zuletzt gelesen: Atom von Steffen Kopetzky
Die Welt scheint wieder aus den Fugen zu sein. Somit haben Bücher, deren Handlung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts spielt, leider eine erschreckende Aktualität. Allerdings üben sie auch einen entsprechenden Reiz aus – meist mit der Hoffnung verbunden, dass wir vielleicht doch aus der Geschichte lernen. Das Thema Atom ist auch deswegen ein immer aktuelles, weil es nun einmal eine gefährliche Technologie ist. Einerseits im zivilen Gebrach, noch viel mehr aber im militärischen.
ATOM von Steffen Kopetzky erzählt eine Spionage-Geschichte. Erst soll der junge britische (fiktive) Student die deutsche Raketenwissenschaft auszuspionieren, später geht es zusätzlich um das deutsche Atom-Programm. Das verbindet Kopetzky mit der streitbaren Frage, dass das amerikanische Programm erst durch sichergestelltes deutsches Uran den entscheidenden Impuls erhalten hat. Die wahrlich nicht umfassende eigene Recherche lässt mich allerdings an dieser Theorie zweifeln. In gewisse Weise muss man von einem fiktiven Spionage-Roman auch nicht vollständige Faktentreue erwarten. Aber ich empfinde solche Narrative trotzdem problematisch, da wir uns in der aktuellen Zeit schon anderweitig intensiv mit dem Wahrheitsgehalt von Meldungen auseinandersetzen müssen.
Auf alle Fälle hat mich der Roman dazu gebracht, etwas tiefer in das Thema einzusteigen. Vor allem die Person Hans Kammler war mir bisher nicht bekannt. Allerdings bin ich trotzdem nicht rundum glücklich mit dem Roman. Der Großteil der Handlung ist eher episodenhaft. Mal verweilen wir etwas intensiver zu einem Zeitpunkt, dann springen wir zu einem anderen Moment. Darunter leidet die Charakterisierungen der Personen. Alle sind etwas schablonenhaft und wenig lebendig. Gut gefallen haben mir die Passagen, die in den Endtagen des Krieges spielten. Denn diese besondere Zeit wird selten thematisiert. Einige Erlebnisse des Protagonisten erschienen mir zwar äußerst unrealisisch, aber die bestehenden chaotischen Zustände sind schon einen Blick wert. Im Großen und Ganzen lässt mich der Roman etwas ratlos zurück. Auch die als Klammer fungierende Liebesgeschichte wirkt aufgesetzt und wenig stimmig. Das ein oder andere Mal erscheint Ian Flemming als reale Person. Doch dessen Werk hatte eine größere Raffinesse.
Er seufzte, blickte auf den unerschütterlich dem Ärmelkanal zufließenden Strom, den Riverrun, diesen Flusslauf, dessen Wasser gerade bleigrau aussahen, und dachte über die Zumutung der Zeit nach. Nur weil er Vorlesungen bei Einstein gehört hatte, hieß das nicht, dass ihm ihre unerschütterliche Relativität weniger zu schaffen machte als jedem anderen, vieles hatte er sowieso nicht verstanden.
Steffen Kopetzky – Atom, S. 257 (Hardcover)









Ich habe erst gedacht: Merkwürdig, die Erweiterung für Nukleum kenne ich gar nicht.
Manchmal lohnt es sich, über den kulturellen Tellerrand zu blicken – manchmal aber leider auch nicht.