kritisch gespielt: Tybor der Baumeister

Tybor der Baumeister von Alexander Pfister – erschienen bei Lookout Spiele

Tybor der Baumeister - Box

Foto: Lookout Spiele

Aus dem Kino kennt man das: für eine erfolgreiche Reihe wird gerne auch nachträglich die zugehörige Vorgeschichte erzählt. Das überzeugt nicht immer, ist aber trotzdem für die Fans meist extrem reizvoll. Ob nun OH MY GOODS! – AUFBRUCH NACH LONGSDALE erfolgreich war, kann ich nicht beurteilen. Mir hat diese Story-Erweiterung zu OH MY GOODS! jedenfalls so gut gefallen, dass ich nicht nur den Nachfolger (FLUCHT NACH CANYON BRROK) zu Hause im Regal liegen habe, sondern eben auch die Vorgeschichte um TYBOR DER BAUMEISTER.

Thema… bevor wir in Produktionsketten denken, will Longsdale erst einmal wachsen. Und für die wachsende Bevölkerung benötigt man ausreichend Gebäude, die nun von TYBOR DER BAUMEISTER zu errichten sind. Den Rest der Handlung muss man selbst erleben.

Illustrationen… sind von Klemens Franz und kommen einem natürlich bekannt vor – nichts anderes erwartet man von einer Vorgeschichte. Vielleicht ist der Blick in die Vergangenheit auch der Grund, warum alles die Gebäude in Sepia-Tönen gehalten sind. Aber wie so oft, gibt es nichts zu kritisieren (so fern man seinen Stil mag).

Ausstattung… wenig überraschend besteht diese ausschließlich aus Karten. Diese unterscheiden sich größtenteils in Personen (mit sechs unterschiedlichen „Berufen“) und Gebäude.

Tybor - Karten

verschiedene Berufe und ganz viele unterschiedliche Gebäude

Zusätzlich sind auch verschiedene Szenarien- und Kapitelkarten sowie die Übersichten für die Spieler in der Box. Was leider standardmäßig fehlt, ist eine Wertungshilfe. Aber glücklicherweise durfte ich mit Erlaubnis des Verlags eine zum Download bereitstellen, so dass hier Abhilfe besteht.

Ablauf… ist an sich recht einfach. Allerdings fehlt einem am Anfang der Überblick, auf was das Spiel eigentlich hinaus läuft – auch ein Grund, warum ich die Wertungshilfe konzipiert habe. Denn mit deren Hilfe kann man gut das Spielziel bzw. die Punktevergabe erklären. So gibt es am Ende Punkte für gebaute Gebäude und ausgespielte Bürger (je nach Beruf werden diese anders verteilt). Ebenfalls eine gute Hilfe zum Verständnis sind die Übersichtskarten. Diese zeigen den Ablauf sowie die verschiedenen Ablagebereiche der eigenen Karten. Auf der Rückseite ist übrigens noch ein Geheimauftrag abgebildet. Baut man entsprechend farbige Gebäude kann man für jeweilige Sets noch Zusatzpunkte erhalten.

Tybor - Spielertableau

die Übersichtskarten sind eine große Hilfe – und bringen zusätzlich mit den Geheimaufträgen auf der Rückseite noch Spannung ins Spiel

Doch wie kommt man an die Karten? Es wird gedraftet! Ausgestattet mit gewöhnlicherweise fünf Karten beginnt man einen der vier Durchgänge. Man sucht sich gleichzeitig mit den Mitspielern eine Karte aus und gibt den Rest an den Nachbarn weiter. Nach dem Aufdecken der eigenen Karte entscheidet man, für was man diese nutzen will. Als Bürger genutzt, werden die Karten offen oben ausgelegt. Dies gibt später die Siegpunkte und außerdem kann man teilweise mit den Bürgern billiger bauen. Ebenso für das Bauen wichtig, sind die Karten, die man als Arbeiter rechts ablegt. Diese sind dort aber nur zwischengelagert für den Fall, dass man eine Karte als Baumeister abwirft. Dann können Gebäude aus der offenen Auslage genommen und gebaut werden – und bezahlt wird mit der Arbeitskraft, die man vorher auf der rechten Seite gesammelt hat.

Tybor - Story

Kapitel und Szenarien bringen Varianz ins Spiel

Für Varianz sorgen vier unterschiedliche Szenarien, die immer ein klein wenig den Fokus des Spiels verschieben. Außerdem kommt nun noch das Story-Element hinzu, wie man es von Alexander Pfister bspw. auch aus der PORT ROYAL Erweiterung DAS ABENTEUER BEGINNT… kennt. In acht Kapitel wird die Story um Tybor erzählt.

Das gefällt mir nicht so gut: Neulinge schauen einen meist mit großen Augen nach der Erklärung an. Darin zeigt sich dann die Frage: „Und was sollen wir nun machen?“ Das Prinzip ist irgendwie klar, aber es fehlt einem das Ziel. Denn wie man punkten will, muss man größtenteils selbst bestimmen, in dem man sich anfangs auf bestimmte Bürger festlegt. Im weiteren Verlauf ist man dann davon abhängig, dass die entsprechenden Karten auch bei einem auftauchen. Dieses Abhängigkeitsgefühl kennt man in dieser Form auch von 7 WONDERS, doch ist es meiner Meinung nach bei TYBOR DER BAUMEISTER ausgeprägter (weil mehr Wertungsarten bestehen).

Tybor - Auswahl

es besteht nur eine beschränkte Auswahl an zu bauenden Gebäudekarten

Ansonsten habe ich beobachtet, dass die einzelnen Runden meistens recht ähnlich verlaufen. Von den neuen Karten wird sich erst einmal die Karte mit der höchsten Arbeitskraft gesichert. Erstens benötigt man diese selbst zum Gebäude bauen, zweitens gönnt man sie nicht den Mitspielern. Die zweite ausgewählte Karte wird dann gerne sofort zum Bauen benutzt, da ansonsten die Restauswahl an Gebäuden zu gering ist – schließlich wird die Bauauslage nur am Anfang einer Runde wieder aufgefüllt. Erst danach unterscheiden sich dann die Spielzüge der Mitspieler voneinander. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen (wir reden immer noch von einer Zufallsverteilung der Karten), aber tendenziell kommt das so schon hin. Vielleicht ticken meine Mitspieler und ich in diesem Punkt zu gleich, aber mir fiel das bei TYBOR deutlicher auf als bei anderen Spielen.

Das gefällt mir gut: Alles mit Story ist toll! Na ja, wahrscheinlich nicht alles. Aber ich kann schlecht verhehlen, dass ich ein Fan von solchen kleinen Story-Elementen bin. Dementsprechend gefällt mir die über mehrere Kapitel entwickelte Story auch wieder besonders gut. Für das eigentliche Spielgefühl ist das recht irrelevant – aber wenn schon Spiele nicht verspielt sein dürften…

Tybor - Zwischenstand

ich liebe multifunktionale Karten!

Das Drafting-Prinzip an sich schätze ich ebenfalls sehr. Das generiert einfach Emotionen und sorgt für Interaktion zwischen den Spielern. Kein Wunder also, dass mir TYBOR DER BAUMEISTER ebenfalls gut gefällt – schließlich konzentriert es sich auf diesen Mechanismus. Dabei gelingt es Alexander Pfister wieder sehr elegant den Mechanismus auf einen kompakten Kern zu reduzieren. Ja, die Wertung ist nicht trivial, aber das Prinzip ist sehr schnell verstanden. Die Tiefe kommt eher durch die mehrfachen Funktionsmöglichkeiten der Karten – noch so eine Element, was ich auch sehr gerne mag.

Hinzu kommt noch, dass die Gestaltung in meinen Augen wieder sehr ansehnlich ist – und vor allem eindeutig. Denn die eindeutige Symbolik macht es einem leicht, die verschiedenen Funktionen der Karten zu erfassen.

Fazit: Wer noch auf der Suche nach einem kompakten kleinen Drafting-Spiel ist, der wird bei TYBOR DER BAUMEISTER fündig. Dabei gibt das Spiel nicht vor, mehr sein zu wollen. Allerdings ist es bei weitem auch nicht banal, denn Emotionen kommen ganz sicher auf. Schließlich bekommt man nie die Karten vom Nachbarn, die man selbst ganz gut gebrauchen könnte. Ich habe jedenfalls TYBOR DER BAUMEISTER in mein Herz geschlossen und freue mich schon auf die angekündigte Erweiterung.

Titel Tybor der Baumeister
Autor Alexander Pfister
Illustrationen Klemens Franz
Dauer 20 – 30 Minuten
Spieleranzahl 2 bis 4 Spieler
Zielgruppe Drafting erprobte Familienspieler
Verlag Lookout Spiele
Jahr 2017

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