Corrosion von Stefan Bauer – erschienen bei Deep Print Games
"Korrosion ist aus technischer Sicht die Reaktion eines Werkstoffs mit seiner Umgebung, die eine messbare Veränderung des Werkstoffs bewirkt. Korrosion kann zu einer Beeinträchtigung der Funktion eines Bauteils oder Systems führen. Eine durch Lebewesen verursachte Korrosion wird als Biokorrosion bezeichnet." Jetzt frage ich mich, was macht CORROSION mit mir, wenn ich das ganz oft spiele?
Thema... mal wieder frönen wir dem Siegpunkt-Kapitalismus. Um am Ende jubeln zu können, müssen wir vorher die leistungsfähigste Fabrik aufgebaut haben. Doof nur, dass in der mit Wasserdampf gefüllten Luft unsere Maschinen und Zahnräder ziemlich schnell verrosten und dann nicht mehr benutzt werden können. Wir sollten also versuchen, alles in widerstandsfähigem Chrom zu errichten. Dafür haben wir aber nur begrenzt Zeit, die zudem auch noch an unseren gewöhnlichen Fabrikelementen nagt. Nur gut, dass wir eine fähige Truppe von Ingenieurinnen bei uns versammelt haben. Diese sorgen für immer neuen Nachschub und greifen auch mal außerhalb der Reihe in das Spielgeschehen ein.
Illustrationen… stammen unverwechselbar aus der digitalen Feder von Dennis Lohausen. So schön in grau und braun kann nur er. Wie man es von vielen seiner anderen Arbeiten gewohnt ist, lässt glücklicherweise die Symbolsprache keine Fragen offen – was bei diversen vorhandenen Verzahnungen wieder eine große Leistung darstellt.
Ausstattung… auch wenn ein zentraler Spielplan fehlt: es wird voll auf dem Tisch! Das liegt auch daran, dass alle Mitspielenden eigene Papp-Tableaus erhalten. Das größere davon ist die eigene Werkhalle mit einer Anzeige ("Rostrad"), in welcher Produktionsphase man sich selbst gerade befindet. Das kleinere eigene Tableau ist ein Pappstreifen, auf dem man Chrom-Maschinen lagert und welches den eigenen Dampfkessel zeigt, der anfangs mit heißem und kaltem Wasser gefüllt ist. Die restlichen Materialien kommen zu Spielbeginn in eine offene Auslage und werden später meist an die eigene Werkhalle abgelegt: Einmal-Maschinen, Dreh-Machinen und Spielkarten mit Ingenieurinnen. Zusätzlich gibt es noch Auszeichnungen zu erlangen, die ebenfalls in einer offenen Auslage präsentiert werden. Als Währung fungieren übrigens kleine Papp-Zahnrädchen. Die sind allerdings aus so dicker Pappe, dass man die wahrscheinlich auch real als solche nutzen könnte.
Auf einigen Rückseiten der einzelnen Materialien sind übrigens Buchstaben abgebildet. Diese werden hauptsächlich für den raffinierten Solo-Modus benutzt. So benötigt man kein zusätzliches Material, hat aber trotzdem eine gut simulierte Gegenspielerin zur Verfügung.
Ablauf… ist man an der Reihe, spielt man entweder eine Ingenieurinnen-Karte aus der Hand aus oder man führt eine Verwaltungsaktion durch, in der man das Rostrad um ein Viertel dreht. Das löst dann meist kleine Einkommensaktionen aus und aktiviert die nun im aktiven Bereich liegenden Einmal-Maschinen – einmalig, denn dann verschwinden diese wieder in die Ablage. Gleiches passiert auch mit Dreh-Maschinen, wenn sie ein viertes Mal genutzt werden. Damit man dabei den Überblick behält, folgt man einem ausgeklügeltem Ablagemechanismus, der einem vorgibt, wann man wo etwas abzulegen hat.
Die eigentlichen Aktionen erfolgen aber durch das Ausspielen der Ingenieurinnen. Dadurch erhält man neue Maschinen, Zahnräder, Wasserdampf oder auch neue Ingenieurinnen. Der Clou an CORROSION ist, dass man auch die Aktionen der Mitspielenden kopieren kann, wenn man in deren Zug eine gleichfarbige Ingenieurin mit höherem Wert ausspielen kann. So spart man eigene Aktionen und ist effizienter. Nebenbei muss man übrigens noch die eigenen Maschinen in Stand setzen, weil die inaktiv in die eigene Werkhalle kommen und noch nicht sofort einsatzbereit sind.
Das macht man so lange, bis über einen anpassbaren Zeitmechanismus das Spielende eingeläutet wird. Dabei kann man sich noch entscheiden, das Ende gegen Abgabe von Siegpunkten in die Länge zu ziehen, was sich natürlich nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt lohnt.
Das gefällt mir nicht so gut: Eigentlich müsste man CORROSION dafür loben, dass man dauernd in das Spiel eingebunden ist. Kaum habe ich meinen Zug beendet, muss ich schon wieder darauf achten, was die anderen für Karten ausspielen und mich fragen, ob ich mitgehen will oder nicht. Allerdings finde ich dabei keine Zeit, in Ruhe mein eigenes Vorgehen zu planen. Erstaunlicherweise habe ich es bei CORROSION öfters eine aufkommende Downtime erlebt als bei anderen Spielen von ähnlicher Komplexität. Ich erkläre mir das damit, dass man irgendwann einfach die Zeit benötigt, um über die eigenen Möglichkeiten nachzudenken. Wenn mir das Spiel solche "Pausen" nicht anbietet, dann muss ich diese eben selbst aktivieren.
CORROSION ist ein Engine Builder, bei dem dauernd der Motor kaputt geht. Das hat manchmal etwas von einem Hamsterrad. Zu oft erlebt man eine emotionale Wellenbewegung. Nach einem Höhepunkt, auf den man hingearbeitet hat, folgt kurz darauf wieder ein kompletter Neuanfang. Was ein wenig fehlt, ist eine langfristige Entwicklung, die dann auch für einen anziehende Spannungsbogen sorgt. Natürlich spielt man auf die Auszeichnungen hin, aber es ist irgendwie ernüchternd, dass selbst die teuer erkauften Chrom-Maschinen nicht dauerhaft zur Verfügung stehen, weil diese überbaut werden müssen. Mir ist schon klar, dass das alles so gewollt ist und andere Charaktere erfreuen sich vielleicht an dem ständigen Wandel, mir persönlich wäre etwas mehr Beständigkeit lieber gewesen.
Auch wenn die Anleitung keine Fragen offen lässt, hat es doch ein wenig gedauert hat, bis wir das Gefühl hatten, nun alles richtig zu spielen. Lange waren wir uns unsicher, wann welche Maschine in Betrieb genommen wird. Es gibt schon eine Menge kleiner Sonderregeln, die es zu beachten gilt. Ich hätte dafür eine Spielhilfe nützlich gefunden, die nochmals klar und deutlich kommuniziert, wann welche Elemente aktiviert werden und wann nicht.
Leider fehlt CORROSION jeglicher Humor. Mit diesem etwas außergewöhnlichem Setting hätte man bspw. die Chance gehabt, besondere Chrom-Maschinen zu erschaffen. Ich denke da als Vergleich ein wenig an die verrückten Erfindungen von CRYSTAL PALACE. Solche kleinen Erheiterungen hätten CORROSION auch gut getan, um die gedankenverlorene Schwere des Vor-sich-Hinoptimierens aufzulockern. Zumal man auch mit Dennis Lohausen einen fähigen Illustrator an der Hand hatte, der schon öfters das ein oder andere Easter Egg eingebaut hat.
Das gefällt mir gut: Die Zahnräder als Rohstoffwährung sind ein gutes Sinnbild für CORROSION. Denn in diesem Spiel ist alles wohlfeil miteinander verzahnt. Reine Extremstrategien sind kaum zu fahren, also versucht man optimalerweise überall aktiv zu sein – und kann sich dabei fürchterlich verzetteln. Denn man sollte sich schon einen Fokus setzen, wofür sich die Auszeichnungen anbieten. Man kann sich aber auch frei davon machen und lieber die Chrom-Maschinen perfekt aufeinander abstimmen, da sich auch damit spannende Kombinationen bilden lassen. In CORROSION gibt es viel zu entdecken – ohne dass jetzt überbordend viele Aktionsmöglichkeiten bestehen. Die spielerische Tiefe entsteht durch die gelungenen Verzahnungen.
Aber natürlich auch durch die Vergänglichkeit der einzelnen Elemente. Es reicht nicht aus, eine gute Maschine zu bauen. Man muss diese immer wieder neu justieren und am Leben lassen. Weil aber auch die Zahnräder wieder kaputt gehen, wenn man sie nicht rechtzeitig verwendet, muss man ein gutes "Zeitgefühl" entwickeln. Man sollte schon einen Plan haben, wann man welche Elemente nutzen will. Nichts ist ärgerlicher, wenn am Ende ein schnödes kleines Zahnrad fehlt oder man zu wenig Dampf im Kessel hat. CORROSION hat somit einen sehr besonderen Rondell-Mechanismus zu bieten – und Rondell-Spiele mag ich!
Dabei könnte man es sich einfach machen und die eigenen Spielzüge komplett durchplanen und dann abhandeln. Aber dann ist man wahrscheinlich zu ineffizient. Denn schließlich locken die Aktionen der Mitspielenden, bei denen ich partizipieren kann. Warum selbst dafür sorgen, dass man sich eine Dreh-Maschine nehmen kann, wenn das bestimmt gleich jemand anders macht? Aber was, wenn das niemand macht? Wenn ich also erfolglos darauf spekuliere? Oder just gerade die Ingenieurin ausgespielt habe, mit der ich bei der Aktion mitgehen könnte? CORROSION ist recht interaktiv, ohne dass man direkt bei den anderen aktiv wird. Ja, man nimmt sich mal Karten, Auszeichnungen oder Maschinen weg. Aber es wird einem nichts kaputt gemacht. Trotzdem schaut man dauernd bei den anderen, was die so machen könnten, weil man hofft, partizipieren zu können.
Somit ist CORROSION immer eine Herausforderung für den Kopf. Das Spiel ist sicherlich nichts für "mal aus dem Bauch heraus spielen". Durch das Thema und die Aufmachung erwartet man aber auch nichts anderes. Planung ist genauso wichtig wie eine gewisse Flexibilität im Denken. Um für das Spiel ein Gefühl zu bekommen, kann ich übrigens die sehr gute Solo-Variante empfehlen. Diese simuliert gut das Spielgefühl eines Mehrpersonenspiels, ohne dass damit ein großer Verwaltungsaufwand verbunden wäre. Dabei ist es faszinierend, wie kleine unauffällige Informationshappen auf einmal große Wirkungen zeigen.
Fazit: CORROSION ist eine Herausforderung. Wir erleben schmerzhaft, wie der Zahn der Zeit dauernd an unseren Maschinen nagt, weswegen wir unser Spiel immer neu justieren müssen. Dabei sollten wir die Mitspielenden nicht außer Acht lassen, können wir doch gut von deren Aktionswahl profitieren. Ein Fest für planende Expertenspielrunden, wobei die Aktionsmöglichkeiten verhältnismäßig überschaubar sind.
| Titel | Corrosion |
|---|---|
| Autor | Stefan Bauer |
| Illustrationen | Dennis Lohausen |
| Dauer | 60 bis 150 Minuten |
| Personenanzahl | 1 bis 4 Personen |
| Zielgruppe | vergängliche Expertenspielrunden |
| Verlag | Deep Print Games |
| Jahr | 2021 |
| Hinweis | für die Besprechung wurde vom Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt |


















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