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kritisch gespielt: Pioneers

Pioneers von Emanuele Ornella – erschienen bei Queen Games

Pioneers - Box
Foto: Queen Games

Als aus­ge­bil­de­ter Ver­kehrs­pla­ner habe ich eine gewis­se Affi­ni­tät zu Spie­len, bei denen man Stre­cken pla­nen und bau­en muss. Erfah­rungs­ge­mäß sind das dann meis­tens Eisen­bahn­glei­se. Da ich aller­dings kein aus­ge­bil­de­ter Akti­en­händ­ler bin, haben mich die 18xx-Spie­le nie all zu sehr in den Bann gezo­gen – auch wenn das The­ma Finan­zie­rung im wah­ren Leben nicht zu unter­schät­zen ist. So mag ich es bei Spie­len die­ser The­men­grup­pe ger­ne etwas ein­fa­cher (bei AGE OF STEAM ist mei­ne Gren­ze nach oben erreicht). PIONEERS passt somit wun­der­bar in mein Beu­te­sche­ma, da ich die­ses in den geho­be­nen Fami­len­spiel-Bereich ein­ord­nen wür­de. Aber weiß es mich auch spie­le­risch zu überzeugen?

Pioneers - Detail2
Der Wes­ten will besie­delt werden!

The­ma... um "Ame­ri­ca gre­at" zu machen (also noch ohne again), benö­ti­gen die Städ­te aus­ge­bil­de­te Fach­ar­bei­ter. Die­se kamen meist über den gro­ßen Oze­an und im Osten des noch jun­gen Lan­des an Land. Somit ergibt sich die logis­ti­sche Auf­ga­be: wie bringt man die Leu­te dort­hin, wo sie auch wirk­lich gebraucht wer­den? Die Ant­wort vor dem Eisen­bahn-Zeit­al­ter lau­te­te: mit der Post­kut­sche. Also wer­den schleu­nigst die fri­schen Ankömm­lin­ge in sel­bi­ge gepackt und zu den Städ­te gebracht. Aller­dings gab es schein­bar schon damals Vor­fah­ren von heu­ti­gen CSU-Poli­ti­kern: denn wer frem­de Stra­ßen benut­zen will, der muss eine Maut bezahlen.

Illus­tra­tio­nen... sind von Mar­kus Erdt, der schön öfters für Queen Games gear­bei­tet hat (bspw. hat er ARMAGEDDON illus­triert). So ganz wer­de ich bei PIONEERS aller­dings nicht mit sei­nem Stil warm. Das ist mir alles irgend­wie zu nüch­tern, zu karg. Dabei kann ich die Gra­fik von der Funk­tio­na­li­tät nur loben: da ist alles sau­ber gelöst und gut ver­ständ­lich. Mich spre­chen aber die Illus­tra­tio­nen emo­tio­nal über­haupt nicht an. Aller­dings bin ich damit eher ein Ein­zel­fall, denn die Stim­men in mei­nem Umfeld konn­ten mei­ner kri­ti­schen Ein­stel­lung nichts abge­win­nen. Geschmacks­sa­che also. Zusätz­lich spie­len die Illus­tra­tio­nen eher eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le, so dass mein "Kla­gen" ohne­hin nur eine Rand­no­tiz ist.

Pioneers - Meeple
vie­le, vie­le bun­ter Holzteile

Aus­stat­tung... ist in gewohnt hoher Queen-Games-Qua­li­tät – und somit sind auch eine Men­ge Holz­tei­le in der Box. Die­se sind haupt­säch­lich klei­ne Pio­neer-Mee­ple sowie eine Hand­voll von Schie­nen äh Stra­ßen (dank Such­funk­ti­on wer­de ich hier nicht mehr von Schie­nen reden – anders als am Spie­le­tisch, wo ich dau­ernd Schie­nen statt Stra­ßen sage). Der Rest des Mate­ri­als ist aus statt­li­cher Pap­pe und umfasst Kut­schen, Pio­neer-Plätt­chen, Geld­mün­zen, Gold­nug­gets sowie Abdeck­plätt­chen für den Spiel­plan im 2‑Per­so­nen-Spiel. Der Spiel­plan selbst zeigt Ame­ri­ka mit vie­len Stadt­fel­dern und Stra­ßen­ver­bin­dun­gen dazwi­schen. Auf die­se Stadt­fel­der wer­den dann zufäl­lig die ver­schie­den far­bi­gen Pio­nier­plätt­chen gelegt.

Auf­fäl­lig sind dabei die vie­len klei­nen redak­tio­nel­len Details, die es zu loben gilt. So ist es bspw. völ­lig unnö­tig, dass die Spie­ler­ta­bleaus auf der Rück­sei­te eben­falls die Spie­ler­fa­be zei­gen – es zeugt aber davon, dass sich inten­siv mit dem Mate­ri­al aus­ein­an­der gesetzt wurde.

Ablauf... ist ein­gän­gig und wird per­fekt auf den Spie­ler­ta­bleaus auf­ge­zeigt. Nach­dem man ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men erhal­ten hat (was natür­lich höher ist, wenn man einen oder zwei Ban­kiers kennt), geht man für sein Geld in einen Store ein­kau­fen. In den Rega­len kann man als Paket­preis ent­we­der eine Stra­ße oder derer zwei erhal­ten – oder eine Kut­sche. Hä? Okay, anders. Also eigent­lich erwirbt man eine Art Antei­le. Das Stra­ßen­netz ist schon aus­ge­baut, man kann nun aber für bestimm­te Abschnit­te Antei­le kau­fen. Um die­se zu kenn­zeich­nen, wird eine Holz­stra­ße in Spie­ler­far­be auf die ent­spre­chen­de Ver­bin­dung gelegt. Da das Stra­ßen­netz schon besteht, muss man auch nicht angren­zend zu ande­ren bun­ten Holz­stra­ßen bau­en, son­dern kann irgend­ei­ne Ver­bin­dung auf dem Spiel­plan mar­kie­ren. Meis­tens macht man das aber doch angren­zend zu schon eige­nen bestehen­den (sie­he End­wer­tung). Aber wir waren noch beim Kau­fen. Denn im Store kann man auch Kut­schen erwer­ben. Wie das so auf dem Markt ist, sind die Prei­se unter­schied­lich. Von bil­lig bis teu­er ist alles im Ange­bot. Nach Kauf einer Kut­sche wird das Ange­bot wie­der auf­ge­füllt, wobei alt ein­ge­ses­se­ne dabei meist güns­ti­ger wer­den. Eine neu erwor­be­ne Kut­sche ent­hält zwei, drei oder vier Pio­nie­re, die alle einen unter­schied­li­chen Beruf haben. Wie die­ser Kut­schen­kauf the­ma­tisch passt? Pfff ... viel­leicht bin ich der Spon­sor für die­ses Unter­neh­men und bezah­le Kut­scher und Pfer­de – und spä­ter bekom­me ich eine Belohnung.

Pioneers - Spieler-Tableau
der eige­ne Zug wird vor­bild­lich auf dem eige­nen Tableau dargestellt

Die­ses "spä­ter" tritt im drit­ten Abschnitt eines Zuges ein (also nach Ein­kom­men und Kauf). Dann bewegt man näm­lich die Kut­sche so weit zwi­schen zwei Stadt­fel­dern, bis die Kut­sche auf ein Stadt­feld gelangt, auf dem noch ein far­bi­ges Pio­nier­plätt­chen liegt. Aller­dings muss man dafür auch noch den ent­spre­chen­den (also gleich­far­bi­gen) Pio­nier in einer der eige­nen Kut­schen sit­zen haben. Denn die­sen ver­setzt man nun aus der Kut­sche auf das Stadt­feld – und darf dafür das Plätt­chen neh­men. Was wie­der­um meist bedeu­tet, dass man eine Akti­on aus­führt. Die­se Aktio­nen erlau­ben einem, Gold­nug­gets auf­zu­neh­men (sind am Ende Sieg­punk­te wert), zusätz­li­che Stra­ßen­ver­bin­dun­gen zu mar­kie­ren (sogar mit der Aus­nah­me, par­al­lel zu einer schon geleg­ten Stra­ße sei­ne eige­ne zu legen) oder auch wei­te­re Per­so­nen aus der Kut­sche zu wer­fen. Man kann aber auch Pio­nier­plätt­chen bekom­men, die per­ma­nent wir­ken. Der Ban­kier erhöht dau­er­haft das anfäng­li­che Ein­kom­men und die Kauf­frau (ja, rich­tig gele­sen – hier spie­len glück­li­cher­wei­se auch Frau­en mit) ermög­licht einen, mehr als einen Kauf pro Spiel­zug durchzuführen.

Mit dem Able­gen des Pio­niers und dem Abar­bei­ten des Plätt­chen endet der akti­ve Zug. Nun kön­nen die nach­fol­gen­den Mit­spie­ler ent­schei­den, ob sie nicht auch noch einen farb­ech­ten Pio­nier aus ihren Kut­schen in die­se Stadt schi­cken wol­len. Dafür bekommt der akti­ve Spie­ler aller­dings Geld. War­um soll­te man das machen? Damit man sei­ne Kut­schen leert. Denn nur, wenn die­se leer sind, bekommt man dafür ver­nünf­tig vie­le Sieg­punk­te – neben einer klei­nen Geld-Belohnung.

Das Geld wird übri­gens nicht nur zum Kau­fen benö­tigt, son­dern auch zum Kut­sche fah­ren. Denn für jede Stra­ßen­ver­bin­dung, die nicht der eige­nen Far­be ent­spricht, muss man einen Dol­lar bezah­len (bei far­bi­gen Ver­bin­dun­gen direkt an die ent­spre­chen­den Spie­ler, ansons­ten an die Bank).

Am Spie­len­de bekommt man neben den Sieg­punk­ten für geleer­te Kut­schen und erbeu­te­te Gold­nug­gets noch Punk­te für die Pio­nie­re in den Städ­ten, die im größ­ten zusam­men­hän­gen­den eige­nen Stra­ßen­netz ste­hen (wobei die Grö­ße durch die Anzahl der Pio­nie­re und nicht durch mar­kier­te Stra­ßen defi­niert wird). Gewin­ner ist natür­lich der Spie­ler, der dann die meis­ten Punk­te besitzt.

Pioneers - Kutschen
unter­schied­li­che Pio­nie­re in den Kut­sche pas­sen mal bes­ser und mal schlech­ter in Konzept

Das gefällt mir nicht so gut: An für sich sind alle Infor­ma­tio­nen offen – trotz­dem hat das Spiel einen nicht zu unter­schät­zen­den Glücks­fak­tor. Dadurch, dass die Sieg­punk­te am Ende recht nah bei­ein­an­der lie­gen, kann schon ein glück­li­ches Händ­chen beim Gold­grä­ber viel aus­ma­chen. Auch eine güns­ti­ge Kut­sche zur rich­ti­gen Zeit kann durch­aus ent­schei­dend sein – und das ist nur bedingt beein­fluss­bar. Aller­dings ist PIONEERS ein Fami­li­en­spiel, da darf durch­aus auch ein ent­spre­chen­der Glücks­an­teil vor­han­den sein – wer­den doch dadurch Emo­tio­nen geweckt. Und es ist ja nicht so, dass die­se Glücks­ele­men­te ande­ren das Spiel verhageln.

Die Regeln sind wie­der aus­führ­lich dar­ge­stellt und bebil­dert. Trotz­dem gab es manch­mal die ein oder ande­re Unsi­cher­heit bei der Inter­pre­ta­ti­on. In einem Fall gab es sogar ein theo­re­tisch nicht lös­ba­res Dilem­ma – was nun aber durch einen Nach­schub von Ver­lags­sei­te gelöst wur­de.*

Ansons­ten ist das The­ma natür­lich sehr sehr dünn. Nicht alle Knif­fe las­sen sich wirk­lich über das The­ma erklä­ren. Trotz inten­si­ven Nach­den­kens bin ich aber auf kei­ne bes­se­re the­ma­ti­sche Ein­klei­dung die­ser Mecha­nis­men gekom­men. Viel­leicht irgend­et­was mit Han­dels­rou­ten im Mit­tel­al­ter und ent­spre­chen­de Pri­vi­le­gi­en beim Bau von Kon­to­ren [gähn]. Oder aber viel­leicht etwas in der Zukunft mit Mega-Kon­zer­nen und Paten­ten und einem aus­ge­präg­ten Fili­al­netz [kru­de]. Rich­tig über­zeu­gend sind die­se Alter­na­ti­ven also auch nicht. So gese­hen, pas­sen die Pio­nie­re schon ganz gut. Man darf es eben nicht zu genau nehmen.

Pioneers - 3er-Spielplan
lang­sam fül­len sich die Städte

Das gefällt mir gut: Die Stär­ke von PIONEERS ist also nicht das The­ma, son­dern die Kom­bi­na­ti­on der fei­nen Mecha­nis­men. Zumal man das Gefühl hat, dass hier alles per­fekt inein­an­der greift. PIONEERS hat kei­nen unnö­ti­gen Bal­last, son­dern kon­zen­triert sich auf das Wesent­li­che: flot­te Züge und vie­le klei­ne Entscheidungen.

Dabei kommt auch die Inter­ak­ti­on nicht zu kurz. Jeder mei­ner Ent­schei­dung hat Aus­wir­kun­gen auf die Mit­spie­ler. Durch die Mög­lich­keit, eige­ne Pio­nie­re auch in den Zügen mei­ner Mit­spie­ler auf dem Plan zu plat­zie­ren, bin ich auch immer an deren Züge betei­ligt. Man ist also zu jeder Zeit in der Par­tie drin. Mal pro­fi­tiert man von Vor­la­gen, mal muss man wel­che geben. Immer ist man invol­viert und auch emo­tio­nal eingebunden.

Beson­ders gut gefal­len hat mir, dass durch­aus ver­schie­de­ne Stra­te­gien mög­lich sind. So kann man auf ein lücken­lo­ses Wege­netz set­zen oder aber dar­auf, schnell vie­le Kut­schen zu lee­ren. Eini­ges hängt davon ab, wie der Spiel­plan aus­sieht. Wo lie­gen wel­che Plätt­chen, was machen mei­ne Mit­spie­ler? Auch auf­grund des varia­blen Auf­baus ver­läuft so kei­ne Par­tie wie die andere.

Pioneers - 4er-Spielplan
Der Spiel­plan für 4 Spie­ler bie­tet mehr Städ­te und Wegeverbindungen

Die Ska­lie­rung für die unter­schied­li­che Anzahl an Mit­spie­lern funk­tio­niert gut. Natür­lich ist das Spiel­ge­fühl zu viert anders als zu zweit. Zu viert ist viel mehr Druck im Kes­sel – auch weil mehr pas­siert, bis man selbst wie­der am Zug ist. Aber auch das Spiel zu zweit hat uns Spaß gemacht. Dann ist der Spiel­plan etwas ein­ge­eng­ter und es ste­hen auch weni­ger Kut­schen zur Ver­fü­gung. Man kann nun aber wesent­lich geziel­ter planen.

Auch wenn mich die Illus­tra­tio­nen nicht anspre­chen, so muss doch die gra­fi­sche Gestal­tung gelobt wer­den. Alle wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen zum Spiel sind ent­we­der auf den Spie­ler-Tableaus oder auf dem Spiel­plan zu fin­den. Man kann also wun­der­bar ein­fach das Spiel erklä­ren – und natür­lich auch spielen.

Pioneers - Detail1Fazit: Immer wie­der höre ich, dass PIONEERS eine Art fusio­nier­tes ZUG UM ZUG und TRANS AMERICA sei. Die­ser Mei­nung kann ich mich so nicht unbe­dingt anschlie­ßen. Eine Ver­wandt­schaft zu TRANS AMERICA ist noch nach­voll­zieh­bar, da dass ent­ste­hen­de Schie­nenStra­ßen­netz gewis­se Gemein­sam­kei­ten auf­weist. Aber das Spiel­ge­fühl von PIONEERS ist doch ein ganz ande­res – ins­be­son­de­re im Ver­gleich zu ZUG UM ZUG, wel­ches auch völ­lig ande­re Mecha­ni­ken ver­wen­det. Woher kommt dann die­ser gefühl­te Zusam­men­hang? Haupt­säch­lich wohl des­halb, weil PIONEER ein ähn­lich gutes Fami­li­en­spiel wie ZUG UM ZUG ist – bekannt­lich ein aus­ge­zeich­ne­tes Spiel des Jah­res. Ob PIONEER auch die­se Ehre zu Teil wird? Kei­ne Ahnung, da die Kon­kur­renz schon sehr stark ist. Aller­dings wäre es in mei­nen Augen nicht unver­dient, denn PIONEERS hat mich voll­auf überzeugt.

 

* Es gibt die Regel, dass man eine Kut­sche kau­fen muss, wenn man kei­ne mehr offen vor sich lie­gen hat. Aller­dings gibt es auch die Regel, dass man nur Kut­schen kau­fen kann, für die man noch genug Pio­nie­re im eige­nen Vor­rat hat. In mei­ner Regel­ver­si­on war nicht geklärt, was pas­siert, wenn in der Aus­la­ge nur Kut­schen lie­gen, die ich aber nicht neh­men darf. Die­ser Fall ist nun auch offi­zi­ell mit einer erwei­ter­ten geklärt – obwohl er bei uns ohne­hin nie auftrat.

 

TitelPio­neers
AutorEma­nue­le Ornella
Illus­tra­tio­nenMar­kus Erdt
Dau­er45 bis 60 Minuten
Spie­ler­an­zahl2 bis 4 Spieler
Ziel­grup­pepla­nen­de Familienspieler
Ver­lagQueen Games
Jahr2017

 

Ich bedan­ke mich bei Queen Games für die Bereit­stel­lung eines Rezen­si­ons­exem­plars. Ich bin mir sicher, dass durch die­se Bereit­stel­lung mei­ne Mei­nung nicht beein­flusst wur­de. Die Bespre­chung spie­gelt mei­ne gemach­te Erfah­rung wider.

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