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kritisch gespielt: Wispwood

Wispwood von Reed Ambrose – erschienen bei Czech Games Edition (bzw. HeidelBär Games)

Wispwood - Box
Bild: Hei­del­BÄR Games

Manch­mal pas­siert es, dass einem beim Öff­nen einer Spiel­schach­tel unan­ge­neh­me Düf­te ent­ge­gen­kom­men. Gleich vor­weg: Nein, das ist mir bei WISPWOOD nicht auf­ge­fal­len! Aber nach einer klei­nen Inter­net­re­cher­che stell­te sich mir die Fra­ge, ob nicht ein Cross­over-Mar­ke­ting mit die­sem exklu­si­ven Duft denk­bar wäre?

The­ma: Die­se Idee kam mir, nach­dem ich die Beschrei­bung des Duf­tes las und mir dabei so Wort­hül­sen wie "betö­ren­der Duft", "war­me Anzie­hungs­kraft" und "erdi­gen Fül­le" ins Auge sta­chen. Aber wie soll man auch einen Duft beschrei­ben? Und wie soll man ein abs­trak­tes Spiel mit einem The­ma fül­len? Czech Games Edi­ti­on ver­sucht es folgendermaßen:

Eine neu­gie­ri­ge Kat­ze streift durch den Wald, ange­lockt von fla­ckern­den Lich­tern in allen Far­ben, die durch die Bäu­me tan­zen. Was sind sie? Oh, die Irr­lich­ter aus den alten Mär­chen! Jedes von ihnen sprüht vor Charme und Unfug und hat eine eige­ne Per­sön­lich­keit. Kannst du sie rich­tig len­ken und dei­nen Wald zum hells­ten machen?

Nichts davon spü­re ich in die­sem Spiel, bei dem ich qua­dra­ti­sche Plätt­chen in ein qua­dra­ti­sches Ras­ter ablege.

Wispwood - Inhalt
Pap­pe und Wald – das passt zusammen

Aus­stat­tung: Vor lau­ter Wald die Bäu­me nicht sehen? Das kann ledig­lich pas­sie­ren, wenn wir alle 160 Plätt­chen auf ihrer jewei­li­gen Irr­lich­ter-Sei­te lie­gen hät­ten. Aller­dings sol­len wir zu Beginn genau das Gegen­teil machen und alle Plätt­chen so dre­hen, dass wir nur deren Baum­sei­ten sehen. Die vier unter­schied­li­chen Irr­lich­ter-Arten sehen wir dafür ganz sicher auf den unter­schied­li­chen Wer­tungs­kar­ten. Aber eigent­lich haben wir ohne­hin nur eines im Blick: sechs nied­li­che Kat­zen-Plätt­chen, deren Beson­der­heit die Rück­sei­te ist. Denn dort schaut die jewei­li­ge Kat­ze ver­steckt hin­ter einem Baum durch ein klei­nes Ast­loch. Das rest­li­che Mate­ri­al hilft bei der Ver­wal­tung bzw. Men­schen, die sich schwer damit tun, sich ein qua­dra­ti­sches Ras­ter vor­stel­len zu können.

Illus­tra­tio­nen: Glück­li­cher­wei­se gibt es Copy & Pas­te, denn ansons­ten wür­de ich mit den Namen des Illus­tra­tors auf Kriegs­fuß ste­hen. Štěpán Drašťák heißt der Gute, der bis­her aus­schließ­lich für Spie­le der Czech Games Edi­ti­on aktiv war und so etwas wie der Hof-Illus­tra­tor des Ver­la­ges ist. Eine Stel­lung, die er sich ver­dient hat. Denn zumin­dest WISPWOOD über­zeugt mit Atmo­sphä­re und Witz – und mit Fleiß. Die ein­zel­nen Irr­lich­ter sind näm­lich mit­nich­ten mas­sen­haf­te Dupli­ka­te eines Archetyps.

Wispwood - Detail
da schau an!

Ablauf: Wir spie­len über drei Durch­gän­ge und fül­len dabei ein eige­nes Ras­ter um unse­re Kat­ze her­um. Im ers­ten Durch­gang ist es noch ein 4*4‑Raster, das dann zu einem 5*5‑Raster anwächst und schließ­lich im fina­len Durch­gang 6*6‑Felder umfasst.

Wispwood - Start
zu Beginn die vol­le Auswahl

Wenn wir am Zug sind, grei­fen wir aus der zen­tra­len Aus­la­ge nach einem Irr­licht und schau­en dabei genau hin, von wel­chen For­men die­ses Irr­licht dort umge­ben ist. Denn eine die­ser For­men müs­sen wir nun mit dem genom­me­nen Irr­licht und auf­fül­len­den Baum­plätt­chen in unser Ras­ter legen. Da die Aus­la­ge nicht auto­ma­tisch auf­ge­füllt wird, haben wir immer weni­ger Irr­lich­ter zur Auswahl.

Am Ende jedes Durch­gangs wer­ten wir die ein­zel­nen Irr­lich­ter. Wie genau, wird über die jewei­li­gen Wer­tungs­kar­ten vor­ge­ge­ben. Danach folgt noch ein beson­de­rer Clou: am Durch­gangs-Ende wer­den ledig­lich die Baum­plätt­chen abge­räumt. Die Irr­lich­ter blei­ben dahin­ge­gen schon für den nächs­ten Durch­gang liegen.

Das gefällt mir nicht so gut: Glück­li­cher­wei­se ver­fü­ge ich über ein gutes räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen. Somit habe ich kaum Pro­ble­me, unter­schied­li­che For­men im Kopf zu dre­hen und zu wen­den und die­se in ein ima­gi­nä­res Ras­ter zu legen. Eini­gen Men­schen ergeht es anders. Und die­se haben dann gro­ße Pro­ble­me, sich alles vor­stel­len zu müs­sen. Denn das Spiel kann zwangs­läu­fig wenig Hil­fen geben. Die Beson­der­heit von WISPWOOD ist gro­ße rela­ti­ve Frei­heit beim Puz­zeln. Es ist bspw. nicht vor­ge­ge­ben, an wel­cher Posi­ti­on das Irr­licht in mei­ner L‑Form liegt. Des­we­gen bil­de ich die­se ein­zeln aus dem Irr­licht-Plätt­chen und den drei zusätz­li­chen Baum­plätt­chen. Das ist aber eine nicht zu unter­schät­zen­de gedank­li­che Hür­de. Eben­so ist es für man­che Men­schen ver­wir­rend, wie flui­de das eige­ne Ras­ter ist. Es ist anfangs nicht fest­ge­legt, wel­che Posi­ti­on mei­ne Kat­ze im Ras­ter ein­nimmt. Die kann am Ende links unten, in der Mit­te oder rechts oben lie­gen. Das ent­wi­ckelt sich wäh­rend des Spiels. Somit kann WISPWOOD aber schlecht mit einem Abla­ge­ta­bleau als Hil­fe arbei­ten, weil die­ses zu ein­schrän­kend wir­ken würde. 

Wispwood - Auswahl
Will ich die­se Irr­lich­ter oder lie­ber nicht?

Die­se anfäng­li­che Frei­heit kann auch Pro­ble­me auf­grund der Down­ti­me bewir­ken. Denn wenn alle Optio­nen durch­dacht wer­den wol­len, dann kann sich eine Par­tie WISPWOOD zie­hen. Ins­be­son­de­re in Situa­tio­nen, wenn erst lan­ge die Aus­la­ge stu­diert und sich dann ent­schie­den wird, die­se doch bes­ser aus­zu­tau­schen – wonach eine gefüll­te Aus­la­ge wie­der ana­ly­siert wer­den will.

Wispwood - Varianz
Abwechs­lung soll­te garan­tiert sein

Ein zusätz­li­ches Pro­blem sehe ich bei den unter­schied­li­chen Arten der Irr­licht-Wer­tun­gen. Die­se funk­tio­nie­ren im Detail zwar alles etwas anders, haben aber jeweils eine typi­sche Cha­rak­te­ris­tik. Die blau­en Irr­lich­ter beloh­nen z. B. vie­le unter­schied­li­che Irr­lich­ter in der Nähe, den oran­gen Kür­bis­se ist ihre Posi­ti­on im Ras­ter unter­ein­an­der wich­tig. Das hat zur Fol­ge, dass im Gegen­satz zu grün und oran­ge die blau­en und pin­ken Irr­lich­ter meist erst in spä­te­ren Durch­gän­gen ihr Poten­zi­al voll aus­spie­len kön­nen. Da die Irr­lich­ter aber lie­gen blei­ben und kon­stant punk­ten, ist es effi­zi­en­ter, schon früh in Punk­te­ge­ne­ra­to­ren zu inves­tie­ren. Dem­nach wer­den oft­mals sehr früh die grü­nen und oran­gen Irr­lich­ter abge­grif­fen und die blau­en und pin­ken blei­ben erst ein­mal in der Aus­la­ge lie­gen, bis sich jemand erbarmt Abzu­räu­men oder die­se Plätt­chen zu neh­men. Die­ses Unaus­ge­wo­gen­heit stört mich, weil dadurch oft­mals ähn­li­che Spiel­ver­läu­fe bei der Aus­la­ge ent­ste­hen, obwohl die unter­schied­li­chen Wer­tun­gen eine höhe­re Vari­anz versprechen.

Zu guter Letzt frem­de­le ich mit dem gewähl­ten The­ma. Ja, ich weiß, Kat­zen gehen immer und die beson­de­re Gestal­tung ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen ein ech­ter Hin­gu­cker. Aller­dings bleibt auf­grund des über­ge­stülp­ten The­mas die Auf­ga­be abs­trakt. Es fehlt eine funk­tio­nie­ren­de Ver­knüp­fung, war­um die blau­en Irr­lich­ter die Nähe zu ande­ren suchen und die grü­nen abhän­gig von der Posi­ti­on der Kat­ze sind – und ins­be­son­de­re auch, war­um die Irr­lich­ter am Ende lie­gen blei­ben, wo doch dann gar kei­ne Bäu­me mehr vor­han­den sind. Viel­leicht bin ich zu sehr Inge­nieur, der ich nun ein­mal bin. Doch eine Ein­bet­tung der Auf­ga­be bspw. im Städ­te­bau emp­fän­de ich als hilf­rei­cher. Dann ist nach­voll­zieh­bar, dass Super­märk­te die Nähe zu ande­ren Gebäu­den suchen. Oder Bahn­hö­fe nicht dicht geballt vor­kom­men sol­len. Solch ein Set­ting könn­te bes­ser bei der Ver­mitt­lung der Auf­ga­be helfen.

Das gefällt mir gut: Die Puz­zle-Auf­ga­be ist unge­mein reiz­voll! Zumal die­se durch die zeit­li­che Dimen­si­on anspruchs­vol­ler ist, als dass die­se im ers­ten Moment wahr­ge­nom­men wird. Es gilt jedoch immer zu beden­ken, dass geleg­te Irr­lich­ter nicht nur im aktu­el­len Durch­gang Punk­te erge­ben, son­dern auch in zukünf­ti­gen. Die Zukunft im Hin­ter­kopf zu behal­ten ist somit hilf­reich. Was eben noch total sin­nig war, um schnell ein paar Punk­te abzu­grei­fen, erweist sich lang­fris­tig viel­leicht als unglück­lich. Denn durch die­sen Zug habe ich mög­li­cher­wei­se das Poten­zi­al ver­lo­ren, auf der ande­ren Sei­te des Ras­ters noch aktiv sein zu können.

Wispwood - Abrechnung
Eska­la­ti­on der Punk­te in den drei Durchgängen

WISPWOOD erfin­det kein Rad neu. Lege­spie­le ken­nen wir, Ras­ter sind sowie­so der aktu­el­le Trend und unter­schied­li­che Wer­tungs­mög­lich­kei­ten gehö­ren ohne­hin in den Setz­kas­ten jeder seriö­sen Spie­le-Redak­ti­on. Auch die Ver­knüp­fung von zwei unter­schied­li­chen Sachen ist uns mitt­ler­wei­le ver­traut (hier: Irr­licht und vor­ge­ge­be­ne For­ma­ti­ons­fi­gur) . Trotz­dem fühlt sich WISPWOOD über­ra­schend frisch an. Die rela­ti­ve Frei­heit, an wel­cher Posi­ti­on der geo­me­tri­schen Figur ich mein Irr­licht plat­zie­re, ist ein ers­ter Clou. Die Tat­sa­che, dass das Ras­ter pro Durch­gang immer grö­ßer wird, der nächs­te. Wir begin­nen ganz über­sicht­lich und schon nach vier oder fünf geleg­ten Irr­lich­ter ist der ers­te Durch­gang been­det. Alles ganz easy. Der ers­te Gedan­ken­schluck­auf erfolgt, wenn wir unser Ras­ter zu Beginn des zwei­ten Durch­gangs betrach­ten. Spä­tes­tens ab dort begrei­fen wir, wie tückisch doch die Auf­ga­be ist. Sehr oft habe ich genau aus die­sem Erkennt­nis­ge­winn zur Mit­te des zwei­ten Durch­gangs die For­de­rung nach sofor­ti­ger Revan­che gehört.

Übri­gens weiß auch die Funk­ti­on der Kat­ze zu über­zeu­gen. Die­se darf ich umdre­hen, damit ich ent­we­der die Aus­la­ge erneu­ern kann oder um eine nicht angren­zen­de Form zu nut­zen. Bei­des sehr hilf­reich und ger­ne genutzt. Aller­dings muss ich erst einen Null-Zug täti­gen, um die­se Funk­ti­on wie­der auf­zu­la­den und die Kat­ze sicht­bar zu machen. Auf der ande­ren Sei­te kann die­ser Null-Zug auch wie­der effek­tiv sein, um Löcher zu stop­fen und die Baum-Wer­tung zu ver­bes­sern. In WISPWOOD hängt alles geschickt zusam­men – und sieht dabei herz­al­ler­liebst aus! Die ver­steck­ten Kat­zen sind sicher­lich die Kir­sche auf der Illus­tra­to­ren-Tor­te, aber auch der gesam­te Look über­zeugt. Noch glück­li­cher wäre ich nur noch gewe­sen, wenn die Akti­ons­mög­lich­kei­ten der Kat­ze sym­bo­lisch auf dem Spiel­plan dar­ge­stellt wäre. Aber das ist Jam­men auf sehr hohem Niveau. Und wenn ich schon dabei bin: Ein Beu­tel hät­te auch nicht gescha­det. Denn vor Beginn jeder Par­tie sicher­zu­stel­len, dass alle Baum­plätt­chen rich­tig her­um aus­ge­rich­tet sind, nervt!

Fazit: WISPWOOD ist anspruchs­vol­ler, als es der ers­te Anschein ver­mu­ten lässt. Dabei ist räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen von gro­ßem Vor­teil und auch Vor­aus­sicht hilft. Trotz vie­ler cle­ve­rer Knif­fe ärgert es mich, dass die Spiel­ver­läu­fe oft­mals ähn­lich sind. 

Titel Wispwood
AutorReed Ambro­se
Illus­tra­tio­nenŠtěpán Drašťák
Dau­er30 bis 45 Minuten
Per­so­nen­an­zahl1 bis 4 Personen
Ziel­grup­petau­schen­de Familienspielrunden
Ver­lagCzech Games Edition
Jahr2025
Hin­weisVie­len Dank an Hei­del­BÄR Games für die
Bereit­stel­lung eines Rezensionsexemplars!

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