Pandemic Legacy Season 1 von Matt Leacock und Rob Daviau – erschienen bei Z Man Games
Dieser Beitrag erhält keine Spoiler zum Spiel PANDEMIC LEGACY Season 1
Mittlerweile sind wir auch in der Brettspielwelt beim Begriff "spoilerfrei" angekommen. Ganz neu ist das natürlich nicht, allerdings häufen sich in letzter Zeit Kampagnen- und Rätselspiele. So muss man vermehrt darauf hinweisen, dass in einem Beitrag keine entscheidenden Infos weitergegeben werden und somit bedenkenlos gelesen werden kann. Der Begriff "spoilerfrei" weckt aber auch ungeheuer die Neugierde. Was verbirgt sich denn hinter den Spoilern? Was darf nicht erzählt werden? Und wie war es bei den anderen, wenn man die Spoiler durch das eigene Spielen schon umschifft hat? Für diese Leser habe ich zusätzlich auch noch einen Erfahrungsbericht mit Spoilern geschrieben.
Thema... die Welt ist in Aufruhr: vier extrem gefährliche Krankheiten bedrohen die Weltbevölkerung. Also wird schnell ein Team verschiedenster Spezialisten zusammen gestellt, um androhende Pandemien zu bekämpfen. Dieses Team reist über den Erdball, sammelt Informationen und versucht die jeweiligen Heilmittel zu entdecken. Doch dann kommt der große Schock: eine Krankheit ist unheilbar. Was tun?
Illustrationen... sind von Chris Quilliams und werden meist viel zu wenig beachtet. Wenn ich nach PANDEMIC LEGACY befragt werde, dann erzähle ich meist ganz viel über das Spielerlebnis und vielleicht auch noch etwas über die Ausstattung – aber so gut wir nichts über die Illustrationen. Das ist ein wenig unfair, da ich die grafische Gestaltung (unter Mithilfe von Philippe Guérin) als äußerst gelungen erachte. Aber im Gegensatz zum Spiel emotionalisieren die Illustrationen nicht und werden somit bestenfalls wahrgenommen.
Ausstattung... augenfällig sind die vielen verschlossenen Boxen und die Top-Secret-Dosiers. Was sich wohl darin verbirgt? Zum Glück erkennt man aber auch einiges aus PANDEMIE wieder: die Standard-Pöppel, die bunten Seuchenwürfel, die verschiedenen Marker, die Forschungszentren und natürlich der vertraute Spielplan sowie die Spieler- und Infektionskarten. Als Legacy-Motor fungieren entsprechende Karten, die nur in der vorgegebenen Reihenfolge ins Spiel kommen dürfen. Der umfangreiche Stickerbogen lässt erahnen, dass die Welt nicht so bleiben wird, wie sie nun am Anfang aussieht. Auch die verschiedenen Charakterkarten der einzelnen Spezialisten lässt einiges erahnen.
Ablauf... wie man es von PANDEMIE kennt, müssen Heilmittel für die Krankheiten entdeckt werden. Spielmechanisch wird das über verschieden farbige Stadt-Karten gehandhabt, die man sammelt und als Set abgibt. Problem daran ist, dass man Handkarten nicht so einfach mit den Mitspielern tauschen kann. Dafür muss man sich in den Städten treffen, die auf den Karten genannt sind. Weiteres Problem: die Viren breiten sich aus! Im Laufe einer Partie müssen Krankheitsausbrüche verhindert und bestenfalls die Krankheiten auch ausgerottet werden.
Um das alles möglich zu machen, müssen die Spieler durch die Welt reisen und eigentlich immer überall sein – was natürlich nicht geht. So sollte schon planvoll vorgegangen werden. Und da PANDEMIC LEGACY ein kooperatives Spiel ist, gilt auch hier die Devise: reden hilft! Dieser Redebedarf wird immer größer, da im Laufe der Gesamtpartie die Optionen immer mehr werden. Am Ende gibt es eine Vielzahl von möglichen Aktionen, die natürlich alle bedacht werden müssen. Dabei entfernt sich PANDEMIC LEGACY auch einiges vom Grundspiel, da ganz neue Spielelemente auftauchen. Trotzdem bleibt es PANDEMIE, da eine zu lösende Aufgabe immer ist: findet Gegenmittel für die heilbaren Krankheiten.
PANDEMIC LEGACY ist in Monate unterteilt, wobei man aber maximal nur zwei Partien pro Monat spielt. Schafft man es, die notwendigen Aufgaben alle zu erfüllen, wird man mit einem Bonus belohnt. Verliert man dahingegen eine Partie, dann kann man die nächste zumindest mit etwas mehr hilfreichen Subventionen beginnen (die gemeinerweise wieder gekürzt werden, wenn man erfolgreich spielt). Wir haben von den theoretisch möglichen 24 Partien 18 Stück gespielt. Zwei Monate konnten wir nicht erfolgreich beenden, wobei das nicht wirklich ein Problem darstellte. Denn die meisten Aufgaben konnte man auch in die Folgemonate mitnehmen (und dann hoffentlich lösen).
Das gefällt mir nicht so gut: Ich habe PANDEMIC LEGACY nicht ohne Grund die Bezeichnung Expertenspiel gegeben. Nicht, dass es einen sehr hohen Anspruch hätte oder absolut herausfordernd wäre. Aber die Optionen und damit die Regelfülle nehmen doch im Verlauf deutlich zu. Dabei ist es sehr schwer, den kompletten Überblick zu behalten – insbesondere dann, wenn man länger als Gruppe nicht zusammen gespielt hat. Außerdem will man Spiel-Fehler unbedingt verhindern, da doch jede Partie Auswirkungen auf die folgenden Partien hat. So hatten wir schon den Anspruch (wie eigentlich immer, aber nun ganz besonders), fehlerfrei zu spielen. Ganz grobe Schnitzer haben wir sicherlich verhindert, aber ob wir wirklich immer an alles gedacht haben?
Wie schon gesagt: die einzelnen Partien haben Auswirkungen auf die nachfolgenden. Dummerweise bleibt es aber PANDEMIE. Was ich damit sagen will? Es gibt immer mal Partien, bei denen die Verteilung der Karten extrem ungünstig ist. Dann hat man keine Chance die Partie erfolgreich zu beenden. Normalerweise hakt man das schnell mit einem Schulterzucken ab und spielt einfach eine neue Partie. Bei PANDEMIC LEGACY ärgert man sich aber mächtig darüber! Wir hatten zwei Partien, die wir normalerweise eigentlich schon nach kürzester Zeit aufgeben hätten, da sie ohnehin nicht zu gewinnen waren, Nun macht man mit dem Wissen weiter, dass die Situation auf dem Brett nur noch schlimmer wird. Natürlich kämpft man dann wie ein Löwe, um irgendwie die Situation doch noch erträglich zu gestalten. Aber es wurmt einen, dass die ungnädige Kartenverteilung einem so einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Fairerweise muss man aber dazu sagen, dass günstige Kartenverteilungen natürlich kommentarlos (aber innerlich äußerst wohlwollend) zur Kenntnis genommen werden. Ich kann mir aber vorstellen, dass solche ungünstigen Kartenverteilungen zur falschen Zeit schon ziemlich Frust verursachen können.
Bei der Storyline gefällt mir nicht, dass keine wirklichen alternativen Enden bestehen – egal wie gespielt wird, das Ende ist ähnlich. Ich hatte abschließend das Gefühl, dass ich thematisch in eine Richtung gedrängt wurde. Es wäre aber doch viel spannender gewesen, wenn es wirklich verschiedene Handlungsenden gegeben hätte. Dann hätte Gruppe A eine ganz andere Partie gespielt als Gruppe B. Wahrscheinlich ist das in dem Umfang nicht machbar und es hätte Beschwerden gegeben, warum nicht alle Pakete und Dossiers geöffnet wurden – aber aus Sicht der Erzählung hätte ich es konsequenter gefunden. Das ist bspw. im kleinen aber feinen Story-Modus von OH MY GOODS – LONGDSALE IN AUFRUHR besser gelöst.
Noch eine Sache hat mir überhaupt nicht gefallen. PANDEMIC LEGACY ist ein tolles atmosphärisches Spiel. Man erlebt eine Geschichte und ist am Ende glücklich und zufrieden, das alles erlebt zu haben. Dann kommt aber ein Epilog, bei dem man sich auf einmal für verschiedene Etappenziele Punkte vergeben soll. Diese sind nun zusammen zu zählen und man bekommt einen Fünfzeiler, wie erfolgreich man die Partie beendet hat. Was soll das denn? Bei mir hat sich dieses Ende wie ein Schlag in die Magengrube angefühlt und mich total von der ersten Euphoriewelle herunter gezogen. Alles vorher erlebte wird auf einmal in schnöde Punkte übertragen – das hätte nicht sein müssen! Mittlerweile habe ich das erfolgreich verdrängt, aber unnötig finde ich das immer noch. Zumal man sich doch ohnehin nicht mit anderen Gruppen vergleichen will – zumindest nicht auf Basis von Punkten.
Das gefällt mir gut: wie eben schon geschrieben: PANDEMIC LEGACY ist ein tolles atmosphärisches Spiel! Wenn man sich darauf einlässt, wird man von der Story gefangen. Man leidet mit, man lässt sich emotional berühren. Wir haben dabei versucht, die Aufträge im Sinne der Handlung zu erfüllen, auch wenn diese vielleicht schwerer waren als andere Aufgaben. Aber wir wollten unbedingt das Story-Erlebnis auskosten – und haben das auch getan!
Wichtiger Motor dabei ist: alles hat Konsequenzen, keine Aktion ist beliebig! Bei uns am Tisch wurde fast mehr diskutiert als eigentlich gespielt, weil wir immer am abwägen der Optionen waren. Lohnt sich das Risiko? Was könnte dann passieren? Welche Folgen hätte das für die Zukunft? Man ärgert sich über jede unglückliche Kartenverteilung und jubelt über günstige Konstellationen.
Mit zu diesem Gefühl trägt die Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Charaktere bei. Alle werden besser. Sie bekommen Namen, gehen Beziehungen zu anderen Charakteren ein – und auf einmal passiert ein Unglück und man muss sich mit der Verwundbarkeit der Personen auseinander setzen. Wie früher im Rollenspiel wachsen einem die Charaktere ans Herz und man geht eine emotionale Bindung ein. Wann hatte man das Gefühl je bei einem Brettspiel?
Mir hat besonders gut gefallen, dass man nicht weiß, auf was man eigentlich hinaus will. Spielerisch ist das vielleicht etwas unbefriedigend – aber thematisch absolut sinnvoll. Woher soll man auch wissen, was die Zukunft bringt? Da werden zwangsläufig Fehlentscheidungen getroffen. Was im Moment sinnvoll erscheint, stellt sich später als Fehler heraus. Aber wie im richtigen Leben, muss man solche Einschätzungen treffen, um voran zu kommen.
Zu guter Letzt wird das Kind im Manne befriedigt. Ich liebe es einfach, versteckte Hinweise frei zu rubbeln, Sticker auf zu kleben und geheime Pakete zu öffnen. Diese Einmaligkeit macht PANDEMIC LEGACY für manche Menschen zum No-Go, weil es sie stört, dass ein Brettspiel nicht unendlich oft gespielt werden kann. Wir haben aber 18 Partien gespielt. Und da darf man schon fragen, welches andere Spiel dieser Gewichtsklasse wohl in dieser Zeit so oft auf dem Tisch gelandet wäre?
Wer jetzt meint: 18 mal das gleiche zu spielen, ist das nicht langweilig? Nö, ist es nicht! Denn PANDEMIC LEGACY entwickelt sich weiter. Es kommen neue Elemente ins Spiel und damit auch neue Aufgaben. Der Schwerpunkt der Aktionen verschiebt sich und die Karten müssen anders als gewohnt benutzt werden. Es wird komplexer, aber man weiß, warum das so ist (zumindest wenn man thematisch spielt). So bleibt das Spielerlebnis im Fluss.
Fazit: PANDEMIC LEGACY ist einfach ein Erlebnis. Das kann mal frustrierend sein oder lässt einen jubeln – auf jeden Fall wird es einen emotional berühren. Meistens fühlt man sich gehetzt und manchmal auch hilflos, da man nicht weiß, wohin die Reise gehen wird. Auch wird aufgezeigt, dass man in solchen Situationen aus Aktionismus handelt – manchmal ohne dieses Handeln wirklich zu hinterfragen. Ich bin froh, diese erspielte Erfahrung gemacht zu haben! Allerdings brauche ich nun auch ersteinmal eine Pause von PANDEMIE. Obwohl, SEASON 2 reizt mich schon sehr...
| Titel | Pandemic Legacy Season 1 |
| Autor | Matt Leacock und Rob Daviau |
| Illustrationen | Chris Quilliams |
| Dauer | 60 bis 90 Minuten |
| Spieleranzahl | 2 bis 4 Spieler |
| Zielgruppe | Expertenspiel |
| Verlag | Z Man Games (Asmodee Germany) |
| Jahr | 2015 |















Wir haben es zu zweit gespielt und im August abgebrochen. Selten haben wir uns so gelangweilt. Pandemie mit minimaler Veränderung bleibt doch Pandemie. Ganz schlimm finde ich, dass man das Spiel wegwerfen muss. Nie wieder vergrössere ich den Müllberg freiwillig mit solchen Wegwerfspielen. Wir dachten, dass man das Spiel immer weiter spielen könnte. Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass das niemanden stört!?
Servus!
So alleine bist du doch gar nicht mit deiner Meinung. Ich kenne einige, die aus Prinzip einen großen Bogen um Legacy-Spiele machen und das u.a. wegen des Wegwerfprinzips. Ich finde durchaus, dass man sich damit kritisch auseinander setzen soll (ich verweise da auf eine ähnliche Situation bei den EXIT-Spielen von Kosmos – bspw. hier im Blog unter https://fjelfras.de/wordpress/blog/brettspiele/ersteindruck-exit-die-station-im-ewigen-eis/ ).
Es kommt aber auch ein wenig darauf an, was man mit dem Material macht. Das meiste ist Pappe, die man recht gut recyceln kann. Das Plastikmaterial sammel ich bspw. als eigenes Ersatzteillager oder um eigene Spiel-Ideen voranzubringen. Allerdings muss man das Konzept jetzt auch nicht aus Prinzip verteufeln. Wenn ich durch Spielwarenabteilungen zu den Brettspielen laufe, dann fallen mir ganz andere Plastikberge auf und da sind Legacy-Spiele nicht das dringendste Problem (zumal diese dann wohl auch tatsächlich genutzt werden).
Wir haben Pandemic Legacy soeben fertig gespielt.
Wir waren ein Team aus 3–5 Personen die in unterschiedlicher Zusammensetzung gespielt haben.
Das Spiel hat uns so richtig gepackt und eingesogen und wir konnten den jeweils nächsten Spieltermin fast nicht erwarten.
Wir haben diskutiert und taktiert bis die Köpfe rauchten. Welche Charaktere und welche Subventionen wir nehmen; und am Ende der Partie, welche Fortschritte, hat fast stunden gedauert.
Mein Fazit: Genial¨
Zum Thema: Müllberg
Ich finde es eigentlich auch schade, dass man das Spiel "nur" einmal spielen kann und dass man danach eigentlich vor einer rechten Menge Müll sitzt.
Allerdings gibt es nicht gerade viele Spiele, die ich so intensiv gespielt habe.
18 Partien zu 2–4 Stunden (je nach Diskusions-Stoff)
Somit habe ich einige Spiele in meinem Regal, die eher "Müllberge" sind, da sie einfach ungenutzt rum liegen.