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kritisch gespielt: Formidabel!

Formidabel! von Friedemann Friese – erschienen bei 2F-Spiele

Formidabel - Cover
Bild: 2F-Spie­le

Musik sagt mehr als 1000 Wor­te, oder? Ich bin mir aber nicht sicher, ob der Song For­mi­da­ble von Stromae dem Spiel FORMIDABEL! voll­auf gerecht wird. Denn der jewei­li­ge The­men­kon­text ist doch grundverschieden.

The­ma: Es ist Markt­tag! Die Dorf­be­völ­ke­rung strömt auf den zen­tra­len Platz und hat ganz unter­schied­li­che Wün­sche im Gepäck, die wir – cle­ve­re Händ­ler, die wir sind – schnellst­mög­lich erfül­len wol­len. Dafür holen wir uns in jeder Run­de Nach­schub und sind vor allem am tau­schen und am tau­schen und am tauschen.

Formidabel - Inhalt
auf­ge­fä­cher­tes FORMIDABEL!

Aus­stat­tung: Die Wün­sche der Dorf­be­völ­ke­rung mani­fes­tie­ren sich in 119 Han­dels­kar­ten – mit denen gewor­ben wird, dass sie alle ein­zig­ar­tig sind. Aller­dings fal­len die 90 höl­zer­nen Feld­früch­te mehr ins Auge. Ins­be­son­de­re die Toma­ten hei­schen dabei um Auf­merk­sam­keit. Die Aus­stat­tung wird abge­run­det durch einen solch geform­ten Nach­schub­plan sowie den Über­sich­ten für die Regel­bre­cher und mini­ma­len per­sön­li­chen Material.

Illus­tra­tio­nen: Für den über­aus knuf­fi­gen Look von FORMIDABEL! ist Syl­vain Leroy ver­ant­wort­lich. Die­se neue Illus­tra­to­ren­spra­che im Hau­se 2F über­rascht, der fri­sche Wind tut jedoch gut. Natür­lich könn­te ich mir auch eine anspre­chen­de Gestal­tung von "Mau­ra" Kalus­ky vor­stel­len, aber die nun gewähl­te Optik hat auch was! Ich bin gespannt, ob es bei die­sem ein­ma­li­gen Gast­spiel bleibt oder ob wir in Zukunft noch mehr Arbei­ten von Leroy bei 2F sehen wer­den – und ob dann die Far­be Grün wie­der domi­nan­ter wird.

Ablauf: Anfangs erhal­ten wir eine bestimm­te Anzahl an Han­dels­kar­ten in einen eige­nen Vor­rat, wovon wir ledig­lich drei auf die Hand neh­men dür­fen. Zusätz­lich star­ten wir mit einem kom­plet­ten Satz an Feldfrüchten. 

Formidabel - Auswahl
freie Plät­ze las­sen uns Nach­schub nehmen

In unse­rem Spiel­zug holen wir uns Nach­schub (bspw. zwei Gur­ken oder ein Schaf) und kön­nen dann bis zu drei Han­dels­kar­ten von der Hand oder vom offe­nen Markt erfül­len. Meis­tens tau­schen wir dabei unse­re Res­sour­cen gegen ande­re oder kön­nen eige­ne Kar­ten auf die Hand neh­men – um die­se spä­ter wie­der zu erfül­len. Die Par­tie endet, wenn eine Per­son all ihre Han­dels­kar­ten los gewor­den ist.

Dabei gibt es noch eine Beson­der­heit zu erwäh­nen. Erfüll­te Han­dels­kar­ten kön­nen wir jeder­zeit und so oft wir wol­len als "Regel­bre­cher" benut­zen. So sind wir beim Nach­schub holen nicht mehr dar­auf ange­wie­sen, dass das ent­spre­chen­de Feld leer ist oder wir uns bewe­gen müs­sen. Oder wir kön­nen wei­te­re Feld­früch­te oder Han­dels­kar­ten auf die Hand bekommen.

Formidabel - Vokabeln
Voka­beln ler­nen angesagt

Das gefällt mir nicht so gut: 119 ein­zig­ar­ti­ge Kar­ten bedeu­tet lei­der auch, 119 unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen, die­se zu erfül­len. Ein Groß­teil wird davon intui­tiv ver­stan­den. So gebe ich bei­spiels­wei­se ein Schwein ab und erhal­te drei Toma­ten. Aller­dings gibt es auch deut­lich kom­pli­zier­te­re Anwei­sun­gen. Die­se wer­den über eine Sym­bol­spra­che erklärt, die sich ungüns­ti­ger­wei­se auch nach mehr­ma­li­gen Spie­len nicht ein­prä­gen will. Die Anlei­tung erklärt die­se auf der letz­ten Sei­te zwar vor­bild­lich, aber noch schö­ner wäre es, wenn wir dort gar nicht mehr nach­se­hen müss­ten. Denn das nervt! Auf­grund die­ser Viel­falt lei­det die Zugäng­lich­keit. Es ist schön zu sehen, dass der Autor ganz vie­le Ideen für mög­li­che Tausch­ge­schäf­te hat. Aber wie bekannt, ist weni­ger oft­mals mehr. FORMIDABEL! wäre deut­lich fluf­fi­ger, wenn die­se künst­li­che Hür­de nicht bestehen würde.

Zusätz­lich sind die Her­aus­for­de­run­gen der Han­dels­kar­ten sehr unter­schied­lich. Mal muss ich ledig­lich ein Schaf aus­ge­ben, mal 11 belie­bi­ge Feld­früch­te. Da FORMIDABEL! ein Wett­ren­nen ist, kann es sich unfair anfüh­len, wenn ins­be­son­de­re am Ende sol­che umfang­rei­chen Auf­ga­ben auf die Hand gezo­gen wer­den. Denn auch wenn bei sol­chen die Beloh­nung meist üppig ist: Die ist mir zu dem Zeit­punkt schnurz­piep­egal, ich will schnell fer­tig wer­den! Mit sol­chen Unaus­ge­wo­gen­heit müs­sen wir klar­kom­men, Bru­der Zufall ist in die­sem Spiel ein gewoll­ter Geselle.

Formidabel - Kartenvarianz
nur für mich relevant

FORMIDABEL! ist nicht inter­ak­tiv. Mein Tun kreist sich nur um mich und mei­ne Kar­ten. Die Pau­sen, in denen ich den Zügen der Ande­ren fol­ge, sind für mich nicht rele­vant. Ich war­te nur, bis ich wie­der an der Rei­he bin. Mal wird viel­leicht eine gewünsch­te Kar­te aus der offe­nen Aus­la­ge weg­ge­schnappt. Aber das ist dann genau­so zufäl­lig und ohne Absicht, wie wenn ich einen Platz auf dem Nach­schub­plan blo­ckie­re. Die Mit­spie­len­den sind somit haupt­säch­lich als Ori­en­tie­rungs­punkt für den gemein­sa­men Wett­lauf wich­tig. Dabei ist die­ser Wett­lauf nicht von Pro­gres­si­on geprägt. Denn ich mache durch­ge­hend immer das Glei­che: Nach­schub besor­gen und tau­schen. Somit kann sich eine Par­tie auch etwas zie­hen und ich habe mir manch­mal gedacht: Och, so fünf Kar­ten weni­ger, die ich erfül­len muss, hät­ten dem Spiel­spaß nicht geschadet.

Wir machen übri­gens immer Witz­chen über die im Spiel befind­li­chen "Atom-Toma­ten". Es ist schon klar, dass ein­zel­ne Res­sour­cen sel­ten in wah­ren Rela­tio­nen als Spiel­ma­te­ri­al zur Ver­fü­gung ste­hen. Aber die­se über­di­men­sio­nier­ten Toma­ten hät­ten einen Platz im Guin­ness Buch der Rekor­de ver­dient und domi­nie­ren nach­hal­tig den Nach­schub­hau­fen. Ob deren Grö­ße bei der Bestel­lung der Mate­ria­li­en so bewusst war?

Das gefällt mir gut: Spie­le von Frie­de­mann Frie­se haben oft­mals die­se eine, beson­de­re Idee. Auch wenn schon die Redu­zie­rung des Tausch­vor­gangs auf das Wesent­li­che aner­ken­nens­wert ist, der eigent­li­che Clou ist das Ele­ment der "Regel­bre­cher". Denn die­se wol­len geschickt ein­ge­setzt wer­den, um effi­zi­en­ter zu sein, als die ande­ren. Wie oft habe ich schon die ungläu­bi­ge Fra­ge ver­nom­men, ob die erfüll­ten Kar­ten im eige­nen Besitz am Ende wirk­lich nichts mehr wert sei­en. Stimmt aber – übri­ge Kar­ten zei­gen ledig­lich, dass noch Spiel­räu­me vor­han­den gewe­sen wären. Somit sind die­se "Regel­bre­cher" das Salz in die­sem Feldfrüchteeintopf!

Formidabel - Handkarten
Wie kann ich die­se Kar­ten gut kombinieren?

FORMIDABEL! erzeugt ein sehr beloh­nen­des Spiel­ge­fühl. Denn irgend­et­was geht immer, zumal wir auch mit einem bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men geseg­net sind. Selbst wenn ich in einer Run­de mal kei­ne Kar­te erfüllt habe, bin ich doch recht sicher einem Zwi­schen­ziel näher gekom­men und räu­me dann viel­leicht in der Fol­ge­run­de groß ab. Zumal es ein groß­ar­ti­ges Gefühl ist, mög­li­che Syn­er­gien der ein­zel­nen Kar­ten opti­mal zu nut­zen und dabei die stau­nen­den Bli­cke der ande­ren zu genießen.

Dabei bin ich posi­tiv davon über­rascht, wie knapp die ein­zel­nen Par­tien sind. Viel­leicht ist die anfäng­li­che Fül­le an Han­dels­kar­ten doch genau rich­tig berech­net, weil somit die Zufäl­lig­kei­ten bei der Ver­tei­lung sel­bi­ger nicht wirk­lich zum Tra­gen kom­men. Denn je grö­ßer die­ser Sta­pel ist, umso eher glei­chen sich mög­li­che Unwuch­ten wie­der aus. Zumin­dest habe ich recht oft ein Herz­schlag­fi­na­le erlebt, selbst wenn jemand zu Beginn gefühlt schon weg­ge­zo­gen ist.

Fazit: FORMIDABEL! besticht durch sein kla­res Spiel­de­sign. Lei­der ist die umfang­rei­che Sym­bol­bi­blio­thek der Han­dels­kar­ten ein unnö­ti­ger Stim­mungs­kil­ler. Somit ver­liert das Spiel an Zugäng­lich­keit und Fluss – und nutzt das vor­han­de­ne Poten­zi­al nicht voll­um­fäng­lich aus.

Titel For­mi­da­bel
AutorFrie­de­mann Friese
Illus­tra­tio­nenSyl­vain Leroy
Dau­er30 bis 45 Minuten
Per­so­nen­an­zahl1 bis 4 Personen
Ziel­grup­petau­schen­de Familienspielrunden
Ver­lag2F-Spie­le
Jahr2025
Hin­weisVie­len Dank an den Ver­lag für die Bereit­stel­lung
eines Rezen­si­ons­exem­plars!

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