kritisch gespielt: Andor Junior

Andor Junior von Inka und Markus Brand – erschienen im KOSMOS Verlag

Andor Junior - Box
Foto: KOSMOS

Kin­der kön­nen echt ver­gess­lich sein. Da fragt man fünf­mal nach, ob denn dies oder das in den Schul­ran­zen ein­ge­packt wur­de und natür­lich steht man spä­ter mit die­ser Sache in der Hand an der Tür und ruft den Spröss­lin­gen hin­ter­her. Des­we­gen ist es in mei­nen Augen auch nicht ver­wun­der­lich, dass sich die klei­nen Wolfs­jun­gen bei ANDOR JUNIOR immer und immer wie­der in der Zwer­gen­mi­ne ver­lau­fen.

The­ma... drei jun­ge Wöl­fe haben sich in der Zwer­gen­mi­ne in den Ber­gen ver­lau­fen und wir wol­len sie da raus holen. Zwei Pro­ble­me bestehen dabei. Ers­tens will uns Mart, der alte Brü­cken­wäch­ter, nur über sel­bi­ge las­sen, wenn wir sei­ne Auf­ga­ben bewäl­ti­gen. Zwei­tens ist ein Dra­che auf dem Weg zur Riet­burg und wir soll­ten die Wöl­fe gefun­den haben, bevor die­ser die Burg erreicht. Denn dann ist die Ver­tei­di­gung der Burg wich­ti­ger als die Wolfs­jun­gen und wir eilen als Ver­lie­rer zur Burg zurück. So ganz über­zeugt mich die­se Geschich­te aber nicht, da ich den kau­sa­len Zusam­men­hang zwi­schen Suche und Dra­che als etwas gezwun­gen emp­fin­de. Die Ziel­grup­pe hin­ter­fragt das aber nicht und ergötzt sich lie­ber an den süßen Wolfs­jun­gen.

Andor Junior - Helden
dop­pelt gemop­pelt hält bes­ser!

Illus­tra­tio­nen… sind von Micha­el Men­zel und sind wun­der­voll. Einer­seits zitiert er ganz oft sein eige­nes Spiel (man ver­glei­che nur das Cover von ANDOR JUNIOR mit dem Cover von DIE LEGENDEN VON ANDOR). Ande­rer­seits ist die Bild­spra­che aber per­fekt auf die Ziel­grup­pe abge­stimmt – ohne dabei ins Comic-haf­te abzu­drif­ten, was ansons­ten oft­mals ger­ne bei Spie­len die­ser Art pas­siert. Außer­dem sind, wie man es von Men­zels Spiel­plä­nen gewohnt ist, immer und über­all vie­le klei­ne Details zu erken­nen. Ins­ge­samt also mal wie­der gro­ßes Kino!

Andor Junior - Übersicht
wie­der ein­mal eine vol­le Box

Aus­stat­tung… natür­lich kommt auch ANDOR JUNIOR mit den bekann­ten Papp­auf­stel­lern daher – und glück­li­cher­wei­se darf man wie­der über­le­gen, ob man lie­ber den weib­li­chen oder männ­li­chen Part eines Hel­den­ty­pen spie­len will. Auch die Geg­ner sind übri­gens bekannt, doch sehen die Gors, der Troll und auch der Dra­che nicht mehr ganz so schreck­lich aus. Für die "Buch­hal­tung" gibt es die bekann­ten Hel­den­ta­feln und als Akti­ons­zäh­ler lie­gen nun Son­nen­schei­ben bereit.

Andor Junior - Startaufbau
Andor will ent­deckt wer­den

Auch der Spiel­plan kommt einem ver­traut vor. Wobei anfangs ein Groß­teil davon im Nebel liegt, was durch vie­le Nebel­plätt­chen sym­bo­li­siert wird. Ansons­ten gibt es noch Minen­plätt­chen, Brun­nen­plätt­chen, Fackel­plätt­chen und Auf­ga­ben­plätt­chen. Von die­sen Auf­ga­ben­plätt­chen benö­tigt man aber nur aus­ge­wähl­te Exem­pla­re – je nach dem, wel­che der zehn unter­schied­li­chen Auf­ga­ben man kom­bi­niert.

Andor Junior - Aufgaben
Wie immer: erst die Auf­ga­ben lösen!

Ablauf… nach­dem im Auf­bau die gan­zen Plätt­chen ver­teilt wur­den, dür­fen die Hel­den sich nach und nach über den Spiel­plan bewe­gen. Das kos­tet Zeit, wofür man Son­nen­schei­ben aus­ge­ben muss. Am Ende der Bewe­gungs­pha­se kann man dann noch Aktio­nen auf dem Ziel­feld aus­füh­ren. So kann man bspw. den Brun­nen nut­zen, um neue Son­nen­schei­ben zu erhal­ten, man kann die Nebel­plätt­chen auf­de­cken und abhan­deln oder man kann durch das Kämp­fen Gors ver­trei­ben. Die­ser Kampf wird wie­der über Wür­feln ent­schie­den, wobei nun ein­fach eine bestimm­te Anzahl an Schwer­tern benö­tigt wird. Für jeden erfolg­reich bestrit­te­nen Kampf zieht sich der Dra­che ein Feld von der Burg weg.

Andor Junior - Kriegerin
hal­bes Tag­werk ver­bracht

Haben sich alle Hel­den damit aus­ge­tobt, bricht die Nacht an. Dann bewegt sich der Dra­che wür­fel­ge­steu­ert gen Burg. Auch die Gors lau­fen nun dort­hin und für jeden Gor in der Burg muss noch­mals für eine Dra­chen­be­we­gung gewür­felt wer­den. Dann erschei­nen neue Gors in Andor und die Brun­nen fül­len sich wie­der auf.

Das alles macht man, um die Auf­ga­ben­kar­ten zu erfüll­len. Hat man das geschafft, beginnt das End­spiel. Dazu müs­sen sich die Hel­den in die Mine bege­ben und dort die Wel­pen suchen. Für die­se Suche muss man aber erst ein Fackel­sym­bol gewür­felt haben, bevor man Minen­plätt­chen umdre­hen darf. Aller­dings lie­gen unter den ver­deck­ten Plätt­chen auch eini­ge Dra­chen-Sym­bo­le, die den Dra­chen wie­der gen Burg bewe­gen las­sen (sol­che Plätt­chen gibt es auch unter den Nebel­plätt­chen). Hat man nun alle Wolfs­jun­gen gefun­den, bevor der Dra­che die Burg erreicht, haben alle Hel­den gemein­sam gewon­nen.

Das gefällt mir nicht so gut: ANDOR JUNIOR klingt nach einer Kin­der­ver­si­on der alt­be­kann­ten DIE LEGENDEN VON ANDOR. Aller­dings muss man schon ganz schön dis­zi­pli­niert spie­len, um auf Dau­er erfolg­reich zu sein. Wie auch beim Ken­ner­spiel des Jah­res 2013 geht es in ers­ter Linie um Effi­zi­enz – eine Sache, die Kin­dern eher fremd ist. Die wol­len Aben­teu­er erle­ben, die wol­len sich in Andor frei bewe­gen kön­nen. Was sie dahin­ge­gen nicht mögen ist auf Nebel­fel­der zie­hen und dann nicht die Plätt­chen auf­de­cken. Oder den benach­bar­ten Gor nicht zu ver­mö­beln, nur weil die ande­ren Mit­spie­len­den bes­ser kämp­fen kön­nen. Das alles setzt eine gewis­se Selbst­be­herr­schung vor­aus, die meist erst mit älte­ren Kin­dern ein­her geht. Somit ist in mei­nen Augen ANDOR JUNIOR eher ein klas­si­sches Fami­li­en­spiel als ein Kin­der­spiel. Wer also auf­grund des Juni­ors im Namen eine Ziel­grup­pe wie bspw. bei STONE AGE JUNIOR oder 6 NIMMT JUNIOR erwar­tet, der wird nun ent­täuscht wer­den.

Andor Junior - Würfel
auch die­ses Andor-Gefühl bleibt bestehen: man soll­te Wür­fel­glück haben!

Als Fami­li­en­spie­ler hadert man nun aber etwas mit dem mög­li­chen Wür­fel­pech. Denn wenn es doof läuft und man dem Dra­chen immer drei Bewe­gungs­schrit­te zuge­steht, dann wird es sehr schwer zu gewin­nen und eine Par­tie ist schnell vor­bei. In die­sem Punkt wäre es viel­leicht schö­ner gewe­sen, wenn die Dra­chen­be­we­gun­gen durch die Nebel­plätt­chen mit vor­ge­ge­be­nen Wer­ten daher kom­men und nicht immer nur den Wür­fel akti­vie­ren. Aller­dings hat­ten Kin­der damit weni­ger ein Pro­blem. Die haben die­se Wür­fe­lei meist klag­los in Kauf genom­men, da die­ses Ele­ment als span­nend wahr­ge­nom­men wird. Außer­dem ist das in mei­nen Augen durch­aus auch mit dem gro­ßen Bru­der ver­gleich­bar. Wer in DIE LEGENDEN VON ANDOR dau­er­haft ungüns­tig wür­felt, der wird die Legen­de ver­lie­ren.

Was dahin­ge­gen bei­de Ziel­grup­pen bemän­gel­ten, war das ungüns­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen abwechs­lungs­rei­chen Auf­ga­ben und der sich stets wie­der­ho­len­den fina­len Suche nach den Wel­pen. So kommt es mit ein wenig Erfah­rung zu einem Span­nungs­ab­fall, wenn man end­lich die Auf­ga­ben erfüllt hat. Das fol­gen­de Fina­le fühlt sich dann schlimms­ten­falls als läs­ti­ge Pflicht­auf­ga­be an, die man eben noch abschlie­ßend erfül­len muss. Hier wäre es schö­ner, wenn auch das Fina­le etwas Abwechs­lung bie­ten wür­de. Dabei hät­te es viel­leicht schon gereicht, wenn die Minen­plätt­chen ein grö­ße­res Reper­toire her­ge­ben wür­den, die dann für etwas Über­ra­schung sor­gen. So fühlt sich das Fina­le immer gleich an – was es nun ein­mal auch ist.

Andor Junior - Plättchen
viel Aus­wahl, aber zu wenig Varia­ti­on im Fina­le

Ansons­ten besteht bei ANDOR JUNIOR das typi­sche Alpha­spie­ler-Pro­blem koope­ra­ti­ver Spie­le. Wenn ein Held glaubt, allen ande­ren sagen zu müs­sen, wie die­se nun zu agie­ren haben, dann ist das bes­ten­falls nur ner­vig. Auf­grund der not­wen­di­gen Effi­zi­enz ist aller­dings plan­vol­les Han­deln not­wen­dig und vie­le Kin­der suchen des­we­gen Rat bei älte­ren Mit­spie­len­den. Dann nicht in die Rol­le des Alpha­spie­lers zu rut­schen, ist gar nicht so ein­fach.

Andor Junior - Ablauf
auch die Nacht­pha­se kommt einem bekannt vor

Das gefällt mir gut: ANDOR JUNIOR fühlt sich wie DIE LEGENDEN VON ANDOR an. Das klingt viel­leicht erst ein­mal banal, ist aber in mei­nen Augen durch­aus eine enor­me Autoren-Leis­tung. Denn es ist schon beacht­lich, wie sehr ein­zel­ne Aktio­nen ver­ein­facht wur­den, ohne dabei das Spiel­ge­fühl zu sehr zu beschnei­den. Ein Bei­spiel dafür sind die begrenz­ten Akti­ons­mög­lich­kei­ten wäh­rend der aktu­el­len Run­de. Bis­her muss­te man dafür eine recht abs­trak­te Tages­leis­te im Blick behal­ten, nun wird die­se zeit­li­che Beschränkt­heit durch die Son­nen­schei­ben greif­bar.

Glück­li­cher­wei­se ste­hen auch wie­der unter­schied­li­che Hel­den­fä­hig­kei­ten zur Ver­fü­gung. Die­se ähneln den bekann­ten Cha­rak­te­ren und kom­men einem dadurch ver­traut vor (so haben Magie begab­te Hel­den wei­ter­hin nur einen Wür­fel zur Ver­fü­gung). Durch deren Eigen­ar­ten kön­nen auch unter­schied­li­che Inter­es­sen abge­deckt wer­den. Wer lie­ber kämp­fen möch­te, nimmt sich den ent­spre­chen­den Cha­rak­ter, wer lie­ber suchen will einen ande­ren. Auf­grund der unter­schied­li­chen mög­li­chen Geschlech­ter wird hier­bei auch kei­ne Vor­auswahl vor­ge­ge­ben, was die mit­spie­len­den Kin­der sehr begrüßt haben. Das soll­te eigent­lich mitt­ler­wei­le selbst­ver­ständ­lich sein, ist es aber lei­der all zu oft immer noch nicht.

Andor Junior - Detail
Spe­zia­lis­ten vor!

Durch die unter­schied­li­chen Auf­ga­ben lässt sich recht gut der Schwie­rig­keits­grad anpas­sen. Natür­lich braucht man immer ein gewis­ses Maß an Glück, aber ohne die­sen Glücks­an­teil kämen auch kei­ne Emo­tio­nen auf. Da die Auf­ga­ben sehr kind­ge­recht auf­be­rei­tet sind, kann man sich mit den Jüngs­ten auch auf nur eine oder auch zwei Auf­ga­ben beschrän­ken. Ins­ge­samt ist ANDOR JUNIOR in mei­nen Augen eine Art Trai­nings­camp für das eigent­li­che DIE LEGENDEN VON ANDOR. Wer die Juni­or-Aus­ga­be erfolg­reich gemeis­tert hat, kann sich dann recht pro­blem­los in die wei­te­ren Kämp­fe um die Riet­burg wer­fen. Und die­ser Wunsch nach mehr wur­de eigent­lich bei allen Mit­spie­len­den geweckt. In Fol­ge des­sen kam somit auch wie­der ver­mehrt das Ken­ner­spiel auf den Tisch.

Abschlie­ßend muss ich noch­mals die Auf­ma­chung und die Illus­tra­tio­nen loben. Die Mons­ter kom­men eher lie­bens­wert chao­tisch daher als angst­er­fül­lend grau­sam. Mit den Hel­den kön­nen sich die Jün­ge­ren iden­ti­fi­zie­ren und mit dem hoch­wer­ti­gen Mate­ri­al spielt man ger­ne. Und wer sich nicht in die klei­nen Wöl­fe ver­liebt, der hat ohne­hin kein Herz! 😉

Andor Junior - Fund
Super – der ers­te Wöl­f­ling ist gefun­den!

Fazit: Auch in ANDOR JUNIOR wer­den eher die pla­nen­den als die aben­teu­er­lus­ti­gen Hel­den erfolg­reich sein. Dadurch zei­gen sich deut­lich die bestehen­den Wur­zeln und das typi­sche Andor-Spiel­ge­fühl bleibt erhal­ten. Somit ist ANDOR JUNIOR aber auch eher ein Fami­li­en­spiel als ein Kin­der­spiel. Wer für Jün­ge­re etwas mehr Aben­teu­er auf den Tisch brin­gen will, dem emp­feh­le ich bspw. KARAK. Wer aber jun­ge Andori auf ihren Ein­satz in DIE LEGENDEN VON ANDOR vor­be­rei­ten will, der wird mit ANDOR JUNIOR glück­lich.

Titel Andor Juni­or
Autor Inka und Mar­kus Brand
Illus­tra­tio­nen Micha­el Men­zel
Dau­er 30 bis 45 Minu­ten
Spie­le­ran­zahl 2 bis 4 Spie­ler
Ziel­grup­pe koope­ra­ti­ve Fami­li­en­spie­ler
Ver­lag KOSMOS
Jahr 2020

Ich bedan­ke mich beim KOSMOS Ver­lag für die Bereit­stel­lung eines Rezen­si­ons­ex­em­plars. Ich bin mir sicher, dass durch die­se Bereit­stel­lung mei­ne Mei­nung nicht beein­flusst wur­de. Die Bespre­chung spie­gelt mei­ne gemach­te Erfah­rung wider.

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