Crystal Palace von Carsten Lauber – erschienen bei Feuerland Spiele
Ich gebe zu: als ich die Vorankündigung zu CRYSTAL PALACE las, dachte ich mir: "Cool, ein Brettspiel über einen Fußballverein! Wurde da etwa das erfolglose Crowdfunding-Projekt aus dem Hause Feuerland wiederbelebt?" Doch recht schnell war klar, dass ich mich auf dem Holzweg befand. Nix da mit Fußball – obwohl auch bei CRYSTAL PALACE ganz schön viele Kredite im Umlauf sind...
Thema... ist die Weltausstellung 1851 in London mit dem berühmten Kristallpalast, der nicht nur Pate für den englischen Fußball-Erstligisten stand, sondern auch gleich für einen ganzen Stadtteil in London. Jedenfalls repräsentieren wir eine Nation, die mit klugen Köpfen und spektakulären Erfindungen für ordentlich Buzz sorgen wollen. Denn nur wenn man durch erfolgreiches Marketing in den Köpfen der Menschen drin ist, kann man auch seine Produkte verkaufen und die anfänglichen Investitionen wieder ausgleichen.
Illustrationen… sind schon etwas besonderes. Denn die Arbeiten von Andrea Alemanno entsprechen so überhaupt nicht den gängigen Sehgewohnheiten im beschaulichen Brettspiel-Kosmos. Besonders angetan haben es mir die vielen witzigen Details bei den Erfindungen. Allerdings ist Originalität nicht alles. Leider ist die Symbolsprache nicht immer eindeutig. Zusätzlich korrespondiert der etwas unruhigen Zeichenstil nicht gut mit den vielen zu verarbeitenden Informationen, so dass ich gerne etwas mehr Klarheit genossen hätte.
Ausstattung… ist ähnlich wuselig wie die Illustrationen. Denn anstatt eines Spielplans, liegen 12 doppelseitige Ortspläne in der Box. Abhängig von der Personenanzahl bildet man daraus anfangs die entsprechende Kombination aus Orten in London. Einen Spielplan gibt es aber doch noch zusätzlich, wobei dieser allerdings nicht grundlos Verwaltungstableau genannt wird. Doch auch auf den eigenen Spielertableaus muss einiges verwaltet werden – insbesondere die Kredite und Forschungsplättchen, die in Form von Pappplättchen daher kommen. Wichtiger für den Spielablauf sind aber die Würfel, für die es sogar jeweils eine eigene Schatzkiste gibt. Ansonsten gibt es noch ein Unmenge an Patent- und Personenkarten, Holzteilen und Pappplättchen.
Ablauf… CRYSTAL PALACE ist ein Würfel-Einsetz-Spiel. Allerdings werden die Sechskanter [Anmerkung dazu im Kommentar von Guntram] nicht etwa gewürfelt, sondern man darf diese so einstellen, wie man das selbst gerne möchte. Dabei gibt es allerdings einen Haken, denn letztendlich muss man die eingestellte Augensumme auch bezahlen – und Geld ist rar. Dummerweise gilt auch bei CRYSTAL PALACE das Motto: viel hilft viel. Denn je höher der eingesetzte Würfel, desto eher hat man Zugriff auf die einzelnen Aktionen. Noch gemeiner dabei ist allerdings die Tatsache, dass man nicht sofort die Aktion vor Ort ausführt und sogar mehr Würfelplätze zum Einsetzen als Aktionen vorhanden sind. So werden nach und nach die Würfel auf die einzelnen Orte verteilt und erst wenn alle Würfel gelegt wurden, werden die einzelnen Aktionen abgehandelt.
Diese Aktionen sind recht konventionell. Es werden Karten reserviert bzw. direkt erworben, man erhält kurzfristige oder dauerhafte Boni und man läuft auf diversen Leisten rauf oder runter. Das alles im einzelnen zu erklären ist mir zu mühsam. Nach fünf Spielrunden geht es am Ende um die meisten Siegpunkte und die Wege dorthin sind äußerst vielfältig. Wichtig dabei ist, dass man immer flüssig bleibt und genügend Geld beisammen hat. Ist man trotzdem zwischendurch pleite, kann man zwar Kredite aufnehmen, aber die kommen bekanntlich immer mit etwas Kleingedrucktem daher (in diesem Fall Siegpunktabzug). Noch schlimmer ist die immense Inflation. So reduziert sich nach jeder Runde das Einkommen empfindlich, so dass man meistens dauernd in Geldnöten steckt – und das angeheuerte Personal will auch noch bezahlt werden...
Das gefällt mir nicht so gut: Sagen wir gleich, wie es ist: CRYSTAL PALACE ist astrein komponiert, aber es packte mich nicht emotional. Die einzelnen Partien waren durchaus spannend und fordernd, aber bei mir kam nie das Gefühl auf, nun in einem Flow zu sein. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen gab es nicht dieses Bedürfnis, nun noch eine weitere Partie hinten dran zu hängen und es mit einer anderen Herangehensweise nochmals zu versuchen. Ich kann das gar nicht an bestimmten Sachen festmachen, sondern das ist hauptsächlich ein Gefühl.
Vielleicht liegt es daran, dass mir aufgrund der viele Stellschrauben und Schnörkel der klare Blick auf das Spielgeschehen fehlt. Mir sind da zu viele Abhängigkeiten, zu viele Details zu beachten. So gibt es bspw. zu jeder Persönlichkeit einen Gegenstand, mit dem man noch einen kleinen Bonus bekommt. Das ist inhaltlich witzig umgesetzt, aber es verschiebt den Fokus auf einen Aspekt, der im Großen und Ganzen ziemlich zu vernachlässigen ist. Mir fehlt insgesamt eine gewisse Geradlinigkeit, an der ich mich orientieren kann. So muss ich bspw. bei jeder Person nachsehen und auch planen, ob diese nun im Laufe der Zeit mehr Gehalt bekommt oder weniger. Das permanente Jonglieren von Vor- und Nachteilen mag bestimmt einigen großen Spaß machen, ich empfinde das in dieser Komposition als anstrengend. Auf mich wirkt CRYSTAL PALACE wie eine sauber geölte Konstruktion bei der alle Zahnräder gut ineinander greifen. Echte Wertarbeit – aber mir fehlt das spielerisch Leichte.
Das liegt auch daran, dass das Thema zu keiner Zeit wirklich greifbar ist. Die Illustrationen sind top und es macht Spaß, die ganzen Anspielungen zu entdecken. Aber ich habe mich nicht ansatzweise wie ein Eventmanager für eine Weltausstellung gefühlt. Eher wie ein Buchhalter, der alle Einkommens- und Ausgabenleisten im Blick haben muss.
Das Einstellen der Würfelaugen sehe ich übrigens mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es natürlich schön, hier eine gewisse Kontrolle zu haben. Aber andererseits erhöht sich dadurch die Downtime erheblich. Alle planen und rechnen, wie die nächste Runde so laufen könnte. Im Endeffekt gehen aber diese Pläne selten auf. Da fände ich es sympathischer, gleich den Zufall ans Werk gehen zu lassen, so dass alle die Aufgabe haben, das Beste aus ihrem Wurf zu machen. Mir gefällt das zufällige System eines MARCO POLO oder auch COIMBRA einfach besser. Zumal ich meist das Gefühl hatte, dass hauptsächlich die wirtschaftlichen Zwänge ausschlaggebend bei der Augenzahlbestimmung sind und man dann einem gewissen Schema folgt: ein oder zwei hohe Werte, um sicher die Aktion zu machen, und dann abwarten, was man mit niedrigen Werten so abstauben kann.
Das gefällt mir gut: Dahingegen gefällt mir der Würfel-Einsetz-Mechanismus richtig gut. Der ist äußerst interaktiv und stellt für mich das Herzstück von CRYSTAL PALACE dar. Die Einsetzrunde ist dabei eher wie eine Art Willensbekundung anzusehen, die allerdings durch die dabei frei geschalteten positiven und negativen Effekte ein paar schöne Dilemma erzeugt. Mit einem hohen Würfel in der Hinterhand habe ich immer ein gewisses Drohpotenzial und kann die ausliegende Reihenfolge noch maßgeblich ändern. Allerdings könnte ich mit dem frühen Einsetzen des hohen Würfel auch Boni freischalten, die nicht zu verachten sind. Und noch ärgerlicher ist es, zu lange zu warten und wertvolles Geld ausgeben zu müssen, damit man den Würfel überhaupt noch dazu legen kann.
Dabei kann man auch nicht pauschal sagen, ob es nun gut oder schlecht ist, in dieser Phase anfangen zu müssen. Dieses Recht erhält die Person, welche die höchste Augenzahl eingestellt hat. Danach geht es aber einfach im Uhrzeigersinn weiter und nicht etwas nach der Höhe der anderen Gebote. Das wurde bei uns recht kontrovers diskutiert. Denn natürlich ist es ärgerlich, wenn man viel Geld geboten hat, um anfangen zu können – und durch die falsche Sitzposition sitzt man nun an letzter Stelle. Allerdings muss das überhaupt kein Nachteil sein, da man somit mit seinem letzten Würfel noch reichlich Chaos stiften kann. Außerdem ist das Einsetzen der Würfel ohnehin einer ständigen Neujustierung der Pläne unterworfen. Somit finde ich diese Art der Reihenfolgeregelung ganz passend. Zumal ansonsten die Reihenfolge gesondert erfasst werden müsste, was zur Lasten der ohnehin schon eingeschränkten Übersichtlichkeit gehen würde.
Trotz des eher spröden Charakters weist CRYSTAL PALACE ein hohes Maß an Interaktion auf. Ständig muss man die anderen Nationen beachten. Was haben diese vor, welche Einsetzfelder könnten für diese interessant sein? Hinzu kommt noch der Schwarzmarkt, der einerseits interessante Boni und auch Siegpunkte generiert, der anderseits aber auch durch zu viele Personen vor Ort gesprengt werden kann. Auch dieses Element erzeugt eine Drohkulisse seinesgleichen. Soll ich dort trotz schon vorhandener Enge noch für kostbares Geld investieren oder ist mir das zu unsicher?
Weiterhin gefällt mir die hohe Variabilität von CRYSTAL PALACE. Man kann doch sehr unterschiedliche Strategien ausprobieren. Zum Beispiel früh Kredite aufnehmen, um sich mit einflussreichen Personen zu umgeben. Oder aber man versucht, ganz auf Kredite zu verzichten und stattdessen über die Buzz-Leiste Siegpunkte zu generieren. Dazu kommen noch die individuellen Ausrichtungen der jeweiligen Nationen, die dezent andere Ausrichtungen der Strategien unterstützen.
Löblich ist übrigens auch, wie gut auf die unterschiedliche Personenanzahl reagiert werden kann. Die vielen doppelseitigen Spielpläne verwirren zwar anfangs beim Aufbau, aber sie sind ein Ausdruck der guten vorliegenden Balance. So kann man CRYSTAL PALACE trotz der vorhandenen Interaktivität auch gut als 2‑Personen-Spiel auf den Tisch bringen. Ohnehin bin ich mit der Ausstattung sehr zufrieden. So hätten bspw. für die Würfelauswahl auch Sichtschirme ausgereicht, aber diese Schatztruhen haben schon das gewisse Etwas.
Fazit: Es ist auch für mich ein wenig verwunderlich, dass mir zwar viele Einzelheiten von CRYSTAL PALACE gefallen, mich dann aber das Gesamtpaket nicht überzeugt. Wahrscheinlich ist es das diffuse Gefühl, dass CRYSTAL PALACE auf mich überladen wirkt. Der sehr schöne Würfel-Einsetz-Mechanismus hätte für mich gerne mit weniger Schnörkel daher kommen können. So ist für mein Empfinden CRYSTAL PALACE unnötig kompliziert und ich greife bei der Auswahl eher zu klareren Spiel-Designs.
| Titel | Crystal Palace |
| Autor | Carsten Lauber |
| Illustrationen | Andrea Alemanno |
| Dauer | 30 Minuten pro Person |
| Spieleranzahl | 2 bis 5 Personen |
| Zielgruppe | Expertenspieler ohne Scheu vor Krediten |
| Verlag | Feuerland Spiele |
| Jahr | 2019 |
Ich bedanke mich bei Feuerland für die Möglichkeit, das Spiel zu einem vergünstigten Preis zu erwerben. Ich bin mir sicher, dass durch diesen Rabatt meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.





















Sehr gut geschriebene Rezension, die sich mit meiner Meinung deckt!
Eine geometrische Korrektur: Würfel sind Zwölfkanter und gleichzeitig Sechsflächner.
Da hast du natürlich völlig recht! Ich wollte Sechsseiter schreiben, habe aber im Eifer des Gefechts Sechskanter in die Tastatur gehauen. 🙂