Postcards von Eric Dubus und Simon Kayne – erschienen bei Elznir Games
Im Jahr 2025 beförderte die Deutsche Post rund 96 Millionen Postkarten. Als Vergleich dazu: im Jahr 2017 waren es rund 195 Millionen Postkarten. Das ist einerseits ein enormer Rückgang, andererseits bin ich aber überrascht, dass überhaupt noch so viele Postkarten versendet werden. Somit besitzt POSTCARDS also immer noch ein aktuelles Thema.
Thema: Wir radeln in den Ferien durch Frankreich, übernachten in Zelten und schreiben von den schönsten Orten unserer Tour Postkarten an die Lieben nach Hause. Da kommen Erinnerungen auf an Zeiten, an denen ich das genau so gemacht habe.
Illustrationen: Eigentlich müsste ich den Großteil dieser Rezension der wundervollen Arbeit von Crocotame widmen. Hinter diesem Studio stehen Joëlle Drans und Jérémie Prugneaux, die nach ihrer Tätigkeit für Holy Grail Games in Nancy ihr eigenes Studio gründeten. Doch bevor ich eine ausufernde Eloge halte, verlinke ich lieber auf das illustrator's diary der Beiden, in dem sie ausführlich den Schaffensprozess dokumentieren. Von POSTCARDS könnte ich mir jede einzelne Karte als Poster ins Wohnzimmer hängen.
Ausstattung: Als Poster kommen die Titel gebenden Postkarten nicht daher, aber zumindest als entsprechende großformatige Pappkarten. Dabei sind die Postkarten jedoch nur Zierde. Der eigentliche Motor sind die 72 Reisekarten und der Spielplan, der Frankreich mit seinen 13 europäischen Regionen zeigt. Abgerundet wird der Inhalt der Box mit weiteren Karten und Markern – sowie mit sympatischen Standies von radelnden Personen.
Die deutsche Ausgabe beinhaltet als zusätzliches Schmankerl schon die Erweiterung „Wunder der Natur“. Nun können wir zusätzlich noch Postkarten mit Tiermotiven in das Grundspiel integrieren und es darüber etwas verlängern.
Ablauf: Runde für Runde spiele ich drei Reisekarten aus. Mit deren Hilfe radele ich entweder in benachbarte Regionen, nehme neue Postkarten aus einer offenen Auslage zu mir, errichte Zeltlager (um Souvenirs zu sammeln und Boni auszulösen) oder klebe Briefmarken auf meine Postkarten, um sie für den Versand vorzubereiten. Denn sobald eine Postkarte vollständig frankiert ist und ich mich in der passenden Region befinde, kann ich die Karte verschicken. Darüber erhalte ich Punkte sowie Geschenkkarten mit Boni oder weiteren Wertungsmöglichkeiten für das Ende. Danach fülle ich meine Hand aus einer offenen Auslage wieder auf fünf Karten auf und kann für die nächste Runde planen.
Das gefällt mir nicht so gut: Die Reisekarten kommen in vier Farben daher und sind jeweils mit einem von drei möglichen Aktionssymbolen versehen. Allerdings ist unser Interesse an den Symbolen nicht gleichwertig. Fahrradsymbole gehen immer, schließlich wollen wir uns im Laufe der Partie durch Frankreich bewegen. Vor allem am Anfang sind wir noch heißer auf die Zeltsymbole, weil wir darüber wertvolle Boni freischalten können. Das Interesse daran ebbt mit der Zeit ab, weil dann schon viele freie Plätze auf der Karte durch Zelte belegt sind. Am wenigsten interessieren uns die Postkartensymbole. Denn um effizient zu spielen, benötigen wir davon nur sehr wenige. Eine Partie POSTCARDS endet, wenn eine Person vier Postkarten verschickt hat. Da nicht verschickte Postkarten lediglich mit einem Punkt belohnt werden, sollten wir uns lieber auf wenige konzentrieren und diese dafür auch vollständig frankiert haben. Die Folge ist: schon nach kurzer Zeit sammeln sich die Reisekarten mit dem Postkartensymbol in der Auslage und alle ziehen nur noch vom verdeckten Nachziehstapel. Erst am Ende löst sich dieser Stau etwas auf, wenn auf einmal die Farben interessanter werden als die Symbole. Entsprechend zufallsbetont fühlt sich das Spiel an.
Der Zufall macht sich auch bei der Auslage der Postkarten bemerkbar. Am Anfang erhalten wir alle eine Zielkarte auf der vier Regionen aufgeführt sind. Senden wir aus diesen Regionen unsere Postkarten, werden wir mit nicht zu verachtenden Siegpunkten belohnt. Entsprechend freuen wir uns, wenn endlich Karten aus diesen Regionen auftauchen – und ärgern uns, wenn dies dauerhaft nicht passiert. Glücklicherweise können wir die Auslage problemlos austauschen. Was wiederum für Frustmomente sorgen kann, wenn eine eben noch erschienene Region schnurstracks wieder verschwindet.
Doch das ist noch nicht Zufall genug. Ob zur richtigen Zeit die passenden Geschenkkarten ausliegen? Standardantwort. Noch mehr stören mich aber die Postkarten. Wenn ich mir eine solche nehmen, sehe ich nur das Motiv. Ich kenne die Region und die Anzahl an benötigten Briefmarken. Ich weiß aber nicht, welche Farben die Briefmarken haben müssen und kenne auch nicht die Boni bzw. deren Zeltbedingungen. Sprich: diese Elemente können mal besser und mal schlechter zu meinen Voraussetzungen passen. Echter Einfluss fehlt, eine wirkliche Planung ist schwer möglich. Wir müssen fluide sein, was aber auch bedeuten kann, dass wir unnötige Wege durchführen. Das widerspricht jedoch dem notwendigen Effizienzverhalten, welches durch die recht hohen Punktzahlen für das Versenden von Postkarten vorgegeben wird. So können am Ende recht hohe Punktunterschiede auftreten, die kontraproduktiv zur vermittelten Stimmung des Spiels wirken.
Das gefällt mir gut: Wenn ich POSTCARDS spiele, fühle ich mich wie im Urlaub. Ich schwelge über die malerischen Aussichten, erinnere mich an frühere Erlebnisse und bekomme Hunger auf frisch gebackenes Baguette. Glücklicherweise war ich schon oft in Frankreich und habe einen Großteil des Landes erleben können, sodass mich an jeder Ecke des Spielplans Erinnerungen erwarten. Wäre das Spiel beispielsweise in Moldawien angesiedelt, würde es spielmechanisch wahrscheinlich genauso funktionieren. Aber für mich würde ein Großteil des Reizes verloren gehen, da ich keine persönliche Bindung zu Moldawien habe.
POSTCARDS lebt dabei von seiner Liebe zum Detail. Die abgebildete Michelin-Straßenkarte weckt genau so viele Erinnerungen wie die typischen roten Briefmarken. Okay, den Wald in einer Schneekugel hätte ich eher mit Deutschland in Verbindung gebracht, aber trotzdem spüre ich an jeder Ecke eine persönliche Beziehung der Machenden zum Material. Da kann ich problemlos über die ein oder andere spielerische Schwäche hinwegsehen, wenn ich dafür mit so viel Gefühl versorgt werde.
Ich möchte gerne nochmal lobend erwähnen, dass die deutsche Ausgabe von Elznir Games schon die Mini-Erweiterung „Wunder der Natur“ beinhaltet. Einen großen spielerischen Mehrwert besitzt diese zwar nicht. Aber vielleicht sehen manche Gruppen das anders und freuen sich über diese zusätzliche Option. Und außerdem haben wir jetzt noch mehr Postkarten zu bewundern. Dabei können wir anerkennen, dass Crocotame nicht nur Landschaften und Städte illustrieren können, sondern auch Tiere in ihrem Habitat.
Fazit: Bei POSTCARDS komme ich aus dem Schwärmen für das Material nicht heraus. Die eigentlichen Spielmechaniken können dabei nicht mithalten. Die notwendigen Entscheidungen werden massiv durch den Zufall beeinflusst. Zu sehr wird Effizienz belohnt, sodass ein sich-treiben-lassen zu selten zu Erfolgserlebnissen führt. Statt entspannte Urlaubsstimmung zu fördern, gilt es Abläufe zu optimieren und im Wettrennen vorauszueilen. Da kneift sich die Mechanik mit dem optisch vermittelten Spielgefühl.
| Titel | Postcards |
|---|---|
| Autoren | Eric Dubus und Simon Kayne |
| Illustrationen | Crocotame |
| Dauer | 30 bis 45 Minuten |
| Personenanzahl | 1 bis 4 Personen |
| Alter | 10+ |
| Zielgruppe | radelnde Familienspielrunden |
| Verlag | Elznir Games |
| Jahr | 2025 |
| Hinweis | Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars! |


















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