Wie hatte ich im letzten Jahr mein Fazit begonnen? "Jedes Jahr fällt es mir schwerer, ein Fazit zur zurückliegenden SPIEL zu schreiben. Hauptsächlich habe ich das Gefühl, mich dabei zu wiederholen." An diesem Gedanken hat sich wenig geändert. Allerdings sind mir doch ein paar Sachen aufgefallen, die ich als selbsternannter Chronist gerne festgehalten sehe. Die launigen Anekdoten und lustigen Zwischenfälle kommen bestimmt in den nächsten Podcastfolgen zur Sprache, an dieser Stelle möchte ich gerne wieder Grundsätzliches loswerden. Fangen wir also an mit meinem Fazit zur SPIEL 2026 in Essen ...
Rekorde
Wie es zu erwarten war, wurde ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Das war absehbar, schließlich waren schon vor Beginn die drei ersten Tage ausverkauft. Am Sonntagmittag kam dann die Meldung, dass auch an diesem Tag alle Tickets gebucht wurden. Am Ende stehen somit 230.000 Besucherinnen und Besucher und der werbewirksame Claim "weltgrößte Brettspielmesse". Dieses Mehr an Menschen wurde maßgeblich dadurch erreicht, dass nun aufgrund der mit genutzten Halle 8 zusätzliche Fläche geschaffen wurde, die dann wiederum erlaubte, mehr Eintrittskarten zu verkaufen.
Im letzten Jahr hatte ich die Vermutung geäußert, dass aufgrund der notwendigen Vorplanung beim Ticketkauf Spontanbesuche der "Muggel" wegfallen würden und wir vermehrt Hobby-Spielende auf dem Gelände sehen werden. Diese Meinung vertrete ich auch weiterhin – und sehe dabei auch immer noch kein Problem. Eine Messe darf gezielt die eigenen Interessengruppen ansprechen! Für Spiele-Muggel sprießen alternative Angebote sehr erfolgreich aus dem Boden – und schon ist für diese Personen die Saat gelegt, im nächsten Jahr auch Zielgruppe der Messe zu sein. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass die Nachfrage nach Tickets ungebrochen bleibt. Wenn, ja wenn nicht zu sehr an der Preisspirale gedreht wird. Es ist für jedes Wirtschaftsunternehmen ein Geschenk, wenn die Nachfrage so hoch ist. Da kann schon der Versuchung erlegen werden, mit wenig Aufwand einen größeren Gewinn zu erzielen. Ich bin in dieser Hinsicht gespannt, was passieren wird. Unabhängig von dieser Ausgangslage steht für mich außer Frage, dass der Eintritt teurer wird. In vielerlei Hinsicht steigen die Kosten und das muss aufgefangen werden. Doch wie hoch ist angemessen und wird von der kritischen Masse mitgetragen?
Auch aus anderer Perspektive muss sich die Messeleitung überlegen, wie mit der erhöhten Nachfrage umgegangen wird. Denn es wollen nicht nur mehr Besuchende auf die Messe, auch die Nachfrage von Seiten der Verlage ist höher als das Angebot. Kein Wunder, dass nach Wachstumpotenzialen gefragt wird. Diesbezüglich bietet das Messegelände wenig. Die unterirdische Halle 1A ist noch in der Hinterhand (und könnte thematisch mit Dungeon Crawlern gefüllt werden), aber mehr Möglichkeiten drängen sich kaum auf. Die benachbarte Grugahalle war schon Ausweichort für die Neuheitenschau und soll bestimmt weiter als Sonderfläche für zusätzliche Aktionen bleiben. Quo vadis?
Stadt Essen als zusätzliche Spielfläche
Ein möglicher Ausweg können Alternativen in der Stadt sein. Schon seit jeher besteht der Wunsch, dass auch über die Öffnungszeiten der Messe Angebote zum Spielen bestehen. Vor allem Menschen von weiter weg wünschen sich mehr Programm jenseits der 19:00 Uhr Marke, wenn in Deutschland gerne mal die Bürgersteige hochgeklappt werden. Vor ein paar Jahren wurden dafür das Konzept der Games Night ausprobiert, welches sich allerdings nicht etabliert hat. Ich kann schon verstehen, dass die Messeleitung es ganz gerne sieht, wenn in den Hallen auch mal Ruhepausen bestehen. Denn man sollte nicht verachten, wie viel Rummel im Hintergrund herrscht und so braucht es auch mal ruhigere Phasen ohne allzu viel Publikum. Deswegen unterstütze ich das Ansinnen, mehr "offizielle" Veranstaltungen in der Stadt stattfinden zu lassen. Gespielt wurde in den vielen Hotels und Restaurants schon immer. Aber nun wurde erstmals zusammen mit der Stadt Essen das Gemeinschaftsprojekt „Essen spielt!“ ins Leben gerufen. An drei Abenden wurden an besonderen Orten Spielemöglichkeiten angeboten. Zusätzlich gab es mit der erworbenen Eintrittskarte Rabatten für weitere Attraktionen in der Stadt. Diese engere Verzahnung sollte weiter vorangetrieben werden. Denn "Essen" ist doch ohnehin schon ein synonym für die Messe, also darf die Stadt als solche gerne noch mehr eingebunden werden. Dieses Jahr wurde ein guter Anfang gemacht – ganz unabhängig vom kulinarischen i‑Tüpfelchen. Denn mit dem "Gin & Win" wurde ein speziell kreierter Cocktail ins Leben gerufen, der in vielen Bars und Hotels in der Stadt angeboten wurde und vielleicht auch fachfremde Menschen mit der SPIEL in Berührung brachte.



Erlebniswelten
Insbesondere Asmodee benutzt gerne das etwas abgedroschene Bild, für die Menschen "Erlebniswelten" schaffen zu wollen. Das klingt oftmals nicht grundlos nach Marketingsprech. Allerdings muss ich anerkennen, dass Asmodee einiges dafür tut, diesen Anspruch auch mit Leben zu füllen. Die von Asmodee bespielten Flächen erfreuten das Auge. Mal sitzen wir vor einer Hobbithöhle, mal in einem Zug oder an einem überdimensionierten Tisch. Auch außerhalb der eigenen Flächen hat Asmodee mit mobilen Trupps für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch die Messe wird nicht alleine von Asmodee bespielt. In Halle 5 sorgte ein Nachbau der Enterprise für einen tollen Ausblick über den Messetrubel und auch andere Stände boten Schauwerte. Mir ist schon bewusst, dass dies alles Geld kostet, welches vor allem kleinere Verlage kaum zur Verfügung steht. Allerdings werten solche Besonderheiten das Messeerlebnis deutlich auf. Gerne darf der eigene Messeauftritt also noch verspielter gedacht werden.




Trend verpennt?
Offensichtlich bleibt der Trend an Naturthemen – gerne noch kombiniert mit anthropomorphen Tiere. Einerseits bin ich davon gelangweilt, andererseits aber auch nicht derart genervt, dass ich darum einen großen Bogen machen würde. Trotzdem freue ich mich, wenn andere Spiele konkretere Themen anbieten – und davon gibt es glücklicherweise eine Menge. Schließlich war die SPIEL 26 bekanntlich eine Messe der Rekorde, was sich auch in der Zahl der Neuerscheinungen widerspiegelte. Und damit einhergeht auch eine ausreichende Themen-Vielfalt.
Weiterhin bleiben 2‑Personen-Spiele beliebt und jeder Verlag, der etwas auf sich hält, hat mindestens ein Stichspiel unter seinen Neuheiten. Da kann man dann schon mal durcheinander kommen, wie ich beim Erklären feststellen musste. Ohnehin ist es manchmal erschreckend, wenn man in einer Anleitung so ziemlich das Gleiche liest, was man in der Anleitung des Spiels davor gerade schon gelesen hat. Das mag aber auch Zufall oder ein persönliches Problem sein. Erfreulicherweise habe ich in diesem Jahr ganz viele Transportspiele wahrnehmen dürfen. Ich würde nicht so weit gehen, daraus einen Trend zu postulieren. Es zeigt aber, dass trotz unbestreitbarer Trends weiterhin eine große Bandbreite besteht. Zusätzlich ist es faszinierend zu sehen, wie all diese Transportspiele sich dann noch unterscheiden. Das eine nutzt Versteigerungen, das andere einen Bag Building Mechanismus, das dritte hat eine ganz einfache Aktionswahl. Für jeden Geschmack wird etwas geboten.
Das trifft auch über die Brettspiele hinaus zu. Die SPIEL bietet nämlich noch mehr: Tabletop, Sammelkarten, Rollenspiel usw. In diesen Bereichen kenne ich mich kaum aus. Aber ich freue mich, dass diese Spielarten auf der SPIEL vertreten sind – zumal auch dort offensichtlich Interesse erzeugt wurde. Denn ich hatte schon das Gefühl, dass alle Hallen gut besucht waren (die Händlerbereiche einmal außen vor gelassen, die aber eine brancheninterne Berechtigung haben).
Außenwirkung
Nachdem ich mich die letzten beiden Jahre von den "Gesichtern der Spiel" nicht allzu gut vertreten gefühlt habe, kann ich mich diesbezüglich kaum valide äußern. Botschafter Peter Mohrbacher habe ich nur auf der anfänglichen Pressekonferenz wahrgenommen. Ich erkenne somit das Problem, dass eine nach außen unscheinbare Person mit sich bringt. Bleibt die Frage, wozu es dieses "Gesicht der Messe" braucht, gibt es doch schon das erfolgreiche Maskottchen. Und außerdem konnte mir noch niemand die Frage beantworten, was eigentlich der Würfel in der Hand des "Engels" anzeigt? Aber unabhängig von dieser Frage, ärgert es mich, dass die SPIEL zwar einen berühmten Illustrator als Botschafter gewinnt, in meinen Augen aber selbst zu wenig Gewicht auf moderne Illustrationen legt. Ich schaue da neidisch nach Frankreich. Das Festival des Jeux in Cannes hat zum 40. Jubiläum einen Gestaltungswettbewerb ausgerufen, bei dem viele Größen der Szene teilgenommen haben (u.a. Miguel Coimbra, Pierô so wie die Siegerin Maud Chalmel). Die eingereichten Entwürfe waren alle toll bis phänomenal. Solch einen frischen Wind würde ich mir auch gerne für die SPIEL wünschen!
Auftreten
Spannend war mein Erlebnis auf der Bühne in Halle 4. Dort nahmen wir live eine Folge unsere Podcasts Das spielerische Quartett auf. Leider war die Zeit so knapp, dass wir kein Frage-Antwort-Runde mit dem Auditorium durchführen konnten. Vielleicht klappt das im nächsten Jahr. Ansonsten habe ich zugegebenermaßen von der Bühne wenig mitbekommen, da ich fast nur unterwegs war. Aber ich habe mir vorgenommen, den ein oder anderen Vortrag nachträglich anzusehen.
Wiedervorlage
Schon all die Jahre mache ich mir den Spaß, über das Essen in Essen und die Verkehrssituation zu reden. Da halte ich mich dieses Jahr aber zurück. Baumstrietzel sind immer noch nicht wieder im Angebot und vergleichbare Highlights habe ich nicht wahrgenommen. Ich war lediglich verwundert, das kleine Brötchen anscheinend nicht mehr so genannt werden. Und verkehrlich sind mir nur die Folgen der beiden Sturmnächte aufgefallen, sodass ich mir Gummistiefel gewünscht hätte. Ich bin allerdings auch abseits der U‑Bahn-Route mit dem Linienbus unterwegs gewesen.


Abschluss
Zum Abschluss ende ich wie im letzten Jahr: Ich danke allen Beteiligten von Herzen! Der Messeleitung, den Verlagen, den tollen Erklärbär:innen und den vielen vernünftigen Menschen, die insgesamt eine einzigartige, gelassene Stimmung erzeugt haben. Danke!











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