ist uns größtenteils auch ganz gut gelungen – hat uns aber auch Probleme bereitet.
Denn was wir anfangs etwas unterschätzt hatten, waren die Konsequenzen der Ausbrüche in den Städten. Denn diese erschweren das Reisen in die Städte doch erheblich. Wir hatten Asien zwar ganz gut abgeriegelt, kamen dann aber selbst schwer dort hinein. Um dem Abhilfe zu leisten (und um die Aufgabe mit den zu bauenden Militärbasen zu meistern), hatten wir ab März den Logistiker durch den Betriebsexperten ersetzt. Trotzdem gingen uns beide März-Partien verloren, was wir durch drei erfolgreiche erste Monatsversuche im April, Mai und Juni kompensieren konnten.
Mittelspiel: Diese drei erfolgreichen Monate hatten uns etwas zu selbstsicher werden lassen. Wir waren ein erfolgreiches Team mit ans Herz gewachsenen Charakteren, so dass wir neu ins Spiel kommende Charaktere ignoriert haben. Die wurden dann doch interessant, als die Suchen-Aufträge in den Fokus rückten. Diese hatten wir erst etwas hinten angestellt, da die anderen Aufgaben uns leichter erschienen. Nach einem total verpatzten Juli mit teilweise sehr unglücklichen Kartenverteilungen haben wir aber auch unser Spiel neu ausgerichtet. Wir hatten uns nun vorgenommen, mehr auf die Story einzugehen und uns voll auf die Suchen zu konzentrieren.
Da wir somit vermehrt im COdA-Seuchengebiet tätig werden mussten, wurde die Quarantäne-Spezialistin im Juli nochmals gegen den Logistiker ausgetauscht. Im August gaben wir dem Soldaten der Wissenschaftlerin den Vorrang (auch um an neue Beziehungen zu gelangen). Allerdings musste der Soldat recht schnell die Gefährlichkeit seines Jobs erkennen: er verstarb schon im ersten Monat durch einen tragischen Aufstand der erloschenen Gestalten in Bangkok. Aufgrund dieses Schicksalsschlages wurde in der folgenden Partie das Team nochmals neu zusammengestellt. Wir waren nun als Sanitäter, Betriebsexperte, Forscherin und Colonel am Start und schafften damit alle vorgegeben Suchaufträge – wodurch dann die Story-Bombe platzte: Wir waren also nur Marionetten des Militärs! Der Colonel war auf einmal verschwunden und wir mussten uns neu aufstellen.
Diese Wendung in der Story hat uns sehr gut gefallen! Denn so in der Mitte des Spiel hatte mich eine gewisse PANDEMIE-Müdigkeit ergriffen. Ich musste mich eher aufraffen, noch weiter zu spielen und fand vor allem die Suchen spielmechanisch anstrengend. Auch das immer wiederkehrende Heilen der Krankheiten fand ich thematisch eher fade. Wir hatten es zwar geschafft, über erfolgreiche Ausrottungen die schwarze Krankheit sehr gut in den Griff zu bekommen und auch bei blau und rot konnten wir langfristige Vergünstigungen erringen, aber so ein bisschen war bei mir die Luft raus. Durch diese thematische Wendung war ich aber wieder angefixt. Wir wurden benutzt und es gab einen Verräter! So nicht, da müssen wir etwas dagegen tun. Neuer Kampfgeist war also geweckt.
Endspiel: Wir hatten also ein neues Ziel: Impfstoffe gegen COdA-403a mussten entwickelt und verteilt werden. Unser Team bestand nun aus Sanitäter, Betriebsexperte, Forscherin und Immunologe. Wir zerstörten Militärbasen, bauten Impffabriken und begannen damit, die erloschenen Städte in Asien wieder bewohnbar zu machen. Somit hatte sich unsere Straßensperren-Strategie durchaus bezahlt gemacht. Denn bis auf Chennai und Kalkutta wurden keine weiteren Städte mit COdA-403a infiziert. Außerdem hatten wir recht viele Stadtkarten mit Ausrüstungsgegenständen versehen (natürlich vor allem die roten Karten), so dass wir uns ganz gut zwischen den erloschenen Gestalten aufhalten konnten.
Unsere Sieg-Niederlage-Bilanz war nun auch recht ausgeglichen. Die erste Partie im Monat verloren wir, die nachfolgende gewannen wir wieder. Wobei wir bei den Niederlagen durchaus Pech hatten. Aber zu Herzen haben wir uns die ohnehin nicht genommen, sondern als Lernmöglichkeit angesehen. Im Dezember stellten wir uns noch einmal neu auf. Nach neun Monaten verdienstvoller Arbeit verließ uns unser Betriebsexperte und wurde durch die Generalistin ersetzt. Fast hätte es schon im ersten Anlauf geklappt, dafür war dann aber der zweite Dezemberversuch erfolgreich. Wir zerstörten das geheime COdA-Lager in Atlanta und alle erloschenen Städte waren geimpft. Was waren wir glücklich und erleichtert!
Dann kam dieser unglückselige Dämpfer mit der finalen Abrechnung. Was das soll, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber der Form halber haben wir diese dann doch noch durchgeführt – und siehe da, mit 679 Punkten haben wir knapp sogar formal die Katastrophe abgewendet. Aber selbst, wenn wir hier ein schlechteres Ergebnis gehabt hätten, wären wir stolz auf uns gewesen!
Aus Spaß an der Freude haben wir noch die unbenutzten Karten aufgerubbelt. Dabei mussten wir feststellen, dass wir uns die aufwändigen Suchen auch hätten sparen können, da wir von "Team Bravo" am Ende sowieso ins Bild gesetzt worden wären. Das empfand ich jetzt ein wenig wie eine Holzhammer-Methode, um die Story in einer vorgegebene Richtung zu drücken. Zum Glück mussten wir das so nicht während des Spiels erleben. Hier hätte ich mir schon lieber ein alternatives Ende gewünscht. Gerne auch mit einer erfolgreich installierten Militärherrschaft und wir als gefeierte Helden dieses Apparats. Das wäre ebenfalls ein denkwürdiges Ende gewesen (mit einer entsprechenden moralischen Botschaft, die zusätzlich zum Nachdenken anregen würde).
Fazit: Es gab Opfer, es gab Helden! Insbesondere unser Sanitäter Hans, der alle Partien bestritten hat, freut sich nun auf ruhigere Zeiten. Die Welt ist nicht mehr vergleichbar mit der Welt, bevor COdA über Asien frei gesetzt wurde. Chicago, Los Angeles, Bangkok und Taipeh wurden zerstört. Auch viele andere Städte müssen mit dieser Vergangenheit leben.
Immer wenn ich mir den finalen Spielplan so anschaue, kommen Erinnerungen hoch. Ich kann mich an Emotionen während des Spiels erinnern, an Enttäuschungen aber auch an Triumphe. Wir fühlten uns gehetzt und manchmal hilflos, da wir nicht wussten, wohin die Reise eigentlich geht. Wir waren eigentlich nur am Handeln – ohne dieses wirklich zu hinterfragen. PANDEMIC LEGACY hat somit etwas sehr besonderes geschafft. Es hat mich ein gutes Jahr emotional begleitet und mich darüber hinaus auch zum Nachdenken angeregt. Insgesamt war es also eine tolle Erfahrung!



















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