Chronicles of Crime Millennium 1400 von David Cicurel und Wojciech Grajkowski – erschienen bei Corax Games
Es gibt genügend Menschen, die ein verklärtes Mittelalter-Bild in ihren Köpfen haben. Da wird romantisiert ohne Ende und manch eine Person wünscht sich in diese Zeit zurück, in der die Welt noch in Ordnung schien. War sie aber nicht! Ich möchte auf jeden Fall eine reale Zeitreise dorthin vermeiden, was insbesondere auch mit der damaligen medizinischen Versorgung zu tun hat. Allerdings muss ich zugeben, dass mich dieses Zeitalter deutlich mehr reizt als bspw. die Antike. So ganz kann ich mich dem Charme dieser Zeit nicht entziehen. Auch aus diesem Grund habe ich mich gerne den CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 angenommen – auch wenn in diesem Krimi-Spiel definitiv keine Verklärung der Zustände vorgenommen wird.
Thema... als Ritter des Königs sorgen wir in Paris um 1400 für Recht und Ordnung. So werden wir hinzugerufen, wenn besondere Verbrechen aufzuklären sind. Immer an unserem Hosenbein ist unser treuer Hund Parzival. Und zum Glück haben wir auch eine gut informierte Verwandtschaft, die einem mit Rat (aber keiner Tat) zur Seite steht. Unser enormer kriminalistischer Erfolg basiert aber zum großen Teil auch auf unsere nächtlichen Träume, in denen wir vergangene Gräueltaten und nahendes Unheil erblicken. Diese Visionen leiten uns durch die anstehenden Ermittlungen.
Illustrationen… sind von einem ganzen Team (Barbara Gołębiewska, Mateusz Komada, Katarzyna Kosobucka und Mateusz Michalski) und beeindrucken. Denn die Illustrationen sorgen eindrucksvoll dafür, dass man kein geschöntes Bild von dem mittelalterlichen Paris erhält.
Ausstattung… wenn man es genau nimmt, dann ist CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 ein Kartenspiel. Der Spielplan fungiert lediglich als Kartenablage für die Hinweis‑, Gegenstands- und Charakterkarten. Die Visionenkarten kommen etwas fülliger daher und mit etwas gutem Willen kann man die verschiedenen Ortstafeln auch als überdimensionierte Karten bezeichnen.
Allerdings ist das eigentliche Herzstück des Spiels gar nicht in der Box vorhanden, sondern muss sich als App heruntergeladen werden. Denn die Informationen, die die Karten und Orte preisgeben sollen, erhält man durch ein digitales Endgerät und dessen QR-Code-Scanner. Profis haben noch eine VR-Brille parat, es geht aber problemlos auch ohne diesen Schnickschnack.
In der App sind vier unterschiedliche Kriminalfälle und ein Tutorial hinterlegt. Theoretisch sind weitere Fälle mit dem bestehenden Material denkbar, auch wenn es dafür dann noch passende Visionenkarten bräuchte. Denn diese Karten führen in die Fälle ein und sind somit falltechnische Unikate.
Ablauf… Nachdem wir unsere Träume gesehen haben, suchen wir unterschiedliche Orte auf. Diese können wir manchmal detailliert untersuchen oder wir treffen dort Personen, die wir zu allem Möglichen befragen können. Bei jeder Frage sowie bei Ortswechseln vergeht allerdings Zeit, die durchaus zu beachten ist. Einerseits wollen wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Auflösung präsentieren, andererseits verändern sich auch die Szenarien im Verlaufe eines Tages. Hat man die Dienstmagd vormittags noch in der Kirche getroffen, findet man sie abends eventuell wieder in einer Taverne.
Gesteuert wird alles über die Karten und die App. Man scannt eine Karte und bekommt dann Informationen (bspw. neue Karten, die man nun zur Verfügung hat). Dabei kann es bspw. möglich sein, dass der Mönch in Fall 1 der Prior Jacques des benachbarten Klosters ist und in Fall 2 auf einmal Bruder Cyrill auf der Durchreise nach Rom. Das Spielmaterial gibt also lediglich den Rahmen vor, der durch die Texte der App mit Leben gefüllt wird.
Eine Besonderheit ist noch das Suchen nach Hinweisen an manchen Orten. Dann kann man sich über die App virtuell den Ort ansehen. Dabei fallen einem dann vielleicht bestimmte Gegenstände auf, die man dann unter den Gegenstandskarten heraussuchen und scannen kann. Im Team geschieht das simultan ("Ich sehe einen Schrank!" "Okay, ich lege die Karte Möbel zur Seite"), wenn man solo spielt braucht man dafür ein gutes Gedächtnis.
Wenn man der Meinung ist, den Fall gelöst zu haben, dann muss man finale Fragen beantworten, die dann von der App nach einem nicht bekannten Schlüssel bewertet wird. Zusätzlich erfolgt dann noch eine textliche Auflösung.
Das gefällt mir nicht so gut: Diese finale Auflösung hätte gerne noch etwas umfangreicher sein können. Nicht immer sind uns dabei unsere Fehler aufgezeigt worden. Vielleicht soll das einen Wiederspielreiz auslösen, aber so wichtig waren uns dann diese Detailfragen auch nicht. Ebenfalls hat uns bei der Wertung gestört, dass es Punkte für Nebenhandlungen gab, die nicht primär mit dem Fall zu tun hatten. Ja natürlich hätte man sich besser um den Verletzten kümmern können, aber uns war gar nicht bewusst, dass dies vom Spiel honoriert wird – zumal wir ja unter einem gewissen Zeitdruck agieren. Allerdings ist dieser Punkt nur störend, wenn man den Ehrgeiz hat, die volle Punktzahl zu erreichen. Ich selbst spiele solche Krimi-Spiele mehr wegen deren Unterhaltungswert – und den haben die Fälle von CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 auf alle Fälle.
Mit ein wenig Erfahrung wird man auch feststellen, dass man ohne Hilfe nicht weiterkommen kann. Die Familienmitglieder und auch Hund Parizival sind wichtige Figuren in den Fällen. Allerdings sind diese Elemente keine wirkliche Rückfallebene, wenn man mal nicht weiter weiß. Vielmehr sind sie Bestandteil des eigentlichen System. Allerdings stellt sich somit die Frage, wann man diese nun einsetzen muss und wann sie nur Zeitfresser sind. Manchmal wäre es schön gewesen, wenn unser Hund uns mal von der Seite anbellen würde, damit wir wissen, dass wir ihn doch mal aktivieren sollten. Oder wenn uns eine Nachricht erreichen würde, dass unsere Schwester gerne mit uns reden will. Also ein wenig Führung täte sicherlich Neulingen ganz gut. Und wenn diese nicht gewünscht ist, dann könnte man sie sicherlich auch deaktivieren. Die App von UNLOCK! macht derartiges beispielsweise vorbildlich.
Nicht unterschätzen sollte man übrigens den Platzbedarf des ganzen Materials auf dem Tisch. Wenn alle Orte benutzt werden, dann benötigt man für CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 schon ein wenig Fläche, um auch noch die ganzen Personenkarten richtig zuordnen zu können. Natürlich könnte man irgendwie auch darauf verzichten, allerdings ist diese Zuordnung schon eine gute Hilfe und sollte deswegen meiner Meinung nach auch durchgeführt werden.
Das gefällt mir gut: Das Besondere an CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 ist der historische Rahmen, in dem die Kriminalfälle präsentiert werden. Ich fühlte mich jedenfalls die ganze Zeit wie William von Baskerville aus Der Name der Rose, auch wenn das Spiel eigentlich die Rolle eines jungen Ritters für mich vorgesehen hat. Die Texte hätten vielleicht noch ein wenig stimmungsvoller geschrieben sein können, aber die eingespielten Geräusche der App erzeugen eine schöne Atmosphäre. Somit ragt CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 sicherlich nicht aus der Masse der Krimi-Spiele heraus, die besondere thematische Einfassung setzt aber einen eigenständigen Akzent. Zusätzlich empfanden wir die Fälle als solches logisch nachvollziehbar, so dass man sich am Ende nicht verwundert gefragt hat, wie das jetzt alles zusammenhängen soll.
Gut gelöst ist dabei das Tutorial, dass doch umfangreicher gestaltet ist, als das anfangs von uns angenommen wurde. Somit wurde deutlich gemacht, dass sich die Fälle teilweise auch erst entwickeln müssen. Hilfreich sind dabei die Visionen-Karten. Diese sind die Klammer, die den Fall zusammen halten. An den dort abgebildeten Szenen kann man sich gut orientieren, auf was man sich bei den Fällen konzentrieren sollte.
Natürlich böte die App auch mehr Möglichkeiten, das eigene Medium noch mehr zu nutzen. Aber ich fand das Verhältnis der App-Nutzung zur Karten-Nutzung akzeptabel. Natürlich hätte man diese Inhalte auch in ein beiliegendes Abenteuerbuch oder auf weitere Karten übertragen können, um dem analogen Brettspiel-Charakter noch mehr zu betonen. Aber vor allem das Untersuchen der Tatorte macht digital so viel mehr Spaß, dass ich die App nicht missen möchte. Wobei man zugegebenermaßen schon eine Menge scannen muss, weswegen ich recht schnell vom Tablet zum Smartphone wechselte.
Das Untersuchen der Tatorte ist somit das schönste Spielelement, da man sich auf einmal frei vom System fühlt. Zusätzlich wird dadurch auch die Gruppendynamik gefördert. Eine Person berichtet, was sie sieht und die anderen suchen die passenden Karten. In der Regel wird diese Prozedur nochmals mit anderen Rollenverteilungen wiederholt – vielleicht hat jemand etwas übersehen (und es macht nun einmal Spaß, sich die virtuelle Umgebung anzusehen). Zu zweit empfinde ich CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 immer noch am stärksten und würde diese Spielart einer Session in Vollbesetzung vorziehen. Insbesondere dann, wenn man die App über das Smartphone steuert, weil dann acht Augen schlecht auf das kleine Display schauen können und die Texte nicht als Audiodateien unterlegt sind. Allerdings ist es auch kein Problem, wenn zwei Personen gleichzeitig die App nutzen, so dass man auch zu viert auf alle Infos halbwegs gleichzeitig zurückgreifen kann.
Fazit: CHRONICLES OF CHRIME MILLENNIUM 1400 erfindet das Genre der Krimi-Spiele nicht neu. Allerdings weiß es durch die ungewöhnliche Umgebung zu überzeugen. Wir haben uns dabei gut unterhalten gefühlt und würden uns noch weitere neuartige Szenarien wünschen. Warum nicht mal in der Neuzeit in einer zentralafrikanischen Metropole ermitteln? Oder in einem südamerikanischen Dorf in den Anden? Gerne dürfen wir in unserer behaglichen Brettspielblase mit neuen thematischen Anreizen gefüttert werden.
| Titel | Chronicles of Crime Millennium 1400 |
|---|---|
| Autoren | David Cicurel und Wojciech Grajkowski |
| Illustrationen | Barbara Gołębiewska, Mateusz Komada, Katarzyna Kosobucka und Mateusz Michalski |
| Dauer | 60 bis 90 Minuten |
| Personenanzahl | 1 bis 4 Personen |
| Zielgruppe | kriminalistische Zeitreisende |
| Verlag | Corax Games |
| Jahr | 2020 |
| Hinweis | für die Besprechung wurde vom Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt |

















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