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kritisch gespielt: Harmonies

Harmonies von Johan Benvenuto – erschienen bei Libellud

Harmonies - Box
Bild: Libel­lud

Ist die Natur nicht wun­der­bar har­mo­nisch? Alles ist im Gleich­ge­wicht und die Tie­re leben glück­lich und zufrie­den in ihrer bevor­zug­ten Land­schaft. Die­se roman­to­sche Bild ver­sucht HARMONIES zu ver­mit­teln. Aller­dings bin ich skep­tisch. Ich wage bei­spiels­wei­se ein wenig zu bezwei­feln, ob tat­säch­lich so vie­le Hasen frei­mü­tig über das Feld hop­peln, wenn neben­an Fuchs und Wolf leben...

The­ma... gott­gleich erschaf­fen wir Land­schaf­ten: In der Ecke möch­te ich ger­ne ein Gebir­ge sehen, dort einen Fluss und natür­lich will ich mich auch an Wäl­dern erfreu­en. Doch nur Land­schaf­ten erschaf­fen ist auf Dau­er etwas lang­wei­lig. Auf mei­ner Welt soll es also noch Tie­re geben – dann wird mein Herz belohnt und die inne­re Zufrie­den­heit wächst unge­mein. Und wo sind die Men­schen? Och, deren Feh­len ist kein Scha­den für die­se wun­der­vol­le Harmonie.

Illus­tra­tio­nen... wur­den von Maë­va Da Sil­va gezeich­net und sind eine ech­te Augen­wei­de. Ihr Kön­nen hat sie schon oft ein­drucks­voll gezeigt, aber ihre Arbei­ten zu HARMONIES ragen in mei­nen Augen noch ein­mal heraus. 

Aus­stat­tung… ver­sucht eben­falls eine per­fek­ten Ein­klang zu erzeu­gen. Prä­gnan­te Holz­schei­ben stel­len die ein­zel­nen Land­schafts­ele­men­te dar, die zusätz­lich form­schön aus einem aus­rei­chend dimen­sio­nier­ten Sack gezo­gen wer­den. Die Tie­re kön­nen wir auf groß­for­ma­ti­gen Kar­ten bewun­dern, eben­falls die Natur­geis­ter für die Fort­ge­schrit­te­nen-Vari­an­te sowie die Über­sich­ten. Die per­sön­li­chen Tableaus zei­gen zwei unter­schied­li­che Basis­flä­chen, so dass auch hier eine zusätz­li­che Vari­anz geschaf­fen wurde.

Außer­dem besitzt die Box ein cle­ver durch­dach­tes Inlay, was aber viel­leicht etwas zu eng gera­ten ist, um dar­in die Kar­ten span­nungs­frei zu lagern. Ich per­sön­lich hät­te auch noch sehr gut mit Holz- anstatt Plas­tik­wür­fel zur Anzei­ge ange­sie­del­ter Tie­re in unse­rer Land­schaft leben kön­nen. Aber ich muss schon zuge­ben, dass die­se spe­zi­el­le Optik ihren Reiz besitzt.

Harmonies - Auswahl
Wel­che Schei­ben will ich denn?

Ablauf… auf einer zen­tra­len Abla­ge sind fünf Berei­che abge­bil­det, die jeweils zufäl­lig mit drei Land­schafts­schei­ben befüllt wer­den. Bin ich an der Rei­he, neh­me ich mir die drei Schei­ben eines Berei­ches und puz­zle die­se dann auf mei­nem Tableau zu einer abs­trak­ten 3D-Land­schaft. Die Bau­re­geln sind dabei über­schau­bar ein­fach: ich muss nicht zusam­men­hän­gend bau­en und nur wenn ich bei man­chen Land­schaf­ten in die Höhe baue, muss ich auf ein stim­mi­ges Fun­da­ment ach­ten. Für das so ent­ste­hen­de Gebil­de erhal­te ich am Ende Punk­te. Bei­spiels­wei­se je höher die Bäu­me oder Ber­ge sind, des­to wert­vol­ler sind sie.

Harmonies - Tier-Kombo
Tier-Kom­bi­na­tio­nen wol­len gefun­den werden

Eben­falls punk­te ich, wenn ich Tie­re in mei­ner Land­schaft ansie­deln konn­te. Von die­sen Tie­ren ste­hen immer fünf zur Aus­wahl und maxi­mal darf ich vier davon zu mir an mein Tableau neh­men – aller­dings nur eines pro Run­de. Dort bestü­cke ich die Kar­ten mit den Wür­feln. Immer wenn ich die auf den Kar­ten ange­zeig­te Anord­nung von Land­schafts­schei­ben erfül­le, darf ich nun ein Wür­fel von der Kar­te neh­men und auf die aus­ge­wie­se­ne Land­schafts­schei­be legen. Dabei ste­hen mir immer alle Schei­ben zur Ver­fü­gung und ich ver­su­che, cle­ver Syn­er­gien zu nut­zen. So kann ich bspw. gut die Wild­schwei­ne mit den Igeln kombinieren.

In der fort­ge­schrit­te­nen Vari­an­te star­te ich schon mit einem aus­ge­such­ten Tier-Geist. Konn­te ich die­sen erfolg­reich plat­zie­ren, dann erhal­te ich am Ende noch zusätz­lich Punk­te für bestimm­te Scheiben-Konstellationen.

Harmonies - Abrechnung
zwei Wer­tungs­ebe­nen sind zu bedenken

Das gefällt mir nicht so gut: HARMONIES ist ver­kopf­ter als im ers­ten Moment zu sein scheint. Denn wenn nicht rich­tig auf­ge­passt wird, dann ist die Land­schaft am Ende zwar schön anzu­se­hen, aber unbe­dingt punk­ten wird sie trotz­dem nicht. Denn es sind bei den Land­schaf­ten schon auf eini­ge klei­nen Details zu ach­ten, die beson­ders Neu­lin­gen den Ein­stieg schwer machen. Auch bei den Tie­ren kom­men regel­mä­ßig Nach­fra­gen: kann ich Schei­ben dop­pelt nut­zen? Wie genau müs­sen die Vor­ga­ben ein­ge­hal­ten wer­den? Wo set­ze ich den Wür­fel drauf? Das ist für geüb­te Spie­len­de meist recht schnell ver­stan­den und ver­in­ner­licht. Aber ich habe auch schon genü­gend Grup­pen erlebt, die Auf­grund der zwei unter­schied­li­chen Wer­tungs­ebe­nen, der gan­zen Mög­lich­kei­ten und zu beach­ten­de Bedin­gun­gen ziem­lich über­for­dert waren. Zumal die Tie­re indi­vi­du­ell punk­ten und somit auch nicht unbe­dingt von den Mit­spie­len­den über­blickt wer­den, um nöti­gen­falls hel­fend zur Sei­te ste­hen zu kön­nen. Ein eben­so gern gemach­ter Denk­feh­ler ent­steht dadurch, dass nur eine bestimm­te Anzahl an Tier­wür­fel Punk­te machen. Ich habe mir am Anfang eine Land­schafts­kom­bi­na­ti­on gemerkt und puz­zle flei­ßig dar­auf hin, auch wenn ich das Tier schon längst voll­stän­dig erfüllt und somit abge­legt habe.

In man­chen Par­tien, ins­be­son­de­re zu zweit, hät­ten wir ger­ne die Aus­wahl der Tier­kar­ten aktiv ver­än­dert. So wäre ein Mecha­nis­mus hilf­reich, der dort mehr Durch­satz erzeugt. Wenn alle mit den dort aus­lie­gen­den Kar­ten unzu­frie­den sind, dann blei­ben die Kar­ten dort ewig lie­gen, bis sich viel­leicht doch eine Per­son erbarmt – oder mitt­ler­wei­le genü­gend pas­sen­de Land­schafts­schei­ben gezo­gen wur­den. Das fühlt sich dann ins­ge­samt etwas zäh an, auch wenn natür­lich über den Land­schafts­bau meist genü­gend ande­re Optio­nen bestehen.

HARMONIES ist kein Inno­va­ti­ons­mons­ter. Auf­grund der run­den Land­schafts­schei­ben und der Tat­sa­che, dass es ein Lege­spiel ist, wird HARMONIES oft­mals mit CASCADIA ver­gli­chen. In mei­nen Augen hinkt die­ser Ver­gleich aber etwas – aller­dings nicht ganz so stark wie der Ver­gleich mit AZUL, weil Stei­ne aus einer gemein­sa­men Abla­ge in der Mit­te genom­men wer­den. Wenn HARMONIES unbe­dingt ver­gli­chen wer­den soll, dann hat es doch eher Ähn­lich­keit mit DREAMSCAPE, da dar­in durch Holz­schei­ben ein ähn­li­cher 3D-Land­schafts­auf­bau erfolgt und eben­falls bestimm­te Mus­ter mit Punk­ten belohnt wer­den. Aller­dings ist im Ver­gleich dazu HARMONIES deut­lich zugäng­li­cher und sub­jek­tiv bewer­tet auch hüb­scher. Zusätz­lich ist es in mei­nen Augen auch auch kein Makel, wenn bekann­te Ele­men­te neu, aber auch durch­dacht, zusam­men­ge­fügt werden.

Ich weiß nicht, ob es an der Pro­duk­ti­on der Char­ge oder an einer Fehl­kon­zep­ti­on des Inlays liegt. Aber nicht nur in mei­nem Exem­plar wöl­ben sich die Kar­ten so sehr, dass es schon ein wenig nervt. Schließ­lich sol­len dar­auf auch noch Wür­fel­chen plat­ziert wer­den. Von die­sen hät­ten übri­gens ger­ne auch noch eine Hand­voll mehr der Box bei­lie­gen kön­nen. In der ein oder ande­ren Par­tie leer­ten sich die­se vor­zei­tig und wir muss­ten dann ein wenig impro­vi­sie­ren, in dem nur ein Wür­fel auf der Kar­te liegt und den aktu­el­len Sieg­punkt­stand der Kar­te anzeigt.

Harmonies - Spielszene
Ich habe einen Plan!

Das gefällt mir gut: HARMONIES ist nicht nur wun­der­schön, son­dern auch spie­le­risch extrem reiz­voll. Durch die bei­den Wer­tungs­ebe­nen muss ich mehr als nur dar­auf ach­ten, wie ich punk­te­träch­tig Land­schafts­schei­ben lege. Opti­ma­ler­wei­se ver­bin­de ich die­se Über­le­gun­gen näm­lich damit, wie ich dar­über Tier­vor­aus­set­zun­gen erfül­le. Und damit beginnt das Abwä­gen und Durch­pla­nen in mei­nem Kopf. Das beginnt schon bei der Wahl, wel­che Tie­re ich über­haupt zu mir neh­me. Früh­zei­tig zuzu­grei­fen gibt mir den Vor­teil, dass ich weiß, wor­auf ich hin­aus will. Aller­dings ver­stop­fe ich mir dann viel­leicht den Platz für ein spä­ter auf­tau­chen­des Tier, wel­ches noch viel bes­ser in mei­ne Land­schaft hin­ein­ge­passt hätte.

Bei der Wahl der Tie­re gilt es somit die per­fek­ten Syn­er­gien zu fin­den. Dafür bie­tet HARMONIES erfreu­lich vie­le unter­schied­li­che Kom­bi­na­tio­nen, die ent­deckt wer­den wol­len. Zusätz­lich bie­tet es sich früh­zei­tig an, mit den Natur­geis­tern zu spie­len. Die­se beloh­nen bestimm­te Gelän­de­ar­ten und geben dem eige­nen Spiel somit einen stär­ke­ren Fokus, was von vie­len als hilf­reich ange­se­hen wird – auch wenn wir dadurch etwas mehr dem Zufall aus­ge­setzt sind. Denn dann sol­len bit­te schön auch die zum Natur­geist pas­sen­den Tier­kar­ten gezo­gen werden!

Harmonies - Tableaus
Tal oder Insel? Klei­ne Ände­rung mit gro­ßer Wirkung.

Auf­grund der Fül­le an Tie­ren und der Unwäg­bar­keit, wann und in wel­cher Kom­bi­na­ti­on die Schei­ben zur Ver­fü­gung ste­hen, füh­len sich alle Par­tien unter­schied­lich an. Zumin­dest habe ich noch nicht das Gefühl erlebt, dass ich mich spie­le­risch wie­der­ho­le. Hin­zu kommt, dass durch die unter­schied­li­che Tableau-Rück­sei­te auch eine neue Her­aus­for­de­rung beim Land­schafts­bau gestellt wird. Im Detail ändert sich nur die Wer­tung der Fluss-Schei­ben. Aber auf ein­mal fühlt sich die Land­schafts­ge­stal­tung anders an und wir haben eine neue reiz­vol­le Auf­ga­be zu bewältigen.

Die Inter­ak­ti­on in HARMONIES ist gering und besteht dar­in, den Mit­spie­len­den even­tu­ell Schei­ben oder Tie­re weg­zu­neh­men. Meis­tens pas­siert das aber gar nicht als aggres­si­ver Akt, son­dern eher zufäl­lig. Zusätz­lich sind wir ohne­hin genü­gend mit uns selbst beschäf­tigt, sodass wir meist nicht noch eine wei­te­re Ent­schei­dung-Ebe­ne benö­ti­gen. Dadurch spielt sich HARMONIES eigent­lich sehr fried­lich, was stim­mig zum The­ma ist und dem­nach von vie­len auch als ange­nehm emp­fun­den wird. Aller­dings ist es mit der inne­ren Har­mo­nie um mich gesche­hen, wenn mei­ne erhoff­te Schei­ben-Kom­bi­na­ti­on zwei­mal ver­nach­läs­sigt wur­de und mir dann kurz vor mei­nem Zugriff doch noch weg­ge­schnappt wird. Das bleibt dann trotz aller Schön­heit und zur Schau gestell­ter Einig­keit nicht unkom­men­tiert. Und auch im 2‑Per­so­nen-Spiel wird schnell der natür­li­che Duell-Modus sicht­bar, weil man dann viel­leicht doch etwas weni­ger gön­ner­haft unter­wegs ist.

Noch ein­mal möch­te ich ger­ne das Mate­ri­al und die Gestal­tung loben. HARMONIES ist ein Fest für die Augen. Aber auch die wei­te­re redak­tio­nel­le Arbeit ist äußerst gelun­gen. Die Anlei­tung ist prä­gnant und bie­tet die rich­ti­gen Bei­spie­le. Die Spiel­hil­fen sind das, was sie sein sol­len und zusätz­lich steht noch auf der letz­ten Sei­te der Anlei­tung eine kur­ze Über­sicht zum Nach­schla­gen zur Ver­fü­gung. Das alles ist in eine kom­pak­te Box gepackt, die höchs­ten den Wunsch nach Erwei­te­run­gen übrig lässt. Und ich bin mir sicher, dass die­se kom­men werden.

Harmonies - Detail
Was für ein schö­nes Bild!

Fazit: HARMONIES besticht durch ein­gän­gi­ge Regeln, die eine hohe Spiel­tie­fe zulas­sen. In jedem Spiel­zug sind bedeut­sa­me Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Ich muss tak­tisch auf die bestehen­den Aus­la­gen reagie­ren, soll­te aber durch die End­wer­tung der Land­schaf­ten auch die stra­te­gi­sche Dimen­si­on nicht außer Acht las­sen. Somit ist HARMONIES ein über­zeu­gen­des Lege­spiel, was auch noch wun­der­schön aussieht.

Titel Har­mo­nies
AutorJohan Ben­ven­uto
Illus­tra­tio­nenMaë­va da Silva
Dau­er30 – 45 Minuten
Per­so­nen­an­zahl1 bis 4 Personen
Ziel­grup­peauf­bau­en­de Kennerspielrunden
Ver­lagLibel­lud
Jahr2024
Hin­weisVie­len Dank an den Ver­trieb Asmo­dee Ger­ma­ny für
die Bereit­stel­lung eines Rezensionsexemplars!

2 Kommentare

  • Hi,

    Den Ver­gleich zu Cas­ca­dia kann ich nach­voll­zie­hen, weil jede Land­schaft am Ende unter­schied­lich gewer­tet wird und sich teil­wei­se Par­al­le­len zu den Tier­wer­tun­gen erge­ben. Aber das ist ja nur ein Teil von Cascadia.
    Neben dem Grü­bel­mons­ter Dream­scape möch­te ich ger­ne noch Reef von Emer­son Mat­suuchi in den Ring wer­fen, bei dem ein 4 x 4 x 4 Stei­ne gro­ßes drei­di­men­sio­na­les Koral­len­riff auf­ge­baut wird und die Wer­tung von gebau­ten Figu­ren und die Neu­be­schaf­fung von Bau­ma­te­ri­al über Kar­ten gere­gelt wird. Das ist für mich tat­säch­lich am dich­tes­ten an Har­mo­nies dran, aber leichtgewichtiger.

    • Ser­vus!
      Dem kann ich durch­aus zustim­men. Und manch­mal wird REEF in die­sem Zusam­men­hang auch genannt. Mir per­sön­lich ist dabei aller­dings der hap­ti­sche Unter­schied zu groß. Ich habe bei REEF haupt­säch­lich die Plas­tik­stei­ne im Kopf behal­ten, die ich immer ziem­lich kon­tra­pro­duk­tiv zum The­ma ange­se­hen habe.