High Tide von Dirk Henn – erschienen bei Queen Games

Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, im tiefsten Winter einen Beitrag über ein Sommer-Spiel zu schreiben. Denn ich würde momentan einiges dafür geben, wenn es draußen 30°C und Sonnenschein hätte und ich, wie bei HIGH TIDE, an einem sommerlichen Strand liegen könnte. Also ist wieder Immersion gefragt, denn viele Menschen benutzen Spiele als Flucht aus ihrem Alltag. Und siehe da: es müssen nicht immer Magier, Krieger und Elfen sein – manchmal reicht ein imaginärer Trip an den Strand.
Thema... wie ich es gerüchteweise von Pauschal-Urlaubern kenne, verbringt man in diesem gerne mal seine Zeit am Strand – und ist dort nicht unbedingt alleine. Um dann ans Wasser zu gelangen, muss man slalomhaft an dutzenden Handtüchern und Strandliegen vorbei. Wenn man Pech hat, ist dabei der Sand brüllend heiß, so dass man schon arg gestresst am Meer anlangt. Wie viel schöner wäre es doch, wenn man seine Liege direkt am Wasser stehen hat. Genau um diesen Logenplatz geht es bei HIGH TIDE.

Illustrationen... sind von Dennis Lohausen – und wieder einmal perfekt. Ja, ich wiederhole mich in den Lobeshymnen seiner Arbeit. Aber diese sind einfach verdient. So gibt es wieder ganz viele witzige Details zu entdecken. Trotzdem steht die eigentliche Funktion immer im Vordergrund. Ganz große Klasse!
Ausstattung... ist ebenfalls große Klasse. Denn genauso liebevoll wie die Illustrationen ist die ganze Ausstattung. Ins Auge fallen natürlich die vielen kleinen Holzliegen, die ich so vorher noch in keinem Spiel gesehen habe. Aber auch die Flip-Flops als Siegpunktanzeiger sind eine schöne Idee – genauso wie die Sonnenschirme (damit man weiß, wer welche Farbe spielt) und die Handtücher (für die Spielerreihenfolge). Als "Motor" sind 18 farbige Würfel im Spiel, die aus einem beigefügten Stoffbeutel gezogen werden. Da im Verlaufe einer Partie das Wasser sich dem Strand nähert, liegen auch individuelle illustrierte Wellenplättchen in verschiedenen Größen bei.

Zusätzlich ist auch schon einiges an "Bonus-Material" in der Box. Denn für vier zusätzliche Erweiterungsmodule stehen kleine Pappmünzen, Haifisch- und Alarmplättchen, Surfer sowie Baywatch-Plättchen zur Verfügung. Diese kann man dann zusätzlich zum Grundspiel nutzen.
Ablauf... ist überschaubar. Denn im Grunde muss man zwei Würfel bestimmen, deren Augenanzahl das Voranschreiten der eigenen Liege gen Wasser bestimmt. Ein ganz klein wenig ausführlicher will ich den Ablauf dennoch beschreiben:

Der Strand ist in sechs farbige Bereiche unterteilt. Diese Farben sind auch die Grundfarben der Würfel. Ist man an der Reihe, zieht man verdeckt aus dem Beutel zwei Würfel und wirft diese. Nun kann man diesen Wurf akzeptieren und die eigene Liege am farbgleichen Strandabschnitt entsprechend der jeweiligen Augenanzahl nach vorne setzen. Oder aber man verzichtet auf diesen Wurf. Dann legt man die Würfel ab und wiederholt die Prozedur. Allerdings kann man das nicht unendlich oft machen, da nur beschränkte Ablageplätze für die Würfel zur Verfügung stehen. Hat man seine Würfel abgelegt, kann der nachfolgende Spieler entscheiden, ob er die bereits ausgelegten Würfel nutzen will, oder lieber selbst sein Glück beim Ziehen aus dem Sack versuchen will.

Haben alle ihre Liegen in der aktuellen Runde gen Wasser verschoben, dann liegt nun noch ein Würfelpaar offen aus. Dieses bestimmt, an welchen Stränden das Wasser schlagartig Richtung Strand wandert. Denn der Strand bei HIGH TIDE weist ein Naturphänomen auf. Das Wasser bildet keine gleichförmig Linie. Durch kleine und große Wellen verkleinern sich manche Strandabschnitte ziemlich schnell durch das ankommende Wasser.
Eine Partie endet konsequenterweise dann auch, wenn mindestens eine Liege auf einmal im Wasser steht. Diese wird dann weggespült und steht für die Endabrechnung nicht mehr zur Verfügung. Alternativ endet eine Partie HIGH TIDE auch nach der sechsten Runde. Dann wird für jeden Strandabschnitt überprüft, welche Liege am nächsten zum Wasser liegt und die Erst- und Zweitplatzierten (im 5- und 6‑Personenspiel auch die Drittplatzierten) bekommen gestaffelt Punkte. Genauso auch die Spieler, die den Strandabschnitt gar nicht benutzt haben und lieber gleich in der Strandbar geblieben sind. Am Ende gewinnt natürlich der Spieler, der die meisten Punkte aufweist.

Das gefällt mir nicht so gut: Eine Partie HIGH TIDE startet doch recht behäbig. Die ersten Runden sind lediglich Vorbereitung für die finale Endabrechung. Es erfolgen keine Zwischenwertungen und im Grundspiel passiert auch sonst nichts zwischen den einzelnen Runden. Die letzten Runden sind dahingegen spannend und erst dann hat man das Gefühl, das man bewusst Entscheidungen trifft. Somit ist ein Spannungsbogen zwar gegeben, aber dieser dürfte gerne schon wesentlich früher ansteigen (bspw. über Zwischenwertungen). Auch ist das Spiel trotz der tollen thematischen Aufmachung im Grunde von eher abstrakter Natur. Es ist eben ein Wettrennen auf sechs Bahnen.

Insbesondere zu Beginn der Partie hat man das Gefühl, dass verhältnismäßig viel Verwaltungsaufwand für das eigentlich einfache Spielprinzip betrieben werden muss. Es muss bei jedem Zug daran gedacht werden, den Liegestuhlverleih zu verschieben, denn dieser regelt die Ablageflächen für die Würfel. Die abgelegten Würfel sollen sofort richtig geordnet werden, damit die Wellenplättchen am Ende der Runde zugeordnet werden können. Die Liegen werden verschoben, wobei dabei die Reihenfolge zu beachten ist, damit am Ende Gleichstände gelöst werden können (wer später nach vorne kommt, wird bei einem Gleichstand bevorteilt). Zu guter Letzt müssen auch die Handtücher richtig gelegt werden, da über diese die Spielerreihenfolge der nächsten Runde geregelt wird. All das gilt es zu tun und zu beachten – wobei wir uns doch im eigentlich "nur" für ein Würfelpaar entscheiden. Vor allem in Vollbesetzung können dabei die Pausen, bis man wieder dran ist, recht lange vorkommen.

Viel Ballast, so ähnlich geht es mir auch mit der Anleitung. Diese ist sicherlich ausführlich beschrieben und bebildert. Das ist aber fast schon zu ausführlich und zu bunt. Denn damit wird manchmal der Blick auf das Wesentliche vernebelt und ein wichtiger Zusatz am unteren Ende der Seite geht leicht verloren. Auch manches Detail finde ich etwas unglücklich geregelt. Viele meiner Mitspieler hatten Probleme, den Liegestuhlverleih richtig zu verstehen. Auch ich finde diese Regelung nicht wirklich intuitiv, so dass sich bei mich das Gefühl einstellt, dass man diese notwendige Beschränkung eleganter hätte lösen können.
Nicht glücklich bin ich mit dem Erweiterungsmodul "Surfer". Bei diesem wird das Spielziel für die Spieler an einer Strandfarbe ins Gegenteil verwandelt. Dann will man am Ende mit seiner Liege im Wasser landen, wofür es wesentlich mehr Punkte gibt. Allerdings bekommt man gar keine Punkte, wenn man sich von der Strandbar aufgemacht hat und dann nicht ins Wasser gelangt. Es ist also so eine Art Wette. Allerdings ist das Spiel so schwer steuerbar, dass diese meistens ins Leere läuft und mehr Frust statt Lust verbreitet. Das ist deswegen ein wenig ärgerlich, weil beim Lesen der Regeln fand ich gerade dieses Modul auf den ersten Blick am interessantesten. Hier zeigt sich wieder, das Regel lesen und das Spiel spielen zwei verschiedene Sachen sind.

Das gefällt mir gut: Die anderen drei Erweiterungsmodule gefallen mir dahingegen sehr gut und waren am Ende immer fester Bestandteil unserer Partien – auch weil sie nicht alles auf die Endwertung reduzieren und somit auch die einzelnen Zwischenrunden aufwerten. Die Münzen liegen auf den unteren Strandabschnitten aus und können eingesammelt werden (wobei immer nur eine Münze pro Farbe am Ende genommen sein darf). Am Ende bekommt man Zusatzpunkte, wenn man die meisten Münzwerte gesammelt hat – womit sich manchmal auch kleine Schritte am Anfang lohnen. Ebenfalls werten die Baywatch-Plättchen kleine Würfelwerte auf. Hat man am Ende der Runde die niedrigste Gesamtsumme der beiden Würfel, bekommt man als Kompensation einen Helfer für das restliche Spiel. Am meisten Spaß macht aber die Hai-Alarm-Erweiterung. Zu Beginn einer Runde wird ein Strand ausgelost, an dem Hai-Alarm ausgelöst wurde. Am Ende der Runde wird nun ein Alarmplättchen umgedreht und die Liege, die am nächsten zum Wasser steht, wird um einen bestimmten Wert zurückgeschoben (dieser Wert kann auch 0 sein, wenn es gar kein Hai sondern nur eine Möwe war, die fälschlicherweise gesichtet wurde). Dieses Element kann nun auch taktisch genutzt werden, um sich vielleicht vor den aufkommenden Wellen wieder in Sicherheit zu bringen. Auf alle Fälle wird noch ein spaßiges Zufallselement eingebaut, welches für Emotionen sorgt.
Ansonsten muss man HIGH TIDE natürlich als das annehmen, was es ein will. Eine spaßige Würfelzockerei mit originellem Thema. Man darf sich also nicht über den zu hohen Glücksanteil beschweren. Taktisch gibt es nur wenig zu entscheiden, wobei man auch nicht den Fehler machen darf, das Spiel als völlig trivial abzustempeln. So kann z.B. der letzte einer Runde schon recht deutlich beeinflussen, welche Strände denn nun von den Wellen angegriffen werden. Ohnehin gilt es, die Würfelfarben im Auge zu behalten und immer mit den entsprechenden Wahrscheinlichkeiten zu spielen. Am meisten Spaß hatten wir jedenfalls in größeren Gruppen (zu fünft oder sechst), weil dann auf dem Strand am meisten los ist und auch die Emotionen etwas höher kochen. Zu dritt gibt es in meinen Augen dahingegen etwas zu wenig Konkurrenz auf dem Spielplan.

Über allem steht aber das tolle Material und die liebevolle Ausstattung. Alleine über den "Würfelpool" zum Sammeln der abgelegten Würfel könnte ich mich als Nerd einen ganzen lieben langen Tag amüsieren. Die Aufmachung lädt definitiv zum Spielen ein und auf öffentlichen Spiele-Treffs wird man häufig aufgrund der Ausstattung darauf angesprochen. HIGH TIDE nutzt ein unverbrauchtes Thema und setzt dieses im höchstem Maß stimmungsvoll um.
Fazit: Aufgrund der opulenten Ausstattung ist HIGH TIDE nicht wirklich strandtauglich. Dafür macht es im Winter gespielt Spaß, weil am Ende die Emotionen hoch kochen können und es somit einem zumindest kurzfristig heiß wird. Ansonsten ist es aber eher ein ruhiges gemächliches Spiel mit entsprechend hohem Glücksanteil. Spielerisch kann es zwar mit den Perlen des Zocker-Genres nicht mithalten (wie bspw. LAS VEGAS), aber hinter der Strandbar muss es sich auch nicht verstecken.
| Titel | High Tide |
| Autor | Dirk Henn |
| Illustrationen | Dennis Lohausen |
| Dauer | 20 bis 30 Minuten |
| Spieleranzahl | 3 bis 6 Spieler |
| Zielgruppe | Würfelzocker |
| Verlag | Queen Games |
| Jahr | 2016 |
Ich bedanke mich bei Queen Games für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.












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