Das Format des Speed-Dating sollte es mir erlauben, trotz akuter Zeitnot das ein oder andere kleinere Spiel schnell zu besprechen. Die Realität sieht leider anders aus. Fast ein ganzes Jahr lang habe ich kein Speed-Dating mehr abgehalten. Das Rosen-Liefer-Abo habe ich zähneknirchend kündigen müssen. Doch nun ist es endlich mal wieder so weit und es haben sich mutige Kandidaten gefunden. Den Anfang macht PLAY, gefolgt von BARBECUBES und AUF DIE EIER. Den krönenden Abschluss bildet la petite PETIQUETTE.
Play von Mariano Di Martino – erschienen im KOSMOS Verlag
Nach dem großen Erfolg von HITSTER ist es nicht verwunderlich, dass andere Verlage auch etwas von diesem Stück des Kuchens abhaben wollen. Entsprechend sprießen Musikspiele hervor. KOSMOS hat dabei einen cleveren Move gemacht: Das Spiel MARIMIC: THE MUSICAL TIME MACHINE des schwedischen Autors Mariano Di Martino war in der Szene schon als Geheimtipp bekannt. Denn dessen gewähltes System ist offener und lockt schon immer mit dem Versprechen, eigene Playlists nutzen zu können.
Dieses Versprechen löst PLAY als weiterentwickeltes Format (noch) nicht ein. Allerdings bietet es trotzdem schon viel: bis zu 4.000 unterschiedliche Songs locken uns. Wir können uns zum gemeinsamen Rätseln Musik aus den weltweiten Toplisten oder nur aus Deutschland vorspielen lassen. Rock oder HipHop. Oder noch beschränkter lediglich Liedern von einzelnen Gruppen oder Musiker:innen wie Adele oder Michael Jackson. Auch in den Spielmodi unterscheidet sich PLAY von HITSTER. Da ich dieses auch gerne kooperativ spiele, hat es mir besonders der "Better together"-Modus angetan. Aber auch die anderen drei Modi sind spielenswert. Meist sollen wir dabei das richtige Erscheinungsjahr eines Songs wissen. Allerdings sind auch noch ein paar Karten im Spiel, auf denen Flaggen angezeigt sind. Auf einmal sollen wir wissen, aus welchem Land der Song kommt. Das kann für einige Verwunderungen sorgen. Wobei das teilweise aber auch echtes Nerdwissen ist. Allzu oft spiegelt sich die Herkunft nämlich nicht in der Art der Musik wider – bestenfalls in der Aussprache der englischen Texte. Da ist auf einmal echtes Wissen gefragt und es trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich finde das etwas unglücklich. Denn ich fand schon immer eine Stärke von HITSTER, dass ich aufgrund der Besonderheiten der Musikproduktion ein ungefähres zeitliches Gefühl erhalte.
Aber auch im technischen Maschinenraum ist PLAY breiter aufgestellt. Bis vor kurzem konnte HITSTER nur mit Spotify genutzt werden. Erst seit kurzer Zeit ist dort nun Apple Music ebenfalls impliziert. Beide Dienste unterstützt auch PLAY. Zusätzlich ist auch eine Verknüpfung mit YouTube Music möglich. Die notwendige eigene App wird immer noch im laufenden Betrieb verbessert. Kurz nach Erscheinen war die Handhabung noch etwas nervig. Das flutscht mittlerweile deutlich besser. Und wir erinnern uns, dass auch die HITSTER-App mit der Zeit verbessert wurde und deswegen noch einen kleinen Vorsprung aufweist. Dafür hat PLAY noch einen kleinen Gag zu bieten: durch Umbau des Inlays soll der Handylautsprecher verstärkt werden. Der Profitipp lautet aber immer: nehmt eine vernünftige Bluetooth-Box!
"Herz über Kopf", singt Joris. Genauso ergeht es mir mit HITSTER gegenüber PLAY. Der Kopf preist PLAY als das reifere Produkt, das umfangreicherer, das flexiblere. Aber emotional fängt mich HITSTER mehr! Es macht einen Unterschied, ob ich eine Karte umdrehe und lediglich die Jahreszahl sehe oder zusätzlich auch Interpret:in und Titel. Es macht schneller "klick" im Kopf, es spricht mehr Synapsen an, es schafft eine Verbindung. Das Erscheinen der bloßen Jahreszahl ist so sexy wir ein Karteikarteneintrag. Herz siegt über Kopf! PLAY kann gerne ein Urlaubsquickie sein, für eine langfristige Beziehung setze ich auf das HITSTER-Herzblatt.




Play | Mariano Di Martino | ? | 20 Minuten | 2–10 Personen | 16+ | KOSMOS Verlag
Barbecubes von Brett J. Gilbert und Rob Sparks – erschienen bei The Game Builders
In TINDERBLOX mussten wir Holzscheite und Feuerblöcke auf ein Lagerfeuer stapeln. Dieses kleine Geschicklichkeitsspiel war für den englischen Verlag Alley Cat Games überraschender Verkaufserfolg. Der befreundete Verlag The Game Builders hat das gerne auf Deutsch lokalisiert. Und wie es in der Branche üblich, weil erfolgreich, ist: Es werden vergleichbare Nachfolger gesucht und gefunden.
Statt mit einer viel zu kleinen Pinzette Feuermaterial übereinander zu schichten, sind wir nun in BARBECUBES mehr oder weniger mit dem Gegenteil gefordert: Wir wollen verhindern, dass unser Grillgut in die Glut fällt. Eine Karte gibt uns vor, ob wir Bacon-Scheiben, Patties oder Würstchen greifen müssen. Zusätzlich wird uns vorgegeben, auf wie viele Grillstäbe das Fleisch zu liegen hat.
Schnell wird es eng auf dem Rost und die Herausforderung steigt. Die besonderen Formen des Grillguts erschweren zusätzlich die Aufgabe. Manche Mitspielenden haben schon ein Problem damit, die Hähnchenkeule an sich zu greifen. Auch wenn durch die liebevolle Pixelgestaltung zumindest immer ein paar Kanten vorhanden sind. Wer feinmotorisch gesegnet ist, hat es natürlich leichter. Aber das liegt in der Natur des Genres.
Trotz der optischen Knuffigkeit verliert BARBECUBES recht schnell seinen Reiz. Das Spiel ist eine nette Beschäftigung und sorgt für den ein oder anderen Lacher. Aber die immergleiche Aufgabe sorgt für keinen echten Langzeiteffekt. Im Gegensatz zu TINDERBLOX entsteht auch kein besonderes Gebilde, sondern lediglich ein voller Rost, von dem immer mal etwas herunterfällt.
Somit kann BARBECUBES mal bei einer Grillparty für Auflockerung sorgen. Eine feste Bindung möchte ich nicht eingehen. Übrigens auch nicht mit der äußerst reizvollen Zwillingsdose. Denn die Verlage haben sich nicht den Gag nehmen lassen und bieten auch eine vegetarische Version des Spiels an. Nun grillen wir Auberginen, Karotten und Blumenkohl. Das ist eine feine Sache, zumal auch das Gemüse in der entsprechenden Pixeloptik daherkommt.





Barbecubes | Brett J. Gilbert und Rob Sparks | Rory Muldoon | 3 bis 15 Minuten | 2–6 Personen | 8+ | The Game Builders
Auf die Eier von Udo Peise – erschienen bei Game Factory
Oliver Kahn sei dank: AUF DIE NÜSSE war mal – nun heißt es AUF DIE EIER! Die bekannt kleine Blechbox aus dem Hause Game Factory ist wieder vollbepackt mit Würfeln. Deren Seite zeigen Pfanne und Kochtopf, aufgeschlagene und noch intakte Eier. Sowie Hühner und grüne – und damit verfaulte – Eier. Klassischer KNIFFEL-Logik folgend, dürfen wir in unserem Spielzug diese Würfel bis zu dreimal werfen. Dabei haben wir viele Freiheiten beim Zur-Seite-legen und Noch-mal-Werfen. Lediglich die geworfenen faulen Eier müssen bei den Mitspielenden gelagert werden. Diese sorgen für einen krönenden Abschluss des Spielzugs. Denn diese Würfel werden jetzt von den Mitspielenden noch einmal geworfen, womit manche Kombination vielleicht verbessert oder gesprengt wird – was entsprechend unterschiedliche Emotionen auslöst.
Diese Kombinationen sind recht einfach zu verstehen. Aufgeschlagene Eier wollen mit Pfannen kombiniert werden, der Kochtopf benötigt intakte Eier zum Punkten. Bei den Hühnern wird eine bestimmte genaue Anzahl gefordert, deren Wert im Lauf der Partie erst ansteigt und später wieder abfällt. Für alle das gibt es Punkte, die wir auf einem separaten Zettel notieren müssen. Sollten im Nachwurf wieder faule Eier auftauchen, so zerstören diese bestehende Kombinationen.
Das machen wir so lange, bis jemand die 100-Punktemarke überschreitet. Bis dahin wird gewürfelt, gelacht, geflucht, gezetert und gejubelt. AUF DIE EIER schafft es perfekt Würfelspiel-Emotionen in eine wilde Zockerei zu verdichten. Wie auch im ebenfalls empfehlenswerten AUF DIE NÜSSE sind dabei die Mitspielenden nicht zum Zuschauen verdammt, sondern werden aktiv eingebunden. Es ist ein kleiner, aber genialer Kniff, dass die Nachwürfe der faulen Eier nicht von einem selbst durchgeführt werden, sondern dieses Glückselement in fremde Hände gelegt wird. Das öffnet Raum für Table Talk und schafft ein gemeinsames Erlebnis.
Wieder einmal steckt ein pfiffiges Spiel in einer kleinen Blechbox. Und eventuelle Dornen der nun überreichten Rose können zum Anpiken der Schale benutzt werden, bevor die Eier gekocht werden.



Auf die Eier | Udo Peise | Cyril Bouquet | 15 Minuten | 2–5 Personen | 8+ | Game Factory
Petiquette von Thomas Sellner – erschienen bei Oink Games
Petiquette? Was soll das sein? Meine erste Assoziation ist Etikette. Und damit liege ich womöglich gar nicht so falsch. Schließlich ist ein Verhalten gemäß Etikette ein "identitätsstiftendes Zeichen der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe innerhalb einer Gesellschaft." Doch um mich gruppenkonform zu verhalten, muss ich erst einmal erraten, was die Gruppe denkt. Was sind denn die gemeinsamen Regeln?
PETIQUETTE ist ein besonderes Spiel. Vielleicht sogar eines, welches irgendwann als Gruppe gelöst wird. Es ist eine Art One-Off-Spiel, so wie Peer Sylvester diese Art Spiel neulich bei seiner Besprechung zu COMPRESS definiert hat. Denn als sensible Gruppe grooven wir uns mit der Zeit vielleicht ein und finden einen gemeinsamen Lösungscode. In meinen vielen wechselnden Gruppen kam es allerdings nie dazu. Aber selbst wenn es so sein sollte, ist der Weg dorthin kein leichter – aber ein spannender! Und einer, der uns lehrt: Es gibt kein richtig, es gibt kein falsch. Wir lernen unterschiedliche Denkweisen kennen und wertzuschätzen.
Was machen wir in PETIQUETTE? Zufällig wird in der Mitte eine Reihe aus Karten gebildet, wobei eine davon lediglich ein Fragezeichen anzeigt. Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Fragezeichen durch eine selbst gestaltete Karte zu ersetzen. Wobei die anderen Karten uns Hinweise geben. Die Frage lautet: Wie sähe eine sinnvolle Reihe aus? Soll auf Katze, Ente, Hund nun vielleicht wieder diese Abfolge anschließen? Oder besser gespiegelt, oder vielleicht sogar Hund, Hund, Katze, weil die anderen Eigenschaften "Kopfbedeckung" und "Zahlenwert" ebenfalls mit bedacht werden wollen. Wir suchen Muster in der Abfolge. Und oftmals ist das lediglich ein Gefühl.
Das machen wir alle gleichzeitig und verdeckt. In der Auflösungsphase werden wir belohnt, wenn wir untereinander Übereinstimmungen haben. Dabei ist es faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich wir denken. Was empfinden wir als logische Abfolge und was nicht? Natürlich erklären wir uns nach der Auflösung uns Ideen – und geraten meist in eine wilde, aber nicht ernst gemeinte Diskussion. Schließlich gibt es keine vorgegebene Lösung. Es gibt kein richtig, kein falsch.
Mit diesem verbindenden Ansatz ist es wenig verwunderlich, dass PETIQUETTE im japanischen Verlag Oink Games veröffentlicht wurde. Dieser ist immer für Pberraschungen gut. Allerdings zeigt die Herkunft von Autor Thomas Sellner, dass fernöstliche Philosophie auch in unserem Kulturkreis Wurzeln geschlagen hat. Solche hat PETIQUETTE auch in meinem Regal gebildet und erhält somit die wohlverdiente Rose.



Petiquette | Thomas Sellner | Hisanori Hiraoka | 20 Minuten | 2–6 Personen | 7+ | Oink Games
Hinweis: für die Besprechung wurden von den Verlagen Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt













Kommentar hinzufügen