Flügelschlag von Elizabeth Hargrave – erschienen bei Feuerland Spiele
Wenn aus Spannweite Flügelschlag wird, dann merkt man, warum es für Übersetzungen Profis gibt. Denn eigentlich lautet die wortwörtliche Übersetzung des Original-Titels WINGSPAN Spannweite oder auch Flügelspanne. Ein zugegeben etwas sperriges Wort im Deutschen. Da klingt FLÜGELSCHLAG ungleich spannender – insbesondere in Kombination mit dem Scherenschwanz-Königstyran auf dem Cover.
Thema... statt wie so oft Baumeister im Mittelalter sind wir nun Vogelliebhaber. Somit wollen wir dieses Mal kein imaginäres Ansehen beim König steigern, sondern wir begnügen uns damit, Vögel in unsere Nähe zu locken. Wobei dabei unser Anwesen durchaus etwas voluminöser ist, können wir unseren geliebten Federfreunden doch gleich drei unterschiedliche Lebensräume anbieten: Wald, Grasland und Wasser. Am Ende geht es aber doch wieder nur um Ansehen unter den Ornithologen, denn wir landen wieder im Siegpunkte-Allerlei und es lässt sich nicht thematisch begründen, warum die eine Vogelsammlung wertvoller sein soll als die andere. Trotzdem erfreut man sich über diese Abwechslung beim Thema.

Illustrationen… sind von Beth Sobel, Ana María Martínez Jaramillo sowie Natalia Rojas und sind beeindruckend. Die Illustrationen auf den Karten könnten auch aus einem alten Vogelerkundungsbuch sein, das bei den Großeltern in der Schrankwand steht. Aber auch die restliche Gestaltung ist in sich stimmig und animiert wunderbar zum Mitspielen. Somit ist FLÜGELSCHLAG ein echter Hingucker, was allerdings auch an der...
Ausstattung… liegt, die vor allem durch den Würfelturm in Gestalt einer Vogelhäuschens dominiert wird. Der praktische Nutzen des Würfelturms ist zwar überschaubar, aber er ist unbestritten ein Blickfang. Ebenso verfängt sich der Blick an den vielen bunten Miniatureiern, die ich so noch in keinem Spiel gesehen habe. Der Rest kommt dann eher klassisch daher. Ganz viele Karten (unterteilt in Vogel- und Bonuskarten sowie Automa-Karten für das Solo-Spiel), Futterwürfel sowie Futtermarken und Zielplättchen aus Pappe. Noch profaner kommen sogar die Aktionsklötzchen daher, die eher eine Art Aschenputtel im Vergleich zur restlichen Ausstattung sind.
Jeder Spieler erhält noch ein Tableau, auf dem später die eigenen Vogelkarten abgelegt werden und welches die drei unterschiedlichen Lebensräume darstellt. Abgerundet wird der Inhalt durch eine Tafel für die variablen Zielplättchen und einen Wertungsblock. Doch halt, ich habe noch die "Vogeltränke" vergessen. Diese ist eigentlich nur der Deckel für die Kartenaufbewahrung. Allerdings wird dieser nun als Kartenablage im Spiel genutzt. Ich hätte mich allerdings mehr über einen schön gestalteten kleinen Spielplan gefreut. Für das weitere Spielmaterial sind übrigens auch noch eigene Aufbewahrungsdosen in der Box.
Ablauf… ist recht eingängig, da man nur vier Optionen im eigenen Zug hat: einen Vogel ausspielen (gegen Abgabe von Futter), Futter nehmen, Eier legen lassen sowie neue Vogelkarten auf die Hand nehmen. Mehr macht man eigentlich nicht. Aber wie immer, kommt es auf die Details an. So kann man bspw. nur dann die gewünschte Futtersorte erhalten, wenn das entsprechende Symbol auf den Würfeln in der Auffangschale des Würfelturms zu sehen ist. Oder nicht alle Vögel lassen sich in allen drei Lebensräume ansiedeln.
Der größere Clou von FLÜGELSCHLAG besteht aber darin, dass die Effekte der ausgespielten Karten oftmals immer wieder ausgelöst werden können. Wer es nun schafft, gut harmonisierende Kombinationen auszulegen, der hat eine geölte Maschinerie am Laufen. Kein Wunder, dass FLÜGELSCHLAG gerne auch als Engine-Builder bezeichnet wird.
Am Ende einer jeden Runde (von insgesamt nur vier) wird ein Rundenziel überprüft und mit Punkten belohnt. Gemeinerweise muss man dabei einen eigenen Aktionswürfel abgeben. Dies hat zur Konsequenz, dass man pro Runde immer weniger Aktionen zur Verfügung hat. Am Anfang sind es noch acht, in der letzten Runde nur noch fünf. Am Spielende gibt es dann noch für alles mögliche Punkte (ausgespielte Karten, Eier, erfüllte Bonuskarten, gesammeltes Futter usw.) und es wird der Ornithologe des Tages gekürt.
Das gefällt mir nicht so gut: Wie man es sich vorstellen kann, hängt der eigene Erfolg zu großen Teilen davon ab, welche Karten man zur Verfügung hat. Deswegen sollte man auch dafür sorgen, dass man ausreichend Nachschub an Karten erhält. Dabei ist die Vogeltränke mit den drei offenen Karten oftmals keine echte Hilfe. Denn recht oft ist man mit dieser Auswahl unzufrieden und zieht dann lieber verdeckt vom Nachziehstapel – womit sich aber auch die Auswahl an der Tränke nicht verändert. In meinen Augen ist die Kartenauswahl somit zu sehr eingeschränkt. So hätte ich mir gut eine Kartenfunktion vorstellen können, durch die man die Auslage neu bestimmt. Wir haben deswegen das ein oder andere Mal eine eigene kleine Hausregel eingeführt. Jeder Spieler erhält zu Beginn der Partie drei Katzen. Diese kann man jederzeit in der Form nutzen, dass eine neue Auslage der Tränke gebildet wird. Für jede am Spielende nicht genutzte Katzen, erhält man noch einen zusätzlichen Siegpunkt. Dieses kleine Element hilft ein wenig, die Glücksabhängigkeit bei der Kartenauswahl zu reduzieren. Allerdings bleibt der Grundcharakter erhalten. Denn FLÜGELSCHLAG hat Glückskomponenten (bspw. auch durch die Futterwürfel), die sich in meinen Augen auch gut ins Spielgefühl einfügen. Aber ein wenig mehr Einfluss verhindert all zu großen Frust.
Apropos Futterwürfel. Diese werden durch den sehr attraktiven Würfelturm ziemlich ins Rampenlicht geschoben. Der Würfelturm sieht auch toll aus und ist ein nettes Gimmick. Allerdings sind nicht alle Gimmicks immer praktisch. Die hohen Wände der Würfelauffangschale verhindern nämlich gerne mal den Blick auf das Wesentliche. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass der Würfelturm somit ein unnützer Blender ist. Denn es macht schon haptisch großen Spaß, die Würfel in den Turm zu werfen (insbesondere Kinder können davon nicht genug bekommen). Aber er hat nun einmal auch Nachteile. Genauso wie die bunten Eier. Denn viele Neulinge sind anfangs durch die verschiedenen Farben verwirrt. Viele erwarten eine besondere Bedeutung (dass bspw. die blauen Eier bei manchen Vögeln mehr wert sind als bei anderen). Das ist aber nicht der Fall. Die Eier sind verschiedenfarbig, damit das Gesamtbild schöner aussieht – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
So schön ich diese Eier finde, so nervig ist manchmal deren Handhabung. Bei manchen Vögeln, darf man nämlich Karten unter diesen Vogel schieben – was dann fummelig wird, wenn darauf Eier liegen. Ein weiterer "Nachteil" ist, dass man durch die sehr hochwertigen Eier das komische Gefühl hat, dass die restlichen Materialien etwas billig daher kommen. Das ist natürlich ein Luxusproblem. Aber im Vergleich zum Würfelturm und den Eiern, kommen die Futterplättchen und insbesondere die Aktionsmarker doch arg lieblos daher. Für solche "Probleme" gibt es glücklicherweise schon findige Drittanbieter. Und da mir meine Fingernägel lieb sind, habe ich die beigefügten Aufbewahrungsboxen auch gleich durch eigene ersetzt. So verschütte ich nun beim Öffnen der Boxen nicht mehr immer unbeabsichtigt den ganzen Inhalt.
Das gefällt mir gut: Wie man merkt, bin ich größtenteils lediglich etwas mit dem Material unzufrieden – wobei das Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Das hat einen einfach Grund: mir gefällt FLÜGELSCHLAG richtig gut. Es besitzt eine Leichtigkeit, die ein entspanntes Spielen fördert. Alles ist so schön elegant, ohne aber dabei auch spielerisch zu unterfordern.
Zusätzlich wird das Spiel wunderbar vom ungewöhnlichen Thema getragen. Natürlich passiert es öfters, dass man mal "einen Vogel baut, wofür man den und den Rohstoff abgibt". Wir Spieler haben das schon so oft in einer anderen Umgebung gemacht. Trotzdem ist das Thema nicht einfach nur so drauf geklatscht, sondern fügt sich gut ins Spiel ein: Raubvögel machen Jagd auf Mäuse, Vögel, die am Wasser leben, benötigen oftmals Fisch als Nahrung, Aasfresser werden belohnt, wenn andere erfolgreich gejagt haben. Das passt alles thematisch zusammen und ist deswegen stimmig. Zugleich werden durch dieses Thema und der auffälligen Aufmachung Leute angelockt, die um das hundertste Mittelalter-Rohstoff-Spiel einen weiten Bogen machen.
Somit sorgt das Thema und die Gestaltung dafür, dass auch Neulinge gerne zu FLÜGELSCHLAG greifen. Diese werden dabei nicht überfordert, auch wenn man bei dem dicken Kartenstapel anfangs Schlimmes erwartet. Der Verlag wirbt zwar damit, dass 170 einzigartige Karten im Spiel sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass viele Karten die gleichen Effekte haben – und das ist auch gut so. Denn dadurch wird man nicht überfordert und das Spiel verliert nicht an Tempo.
Ohnehin ist das Tempo auch ein großer Vorteil von FLÜGELSCHLAG. Durch die Besonderheit, dass man pro Runde weniger Aktionen zur Verfügung hat, steigt auch die Spannungskurve. Das Tempo zieht deutlich an und man stellt mit Erschrecken fest, dass man gar nicht mehr so viel machen kann, wie man es gerne würde. Anfangs dachte ich, dass die letzte Runde ohnehin nur daraus bestehen würde, sich Eier zu besorgen. Aber mit Erfahrung hat sich gezeigt, dass das etwas kurzsichtig gedacht war und andere Aktionen durchaus sinnvoller sein können.
So hängt die eigene Spielweise von verschiedenen Faktoren ab. Da sind einerseits natürlich die Vogelkarten, die man zur Verfügung hat. Aber auch die variablen Bonuskarten und Rundenziele beeinflussen natürlich die jeweilige Spielweise. Somit fühlen sich alle Partien unterschiedlich an, weil andere Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Mir gefällt dabei auch gut, das man die Rundenziele unterschiedlich bewerten kann. Erfahrene Spieler sollten dabei die Merhheitenwertung benutzen (wer bspw. mehr Vögel als andere ausgespielt hat, bekommt mehr Wertungspunkte). Neulinge wiederum sollten die einfach Wertung spielen, in der es rein um die Anzahl der Zielvorgabe geht und weniger Interaktion notwendig ist, die anfangs eben meist überfordert.
Die Interaktion ist übrigens ebenfalls ein Pluspunkt. Diese ist moderat vorhanden, ohne dabei den Mitspielern bösartig etwas zu klauen. Trotzdem gibt es manche Karten, bei denen die Aktionen der Mitspieler auch für mich eine Bedeutung haben. Somit ist man auch an den Aktionen der Mitspieler interessiert und wurschtelt nicht nur alleine vor sich hin.
Wer allerdings gerne solitär optimiert, der kann gut zu den Automa-Karten des Solo-Spiels greifen. Der Solo-Modus ist zwar ein wenig mit Verwaltungsaufwand verbunden, aber dafür passieren auch genügend unterschiedliche Sachen, so dass die Partien auch auf Dauer interessant bleiben.
Fazit: FLÜGELSCHLAG beeindruckt nicht nur durch äußere Werte (unverbrauchtes Thema und herausragende Gestaltung), sondern kann mich auch spielerisch überzeugen. Der durchaus vorhandene Zufallsanteil fügt sich in die gewollte Spieltiefe ein und verhindert auch, dass FLÜGELSCHLAG zu grübelig wird. So ist es ein luftig leichtes und vor allem auch elegantes Kennerspiel, was uns sicherlich noch einige Jahre begleiten wird. Die erste Erweiterung mit Vögeln aus Europa ist schon angekündigt.
| Titel | Flügelschlag |
| Autor | Elizabeth Hargrave |
| Illustrationen | Beth Sobel, Ana María Martínez Jaramillo und Natalia Rojas |
| Dauer | 40 – 70 Minuten |
| Spieleranzahl | 1 bis 5 Spieler |
| Zielgruppe | ornithologische Kennerspieler |
| Verlag | Feuerland Spiele |
| Jahr | 2019 |
Ich bedanke mich bei Feuerland für die Möglichkeit, das Spiel zu einem vergünstigten Preis zu erwerben. Ich bin mir sicher, dass durch diesen Rabatt meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.





















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