Viral von Gil d'Orey und Antonio Sousa Lara – erschienen bei Corax Games

Jetzt ist es also da, das Schmuddelwetter! Nass, kalt und ungemütlich – da freuen sich die Schnupfenviren. Genau das richtige Wetter, um zu Hause zu bleiben und was neues zu spielen. Zum Beispiel VIRAL, denn das lässt uns nebenbei eine neue Perspektive erleben: wie lebt es sich denn so als Virus.
Thema... wahrscheinlich jeder von uns wollte schon einmal ein Virus sein – na ja, fast jeder. Unabhängig von diesem Wunsch, kann man nun jedenfalls ein Virus-Leben nachspielen. Endlich haben wir Viren es nämlich geschafft, einen Patienten zu infizieren. Jetzt gilt es sich so schnell wie möglich in diesem Körper auszubreiten, zu vermehren, zu mutieren und schlussendlich die Organe zum Kollabieren zu bringen. Allerdings befinden wir uns dabei in einem Wettstreit mit konkurrierenden Viren...
Illustrationen... wie es in unserem Körper aussieht, kennt meine Generation spätestens seit dem Film "Die Reise ins Ich". Allerdings habe ich dabei scheinbar so meine Erinnerungslücken, da ich nicht mehr wusste, dass es so quietsch-bunt in uns ist. Zum Glück bringt uns The Micu (Mihajlo Dimitrievski) wieder auf den neuesten Stand. So sehen wir auf dem Spielbrett unsere Organe sowie Venen, Arterien und sonstige Verbindungen (das Lymphsystem? Ich hätte früher wirklich besser in Biologie aufpassen sollen). Das Ganze ist so außergewöhnlich in Szene gesetzt, dass selbst die Leute mitspielen, die im normalen Leben kein Blut sehen können. Manchmal leidet allerdings etwas die Übersichtlichkeit. Trotzdem lässt The Micu wieder alle seine Bewunderer in Ekstase fallen und erfreut mit einem Cartoon-Stil, der uns sehr oft schmunzeln lässt.

Ausstattung... neben dem nicht zu übersehenden Spielplan bekommt jeder Mitspieler ein eigenes kleines Spielertableau. Dabei ist dann auch das eigene Virus zu sehen sowie die Aktions-Möglichkeiten. Diese Aktionen kommen über so genannte Mutationskarten ins Spiel. Außerdem sind noch Zonenkarten (denn die einzelnen Organe sind in Zonen zusammengefasst) und Ereigniskarten im Spiel – neben vielen kleinen Markern und Pappplättchen.
Ablauf... eine Partie VIRAL verläuft über sechs Runden. Am Anfang einer jeden Runde suchen sich die Mitspieler gleichzeitig und geheim eine Mutationskarte und eine Zonenkarte aus. Die Zonenkarte gibt dabei an, auf welche Organe sich die die meisten Aktionen der Mutationskarte beziehen (manche Aktionen sind allerdings auch im ganzen Körper möglich). Der Startspieler beginnt nun, seine Aktionen in den entsprechenden Organen durchzuführen. Das geschieht nun reihum und wird mit einer zweiten Mutation-Zonen-Kombination wiederholt. Dann endet die Runde und es werden Siegpunkte nach Mehrheiten der Viren in den Organ-Zonen verteilt. VIRAL ist somit ein verkapptes Area-Control-Spiel.
Zufällige Ereigniskarten machen dabei manche Zonen-Wertungen wertvoller oder nehmen anderweitig Einfluss auf das Spielgeschehen. Je mehr Punkte man zwischenzeitlich macht, um so schneller erhält man mächtigere Mutationskarten – allerdings um so schlechter steht man bei der Punkte-Vergabe bei einem Viren-Gleichstand dar.
Außerdem gibt es noch einen Clou: die in der aktuellen Runde gespielten Mutations- und Zonenkarten sind in der nächsten Runde gesperrt und stehen erst in der übernächsten wieder zur Verfügung. Somit kann man sich nicht ohne weiteres auf nur ein oder zwei Organe konzentrieren – bzw. man muss dabei clever die verbindenden Blutbahnen nutzen.

Die Chance auf einen Zweiteindruck... ist nicht all zu hoch – was aber auch daran liegt, dass ich an sich kein ganz so großer Freund von Area-Control-Spielen bin. Mehrheiten bilden und diese dann verteidigen, dass ist definitiv nicht mein Lieblingsspielziel.
Bei VIRAL kommt dabei erschwerend die gewollte Unplanbarkeit dazu. Die einzelnen Mutations-Aktionen haben es ganz schön in sich und können einiges an Chaos verursachen. Am Anfang verfügen alle noch über die gleichen Mutationskarten und durch die beschränkte Auswahl kann man noch abschätzen, was die Mitspieler vielleicht so vorhaben. Im Laufe des Spiels kommen aber die höherwertigen Mutationskarten mit stärkeren Aktionen ins Spiel. Diese Karten sind einzigartig und ich habe mir nicht merken können (oder wollen), was die Mitspieler dadurch so alles machen können. Also habe ich mich auf meinen Plan konzentriert und die Mitspieler ersteinmal außen vor gelassen. Natürlich keine gute Idee! Die Folge war, dass ich einige Male wirklich böse überrascht wurde – und das ging nicht nur mir so. Da teilweise schon in der ersten Aktionsphase einer Runde die Pläne durchkreuzt waren, wurde es in der zweiten Aktionsphase meist noch destruktiver. Manche mögen dieses Chaos und diese Unberechenbarkeit, ich jedoch nicht. Wobei ich schon anerkennen muss, dass das frische Thema und die tolle grafische Umsetzung dafür sorgen, dass man das Spiel nicht all zu ernst nimmt. Man kann also seine Niederlage gut verkraften und sich an unvorhergesehenen Wendungen erfreuen. Nur gezielt auf Sieg spielen, halte ich für schwer möglich, sobald mehr als zwei Spieler mitspielen.
So fällt es mir auch schwer, VIRAL einer Zielgruppe zuzuordnen. Für ein schräges Familienspiel sind mir die verschiedenen Aktionen und deren Zwänge schon zu vielfältig. Somit stufe ich es in den Bereich der Kennerspiele ein – aber für ein gutes Kennerspiel fehlt es mir an eigenem Einfluss. Man kann zwar versuchen, es halbwegs strategisch zu spielen – allerdings wird man sich im Endeffekt lediglich auf taktische Einflussnahme beschränken müssen.
VIRAL macht aber auch einiges richtig. Sehr gut gefallen hat mir die schöne Balance zwischen dem Wunsch, auf der Siegpunktleiste voranzukommen (um die neuen mächtigen Mutationskarten zu erhalten) oder lieber von hinten das Feld aufzurollen (um so die Vorteile bei einem Gleichstand zu haben). Auch die vielen unterschiedlichen Ereigniskarten machen Spaß und sorgen für wechselnde Spielerlebnisse. Prinzipiell ist es bei Area-Control-Spielen eher von Nachteil, wenn man als Startspieler agieren muss (muss man doch in Vorlage treten). Allerdings kann es bei VIRAL auch öfters vorkommen, dass man als Letzter nicht mehr die Situation vorfindet, von der man ausgegangen ist. Das hält sich im 2- und 3‑Personen-Spiel im Gleichgewicht. In Vollbesetzung sind in meinen Augen aber die Spieler im Vorteil, die in den ersten Runden hinten sitzen und die letzten Runden als erster beginnen können.
Das Material ist gut und die Illustrationen sind Spitzenklasse. VIRAL bringt mit seinem einzigartigen Thema frischen Wind in die teilweise abgestandene Luft der Themenwahl. Wer also PANDEMIE mal aus der anderen Perspektive spielen will und auf ironische Spielthemen und chaotische Spielverläufe steht, der wird mit VIRAL sicher seine Freude haben.
| Titel | Viral |
| Autor | Gil d'Orey und Antonio Sousa Lara |
| Illustrationen | Mihajlo Dimitrievski |
| Dauer | 60 – 90 Minuten |
| Spieleranzahl | 2 bis 5 Spieler |
| Zielgruppe | Kennerspiel |
| Verlag | Corax Games |
| Jahr | 2017 |
Wichtiger Hinweis: Dies ist ein Ersteindruck nach wenigen gespielten Partien! Sehr subjektiv und durchaus auch abhängig von Tageslaune, Mitspielern und sonstigen Einflüssen. Bei grundsätzlichem Interesse empfehle das Lesen "richtiger" Rezensionen oder noch besser: ausprobieren!








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