kritisch gespielt: Valletta

Valletta von Stefan Dorra erschienen im Hans im Glück Verlag

Valletta - Box

Foto: Hans im Glück Ver­lag

(Über-) Mor­gen beginnt bekann­ter­ma­ßen wie­der die SPIEL in Essen. Dort wird es eine nicht mehr über­schau­ba­re Viel­zahl von Neu­erschei­nun­gen geben. Das ist einer­seits natür­lich ein tol­les Gefühl, ande­rer­seits wird aber auch das ein oder ande­re Spiel medi­al unter dem Radar flie­gen. Spie­le, die viel­leicht noch vor Jah­ren ein rich­ti­ger Ren­ner gewe­sen wären, gehen nun in der schie­ren Mas­se unter. Dann tau­chen sie viel­leicht in ein paar Jah­ren in Top-Lis­ten für unter­schätz­te Spie­le wie­der auf – aber der ver­meint­lich ver­dien­te Erfolg ist aus­ge­blie­ben. Mus­ter­bei­spiel dafür ist für mich SPYRIUM. Ein tol­les Spiel, was aber kaum jemand kennt. War­um ich genau die­se Ein­lei­tung bei VALLETTA schrei­be? Ist es nicht ver­wun­der­lich, dass ein Spiel, wel­ches beim tra­di­ti­ons­rei­chen Pfef­fer­ku­chel den 3. Platz errun­gen hat, kom­plett in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung unter­ge­taucht ist?

The­ma... ist alt­ba­cken lang­wei­lig. Irgend­was mit Städ­te­bau im Mit­tel­al­ter. Die­ses Mal ist es eben in Val­let­ta, der Haupt­stadt von Mal­ta. Lei­der hat man die­ses The­ma mitt­ler­wei­le so oft bespielt, dass einem die his­to­ri­schen Fein­hei­ten bei VALLETTA völ­lig kalt las­sen. Dabei gibt einem die Regel einen schö­nen Über­blick über die wich­ti­gen Per­sön­lich­kei­ten, die zum Bau der Stadt bei­getra­gen haben – zumal die­se Per­sön­lich­kei­ten sogar als Per­so­nen­kar­ten im Spiel vor­kom­men.

Illus­tra­tio­nen... sind von Kle­mens Franz und fol­gen sei­nem bekann­ten Stil. Die Cover­ge­stal­tung ist dabei genau­so ein­falls­los wie das The­ma. Mag sein, dass die Mas­se an Käu­fern ger­ne älte­ren Her­ren über die Schul­ter schaut, wie im Hin­ter­grund aus einer Bau­stel­le eine Stadt ent­steht. Ich habe die­se Sze­ne­rie mitt­ler­wei­le zu oft gese­hen, als dass sie mich noch in irgend­ei­ner Wei­se posi­tiv abho­len wür­de.

Die Gestal­tung der ein­zel­nen Kom­po­nen­ten ist dahin­ge­gen ganz vor­züg­lich gelun­gen. Da merkt man schnell, dass ech­te Pro­fis am Werk waren. Die ein­zel­nen Inhal­te sind wohl durch­dacht und man fin­det sich sehr schnell in VALLETTA zurecht. Und wer sich in Ruhe die ein­zel­nen Illus­tra­tio­nen anschaut, der kann wie­der vie­le net­te klei­ne Details erken­nen. Öff­net man also den Deckel, dann bin ich mit der gra­fi­schen Gestal­tung sehr zufrie­den.

Valletta - Übersicht

Das Mate­ri­al ist wie immer bei Hans im Glück top!

Aus­stat­tung... ist auf dem gewohnt hohen Niveau von Hans im Glück – mehr müss­te ich eigent­lich gar nicht schrei­ben. Es gibt wie­der ein­zel­ne Güter als schö­ne Holz­tei­le sowie die ger­ne benutz­ten klei­nen Kar­ten­for­ma­te. Schließ­lich soll auch alles auf den Tisch pas­sen. Die ein­zel­nen Spie­ler­ta­bleaus unter­stüt­zen das Kar­ten­ma­nage­ment und für alle gibt es eine gemein­sa­me Sieg­punkt­leis­te.

Der "Spiel­plan" ist übri­gens kei­ner, son­dern die Spiel­flä­che wird aus Gebäu­de­kar­ten aus­ge­legt, auf die jeweils eine bestimm­te Per­so­nen­kar­ten abge­legt wird. Je nach Spie­le­ran­zahl ent­ste­hen somit ein Häu­serrei­gen um die zen­tra­le Sieg­punkt­leis­te in der Mit­te, die als Stra­ße dar­ge­stellt ist.

Valletta - Spielaufbau

ent­lang der Stra­ße tüm­meln sich Bau­plät­ze

Ablauf... jeder Spie­ler beginnt mit einer glei­chen Start­hand von Per­so­nen­kar­ten und einem Satz Güter (Holz, Stein, Lehm und Gold­mün­ze). Mit die­sen Per­so­nen­kar­ten erhält man meist wei­te­re Güter oder aber auch direkt Sieg­punk­te. Über bestimm­te Kar­ten (Bau­meis­ter) kann man die aus­lie­gen­den Gebäu­de errich­ten (natür­lich gegen Abga­be der gefor­der­ten Güter) und erhält dadurch zusätz­li­che Per­so­nen­kar­ten in sein Kar­ten­deck. Die­ses Kar­ten­deck wird häpp­chen­wei­se durch­ge­spielt. Bei VALLETTA hat man immer fünf Kar­ten auf der Hand und spielt pro Run­de drei davon aus.

Somit ist VALLETTA ein Kom­bi­na­ti­on des klas­si­schen Auf­bau-Mecha­nis­mus (Roh­stof­fe erhal­ten und dafür Bau­en) kom­bi­niert mit einem Deck­buil­ding-Game. Aller­dings gibt es natür­lich noch den ein oder ande­ren Kniff. So läuft auf der zen­tra­len Stra­ße Jean de la Valet­te dem Ziel ent­ge­gen. Immer dann, wenn man Gebäu­de auf glei­cher Höhe baut, erhält man zusätz­li­che Sieg­punk­te. Auch wer­den die Gebäu­de güns­ti­ger, wenn sie zu benach­bar­ten eige­nen Gebäu­den ste­hen. Eine wei­te­re Beson­der­heit ist, dass in der End­pha­se noch­mals das kom­plet­te Deck durch­ge­spielt wird. Es besteht also nicht die Gefahr, dass kurz vor Ende teu­er erwor­be­ne Kar­ten nicht noch­mals genutzt wer­den kön­nen.

Valletta - Spielertableau

vor allem Anfän­ger hilft das Tableau unge­mein

Am Ende addiert man dann die im Spiel erwor­be­nen Punk­te mit den Sieg­punk­ten der gebau­ten (und even­tu­ell auf­ge­wer­te­ten) Gebäu­den und rest­li­cher Güter. Dann weiß man, wer der größ­te För­de­rer Val­let­tas war.

Das gefällt mir nicht so gut: VALLETTA hat einen recht hohen Ver­wal­tungs­auf­wand. Gar nicht ein­mal im Spiel an sich. Dort tauscht man ledig­lich sei­ne Güter hin und her, was von vie­len Spie­lern als posi­tiv betrach­tet wird (zumal die Mate­ria­li­en optisch und hap­tisch anspre­chend sind). Aber im Spiel­auf- und ‑abbau hat man viel zu beach­ten. So gilt es die rich­ti­ge Ver­tei­lung der Gebäu­de­kar­ten sicher zu stel­len. Dann gibt es für jede Gebäu­de­kar­te eine pas­sen­de Per­so­nen­kar­te, die aus dem Sta­pel her­aus gesucht wer­den muss (und am Spie­len­de am bes­ten auch alpha­be­tisch wie­der rich­tig ein­zu­ord­nen sind). Nun sind noch die klei­nen Fäss­chen auf die rich­ti­ge Sei­te zu legen und auf der Stra­ße zu ver­tei­len (das sind klei­ne Beloh­nun­gen, wenn man Jean de la Val­let­te bewegt). Das gan­ze zieht sich ziem­lich – vor allem im Ver­gleich zur eigent­li­chen Spiel­zeit.

Valletta - Ende

es ist nicht leicht, sich einen Über­blick zu ver­schaf­fen

Dabei fällt einem der Ein­stieg nicht ganz so leicht. Sitzt man unglück­lich, muss man alle Kar­ten auf dem Kopf lesen, da die­se vor­nehm­lich mit Text und nur recht klei­nen Sym­bo­len ver­se­hen sind. Kennt man die Kar­ten, ist das kein Pro­blem mehr – am Anfang wur­de jedoch recht viel nach­ge­fragt. Ohne­hin ist der Anfang einer Par­tie etwas zäh, da man sich zuerst einen Über­blick ver­schaf­fen muss. Wel­che Kar­ten lie­gen aus? Wel­che Kom­bi­na­tio­nen bie­ten sich an? So wird meist erst ein­mal die Aus­la­ge ana­ly­siert, bevor die eigent­li­che Par­tie beginnt.

Bei den ers­ten Spie­len hat­ten wir ein klei­nes Pro­blem mit der Tat­sa­che, dass der Start­spie­ler einen gefühl­ten Vor­teil hat­te. Das war schein­bar nicht nur ein Gefühl, da mitt­ler­wei­le Ver­lag und Autor noch eine Anpas­sung des Start­spie­ler­vor­teils ins Spiel gebracht haben. Auch für das 2‑Per­so­nen-Spiel gibt es noch eine sinn­vol­le Regel­er­wei­te­rung. Bei­de Vari­an­ten haben das Spiel run­der gemacht und sind des­we­gen zu emp­feh­len.

Ansons­ten emp­fand ich den Span­nungs­bo­gen als recht flach. Alles ver­läuft rund und glatt, aber mir fehl­ten ein wenig die Ecken und Kan­ten. Es sind eins-zwei Per­so­nen im Ange­bot, die ein wenig Inter­ak­ti­vi­tät zwi­schen den Spie­lern ermög­li­chen. Aber im Gro­ßen und Gan­zen ver­läuft die Inter­ak­ti­on ledig­lich über das gegen­sei­ti­ge Weg­neh­men von Bau­mög­lich­kei­ten. Da ist das zeit­gleich erschie­ne­ne WETTLAUF NACH EL DORADO (auch ein Deck­buil­der) wesent­lich span­nen­der und bot mehr Inter­ak­ti­on. Was mich auch noch stör­te ist die Tat­sa­che, dass gespiel­te 1‑Gü­ter-Stra­te­gi­en (man kon­zen­triert sich auf ein Gut und ertauscht sich den Rest zur Not) meist erfolg­ver­spre­chen­der waren als Misch-Stra­te­gi­en. In mei­nen Augen fühlt sich das etwas doof an, wenn ich bspw. vor einem rie­si­gen Hau­fen Stein sit­ze und wenig auf ande­re Güter ach­ten muss.

Das gefällt mir gut: Des einen Leid', des ande­ren Freud'. Denn die über­schau­ba­re Inter­ak­ti­on emp­fan­den eini­ge Mit­spie­ler wie­der­um als den gro­ßen Plus­punkt. Es kommt einem kei­ner in die Que­re und man kann sich recht gut auf sei­ne Stra­te­gie kon­zen­trie­ren. Was auch kein Feh­ler ist. Denn trotz der Ein­fach­heit der eigent­li­chen Spiel­zü­ge, gibt es doch eini­ges zu beach­ten. So soll­te man schon genau schau­en, über wel­che Per­so­nen­kar­te im Spiel Sieg­punk­te aus­ge­schüt­tet wer­den. Sind für die­se Güter auch die ent­spre­chen­den Gebäu­de im Spiel? Wie kann ich gute Kom­bi­na­tio­nen erwer­ben? Und sind dabei Nach­bar­schafts­ra­bat­te mög­lich? Wer hier­bei plan­voll vor­geht hat ganz sicher Vor­tei­le im Spiel.

Valletta - Detail

Jean de la Valet­te gilt es zu beach­ten

Die zen­tra­le Bedeu­tung der Jean de la Val­let­te Figur gefällt mir eben­falls rich­tig gut. Einer­seits wird damit die­se wich­ti­ge Per­son bei der Ent­ste­hung Val­let­tas gewür­digt, ande­rer­seits brin­gen die Funk­tio­nen der Per­so­nen­kar­te doch eini­ge Wür­ze in das Spiel. So ist der gewähr­te Bau­bo­nus nicht zu unter­schät­zen, kön­nen doch damit eini­ge Punk­te fern­ab der ande­ren Punk­te­quel­len gemacht wer­den. Zusätz­lich kann man mit dem Aus­spie­len der ent­spre­chen­den Per­so­nen­kar­te sein Deck aus­dün­nen bzw. zusätz­lich auf­sto­cken. Dabei sind ver­schie­de­ne Ansät­ze mög­lich, auch wenn die Deck­bau-Kom­po­nen­te im Ver­gleich zu ande­ren Spie­len die­ser Art eher über­schau­bar ist.

Ansons­ten gefällt mir das fluffi­ge Spiel­ge­fühl. Der Mensch sam­melt nun ein­mal ger­ne Roh­stof­fe, um damit etwas auf­zu­bau­en. Die­ses Auf­bau­ge­fühl hat mir bis­her noch kein ande­rer Deck­buil­der in die­ser Form bie­ten kön­nen. Ein wei­te­rer Plus­punkt von VALLETTA ist das schö­ne Spiel mit der Zeit. Es gibt ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, die End­pha­se ein­zu­läu­ten. Dabei stellt sich als Spie­ler dann die Fra­ge: will ich das oder ver­su­che ich lie­ber vor­her noch an eine Kar­te in mei­nem Deck zu kom­men? Und was machen mei­ne Mit­spie­ler? Die­ses Ele­ment erzeugt durch­aus Span­nung.

Noch­mals loben möch­te ich die gra­fi­sche Arbeit und die damit ver­bun­de­ne Aus­stat­tung. Die in die­sem Zusam­men­hang getrof­fe­nen redak­tio­nel­len Ent­schei­dun­gen sind stim­mig und das gan­ze Spiel fühlt sich woh­lig rund an.

Valletta - Detail2Fazit: Es gibt schon ein paar gute Grün­de, war­um VALLETTA nicht die Hit­lis­ten anführt. Aller­dings wun­de­re ich mich schon ein wenig, dass man nach etwa ein­ein­halb Jah­ren so gut wie gar nichts mehr von dem Spiel hört. Gera­de als leich­tes Ein­stei­ger­spiel im Ken­ner­be­reich hat es in mei­nen Augen sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung. Ins­be­son­de­re des­we­gen, weil die Kom­bi­na­ti­on Deck­bu­l­i­der und Auf­bau­spiel vie­le Spie­ler­ty­pen anspricht – aber eben schein­bar nicht nach­hal­tig begeis­tert.

Titel Val­let­ta
Autor Ste­fan Dor­ra
Illus­tra­tio­nen Kle­mens Franz
Dau­er 20 Minu­ten pro Spie­ler
Spie­le­ran­zahl 2 bis 4 Spie­ler
Ziel­grup­pe alles zusam­men haben wol­len­de Ken­ner­spie­ler
Ver­lag Hans im Glück
Jahr 2017

 

Ich bedan­ke mich bei Schmidt Spie­le für die Bereit­stel­lung eines Rezen­si­ons­ex­em­plars. Ich bin mir sicher, dass durch die­se Bereit­stel­lung mei­ne Mei­nung nicht beein­flusst wur­de. Die Bespre­chung spie­gelt mei­ne gemach­te Erfah­rung wider.

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