kritisch gespielt: Mit List und Tücke

Mit List und Tücke von Michael Rieneck erschienen im KOSMOS Verlag

Mit List und Tücke - Cover

Foto: Komos-Verlag

Einer meiner ersten Lieblingsfilme war die Disney-Zeichentrickfassung von Robin Hood. Wie mich Wikipedia aufgeklärt hat, verwendet der Film dabei anthropomorphe Tiere: Robin als schlauer Fuchs, Little Jon als gemütlicher Bär, die Löwenherz-Familie als – klar – Löwen usw. Auch die Schergen des Sheriff waren gut getroffen, wurden sie doch als Geier dargestellt. Irgendwie muss ich immer an den Film denken, wenn ich MIT LIST UND TÜCKE spiele. Und manchmal erwische ich mich dabei, wie ich ins Lispeln gerate, wenn ich die Schlange auf der Hand halte und meinen Mitspielern tolle Tipps gebe…*

Thema… hat wenig mit den edlen Motiven eines Robin Hood zu tun. Jeder Spieler versucht am Hofe seine Einflussträger durch- bzw. die der Mitspieler um die Ecke zu bringen. Dass man dabei nicht gerade zimperlich handeln sollte, zeigt das Coverbild eindringlich. Und es sei vorweg genommen: der Spieltitel passt wie die Faust aufs Auge!

Mit List und Tücke - Königspaar

Scheinen eine leichte Ehekrise zu haben: Königin und König

Grafik… ist von Imelda und Franz Vohwinkel. Ich kann mir vorstellen, dass beide einen Riesenspaß bei den Illustrationen hatten. Welches Tier passt zu welcher Charaktereigenschaft? Nicht immer bin ich damit glücklich (z.B. die Hexe als Hyäne gefällt mir nicht), aber im Großen und Ganzen passt das schon. Mich stört eigentlich am meisten die Covergestaltung. Hier hätte ich ein anderes, ansprechenderes Tier auf das Cover gebracht – aber viele Mitspieler fanden das schon sehr passend und haben sich daran nicht gestört. So ist das mit der Geschmackssache…

Mit List und Tücke - nicht so gelungene Kartengrafiken

Böse Funktionen = böse Tiere? Hier gefällt mir die Gestaltung nicht so gut

Ausstattung… besteht hauptsächlich aus den 20 Charakterkarten, die recht groß und robust sind. Hinzu kommen noch ein paar Pappmarker (Einflussmarker in drei Farben) und vor allem die enorm wichtigen Übersichtskarten. Das Ganze erinnert somit auch in der Ausstattung an LOVE LETTER. Natürlich hätte das Spiel etwas kompakter daherkommen können, aber so passt es eben in die Standardschachtel von KOSMOS und man bekommt alles gut unter. Kleinere Karten hätte ich schlecht gefunden, da teilweise doch recht viel Begleittext auf den Karten angegeben ist und dieser dann mit einer entsprechend kleinen Schriftgröße versehen wäre.

Ablauf… erinnert ein wenig an LOVE LETTER und OHNE FURCHT UND ADEL. Von LOVE LETTER kennt man das Ausspielen einer Karte und die sofortige Ausführung der Funktion. Die Ähnlichkeit zu OHNE FURCHT UND ADEL verspürte ich dadurch, dass manche Charaktere Auswirkungen auf noch nicht gespielte Karten haben.

An sich ist das Spiel simpel: es werden reihum Karten ausgespielt und die Aktionen direkt abgehandelt. Nach der Runde schaut man, welche ausgespielte Karte den höchsten Wert aufweist, weil deren Ausspieler nun die neue Runde beginnt. Da jeder Spieler nur vier Karten auf der Hand hält, wird dementsprechend diese Procedere viermal durchgeführt und ein sogenanntes „Kapitel“ endet. Und weil die Zahl 4 so schön ist, werden im ganzen Spiel vier Kapitel gespielt. Schon Grundschüler wissen also, dass in einer ganzen Partie somit nur 16 Karten gespielt werden. Und das soll Spaß machen?

Mit List und Tücke - Austauschkarten

Bringen Ungewissheit: die nicht bekannten Austauschkarten

Macht es, weil Michael Rieneck noch einige Kniffs in das Spiel gepackt hat, so dass das Spiel voller kleiner Details steckt. Das Spiel beginnt nicht etwa schnöde damit, dass jeder vier Karten erhält. Nein, erst müssen die Karten in zwei Stapel nach Rückseitenfarbe sortiert werden. Von den hellen Karten bekommt nun jeder Spieler zwei Karten, wovon er eine behält und die andere nach links draftet. Das Gleiche passiert mit den dunklen Karten nach rechts. Übrig gebliebene Karten (natürlich in der Summe wieder eine 4) kommen als Austauschkarten in die Tischmitte. Nun besitzt jeder Spieler seine vier Karten und kennt zusätzlich noch zwei Karten seiner Mitspieler. Die verschiedenen Rückseiten haben noch den Effekt, dass man im Verlauf des Spiels besser über die Handkarten der Mitspieler spekulieren kann. Hat mein rechter Nachbar nur noch zwei helle Karten auf der Hand, dann kann ich schon 10 Karten (also alle dunklen) ausschließen.

Mit List und Tücke - Übersichtskarten

ganz wichtige Hilfe bei den ersten Partien: die Übersichtskarten

Warum ist das wichtig? Es gibt einige Charaktere, die andere beseitigen können. Mit dem Meuchler kann ich bspw. den König und die Königin um die Ecke bringen. Das klingt bei der Erklärung meist nach Mord und Totschlag, im Spiel passiert das aber seltener als anfangs gedacht. Denn auch hier kommt wieder ein spezielles Detail ins Spiel. Abgelegte Karten werden übereinander gelegt, so dass jeder Spieler immer nur eine offene Karte vor sich ausliegen hat – und nur diese ist aktiv und kann beseitigt werden. Die Spieler versuchen demnach, die gefährdeten Karten schnell mit ungefährdeten Karten abzudecken. Da ist es hilfreich, dass die potenziellen Opfer hohe Zahlenwerte haben, ermöglichen diese doch ein Ausspielrecht in der nächsten Runde. Sicher sind die Karten dadurch aber noch nicht, denn wenn im weiteren Rundenverlauf eine Karte beseitigt wird, dann werden auch alle Karten unter dieser mit beseitigt und fliegen aus der Wertung!

Mit List und Tücke - Spielende

Spielende mit einer gefüllten Kapelle – blaue Einflussplättchen sind dünn gesät

Denn natürlich ist es so, dass die potenziellen Opfer für die Wertung die meisten Punkte bringen. Diese ist wieder ein wenig verzwickt: über erfolgreich gewertete Karten bekommt man Einflussplättchen. Allerdings weiß man erst am Ende des Spiels, wie viel diese Einflussplättchen überhaupt wert sind. Denn jedes Einflussplättchen zählt am Ende nur so viele Punkte, wie von der jeweiligen Farbe noch Einflussplättchen im Vorrat und auf der Kapelle liegen. Habe ich bspw. sechs blaue Plättchen gesammelt und es liegen am Ende keine mehr in der Tischmitte, dann bringen mir diese überhaupt keine Punkte!

Das gefällt mir nicht so gut: Das Spiel macht einem den Einstig nicht einfach. Es hat viele kleine Details und es fällt schwer, die Übersicht zu behalten. Die vielen unterschiedlichen Charaktere mit ihren jeweiligen Besonderheiten überfordern anfangs die Mitspieler, die meist verwirrt sind über die ganzen Möglichkeiten. Aber auch erfahrene Mitspieler verlieren schnell den Überblick über die gespielten Karten – dabei ist es meist unabdingbar, sich die gespielten Karten zu merken, damit man seine eigenen Handkarten zum richtigen Zeitpunkt spielen kann. Nicht glücklich bin ich mit der Endwertung, da man diese nicht richtig beeinflussen kann. Am Anfang der Partie weiß ich noch nicht, wo die Reise hingehen wird und am Ende kann ich mit den falschen Handkarten nichts mehr ändern. Meist gewinnt somit eher der glücklichere Spieler, als der Spieler, der die meisten Einflussplättchen sichern konnte. Schade ist es auch, dass das Spiel nur für drei bis vier Spieler spielbar ist – und hier empfinde ich das Spiel mit drei Leuten auch deutlich schwächer, da von vorne herein schon vier Karten aussortiert werden. Den größten Spielspaß macht MIT LIST UND TÜCKE mit 4 Spielern.

Das gefällt mir gut: MIT LIST UND TÜCKE ist der perfekte Spieletitel. Erfahrene Stichspieler erkennen sofort das große Potenzial der verschiedenen Charaktere. Klingt es anfangs äußert verwirrend, ist es doch wesentlich besser planbar, als man das anfangs glaubt. Die Charaktere sind schön ausbalanciert und bringen immer wieder überraschende Wendungen, die allerdings nicht willkürlich erscheinen. Wichtig ist es, ein Gefühl für die eigene Kartenhand zu bekommen und einen guten Spielrhythmus zu finden. Das Spiel belohnt einen dann mit vielen emotionalen Momenten. Lobenswert finde ich auch die grafische Gestaltung – insbesondere die gute Symbolsprache, die sich auch auf den Übersichtskarten wiederfindet.

Fazit: Man sieht schon an der Länge der Textpassagen, die den Ablauf beschreiben, dass in MIT LIST UND TÜCKE mehr drin steckt, als es ein flüchtiger Blick auf die 20 Karten erwarten lässt. Das Spiel muss aufgrund der vielen verzwickten Details erst einmal verinnerlicht werden, um seinen Reiz ausspielen zu können. Nicht ohne Grund steht in der Regel der gute Hinweis, ersteinmal ein Kapitel drauf loszuspielen. Denn meist erkennt man erst beim Spielen die Feinheiten (so ist man in der ersten Partie sicherlich sehr mit den guten Übersichtskarten beschäftigt). Hat man diese Hürde aber gemeistert, wird man mit einem Spiel belohnt, dass seinen Titel zurecht trägt: das Spiel ist tückisch und man muss schon listig agieren, um erfolgreich zu sein. Als störend empfinde ich nur die zufällige Endwertung. Doch meist wurde diese am Ende von den Spielern nicht wirklich beachtet – im Kopf blieben der spannende Spielverlauf und die kleinen Gemeinheiten, die sich im Spiel ergeben haben.

Ich bedanke mich bei KOSMOS für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich bin mir sicher, dass durch diese Bereitstellung meine Meinung nicht beeinflusst wurde. Die Besprechung spiegelt meine gemachte Erfahrung wider.


* hier ein kleiner Filmausschnitt zu Sir Hiss

Video-Symbol

Robin Hood Prince John ENOUGH sir hiss hits hat [Symbol: ElisaRiva – https://pixabay.com]

Ein Gedanke zu “kritisch gespielt: Mit List und Tücke

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