Würde die Abstimmung zum Deutschen Spielepreis 2023 wie all die Jahre zuvor am 31. Juli enden, dann käme der nun folgende Beitrag reichlich spät. Denn dieser soll unter anderem auch dazu dienen, euch zum Mitmachen zu animieren. Dieser Preis ist eine Anerkennung an die Autor:innen und die Verlage – und er wird relevanter, je mehr Stimmen abgegeben werden. Also macht bitte mit und stimmt eifrig ab! Noch bis zum 15. August habt ihr dafür Zeit.
Ich selbst habe dieses Jahr allerdings nicht mitgemacht. Aufgrund meiner nun begonnen Aufgabe in der Jury Spiel des Jahres passt das nicht mehr zusammen. Trotzdem möchte ich dieses Top-Listen-Format nicht aufgeben. Wie all die Jahre zuvor möchte ich nämlich die Gelegenheit nutzen, euch meine persönliche Bestenliste des letzten Jahrgangs vorzustellen. Ganz verquer gesagt: hätte ich bei der Wahl zum Deutschen Spielepreis 2023 teilgenommen, dann hätten folgende 5 Spiele auf meinem Wahlzettel gestanden:

- HEAT von Asger Harding Granerud und Daniel Skjold Pedersen – erschienen bei Days of Wonder
- DEAD RECKONING von John D. Clair – erschienen bei Alderac Entertainment Group
- NEXT STATION LONDON von Matthew Dunstan – erschienen bei HCM Kinzel
- SEA, SALT & PAPER von Bruno Cathala und Théo Rivière – erschienen bei MM-Spiele
- MARRAKESH von Stefan Feld – erschienen bei Queen Games
Und schon hätte ich dabei einen Fehler gemacht, da eines dieser fünf Spiele gar nicht offiziell im deutschen Handel erschienen ist. Aber das ist das Schöne, wenn man sich frei von Regeln machen kann. Ohnehin plädiere ich schon immer dafür, das Ganze nicht zu bierernst zu nehmen. Denn bei meiner Wahl geht es z.B. auch immer darum, eine gewisse Bandbreite abzudecken. Statt also fünf Kennerspiele aufzuzählen, die sich alle irgendwie ähnlich anfühlen, wähle ich lieber das Beste von diesen fünf und gebe anderen (vor allem kleineren) Spielen einen Platz auf dem Podest. Ich erkläre euch gerne meine Wahl...
HEAT hat mein Herz im Sturm erobert. Schon vor der SPIEL in Essen war ich ganz heiß darauf – und diese Liebe hat sich seit dem nicht abgekühlt. Selbstredend musste ich damit auch die erste Folge unseres neuen Podcasts füllen. Das Spiel vereint so viele Dinge, die ich bei Brettspielen mag. Um das zu illustrieren, zeige ich das mal an einer so tollen Checkliste auf, die ich von der Autowerkstatt nach einer Inspektion in die Hand gedrückt bekomme. Und mehr muss ich dann gar nicht mehr dazu sagen.
- Rennspiel ✔
- Deckbuilding (im weiteren Sinne) ✔
- tolle Ausstattung ✔
- Thema spiegelt sich im Spiel wieder ✔
- funktioniert gut mit jeder Personenanzahl ✔
- bietet hohe Varianz ✔
- hat einen besonderen Humor ✔
DEAD RECKONING ist das Spiel, dass ich gar nicht wählen dürfte, da es nicht regulär im deutschen Handel erhältlich war. Auf der SPIEL wurde es auf deutsch verkauft und auch über den Verlag. Einen deutschen Vertrieb gibt es aber meines Wissens nicht. Ich selbst hatte das Spiel über Crowdfunding geordert – und in dieses Umfeld passt es mit seiner Opulenz auch perfekt hin. Das ist schon ein sehr spezielles Spiel für eine sehr spezielle Zielgruppe. Ich will jetzt aber nicht wieder eine Checkliste bemühen, um diese Behauptung zu untermauern. Glaubt es mir einfach. Vom Thema her schippern wir durch die Karibik – entweder als Piraten oder aber als Eroberer (wobei beides moralisch bedenkenswert ist). Spielmechanisch wird wieder eine Art Deckbau betrieben. Allerdings bleibt hier die Anzahl an Karten immer gleich, durch das besondere Card Crafting System mit den zusätzlichen transparenten Einsteckern in den Kartenhüllen (MYSTIC VALE lässt grüßen), werden die einzelnen Karten aber immer wertvoller. Tolles Spiel mit ganz viel Flair – welches sich auch durch die überbordende Materialfülle entwickelt.
Überbordende Materialfülle ist jetzt nicht das Kennzeichen für NEXT STATION LONDON. Wäre das ein Crowdfunding-Projekt gewesen, dann läge vielleicht noch ein Spitzer für die vier Buntstifte bei und bestimmt noch acht unterschiedliche Spielpläne. Aber das braucht es alles nicht. Dieses kleine Flip-and-Write Spiel kann auch ohne solchen Schnickschnack überzeugen. Für mich als Verkehrsplaner kommt auch endlich das Thema mal vernünftig durch, da ich mich hier nicht bei der Wegeführung gespielt fühle und ich planerisch relevante Entscheidungen treffen kann. Und von wegen das Genre ist mittlerweile ausgelutscht. Nein, da gibt es immer noch positive Überraschungen.
Ebenfalls eine Überraschung stellte SEA, SALT & PAPER dar. Dabei ist schon die Veröffentlichungsgeschichte ungewöhnlich. Es passiert wahrscheinlich nicht oft, dass extra für ein kleines Kartenspiel ein neuer Verlag gegründet wird. Als ob nicht genügend etablierte Verlage ebenfalls Kartenspiele im Programm hätten. Da haben einige Scouts möglicherweise geschlafen. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass dieses Spiel noch einen Weg nach Deutschland gefunden hat und weiß schon jetzt, dass dieses im anstehenden Urlaub wieder zuhauf gespielt werden wird. Lange Zeit hatte sich auf diesem Slot übrigens HITSTER gehalten. Dem wurde zum Verhängnis, dass lange Zeit kein Nachschub erhältlich war – und dieser nun als "Schlager-Edition" aufgetaucht ist. Bisher habe ich mich noch nicht an diese Erweiterung herangetraut, da ich schlimmes befürchte.
Der Sprung von kleiner Kartenbox bis gefühlt zum Umzugskarton könnte kaum größer sein. Denn Zurückhaltung ist jetzt nicht unbedingt die Tugend von MARRAKESH (auch wenn diese später in der Essential Edition zumindest ein wenig geübt wird). Die Möglichkeiten im Spiel sind so überbordend wie wohl das Angebot auf den Souks (den Märkten von Marrakesh). Dabei ist das Spiel als solches recht elegant und gar nicht so verkopft, wie es im ersten Eindruck wirken mag. Auf jeden Fall ist es mein Vertreter der Expertenspiele – wahrscheinlich auch deswegen, weil WAYFARERS OF SOUTH TIGRIS noch nicht auf deutsch erschienen ist. Denn das hat mich im Frühjahr ebenfalls sehr intensiv begleitet und hat ein Platz in meinem Herzen sicher. Dabei kann es bei der überbordenden Fülle problemlos mit MARRAKESH mithalten.
Noch habe ich es mir verkniffen, eine gegenteilige Liste zu erstellen. Ich habe festgestellt, dass meine Filter im Vorfeld recht gut funktionierten, so dass mir große Enttäuschen erspart geblieben sind. Aber ich habe schon gemerkt, dass sich durch meine Arbeit in der Jury nun öfters das Gefühl einstellen wird, vor einem Flop zu sitzen. Vielleicht zähle ich im nächsten Jahr also nicht nur meine Lieblingsspiele des Jahrgangs auf, sondern zusätzlich auch noch meine Enttäuschungen. In dieser Hinsicht kann ich definitiv die Brettagogen empfehlen, die dass schon seit einigen Jahren immer wieder sehr anschaulich und differenziert praktizieren.













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